Enge Zusammenarbeit
95'000-Einwohner: Ist Baden auf dem Weg zur Grossstadt?

Baden und zwölf Gemeinden des Bezirks planen eine sehr enge Zusammenarbeit in diversen Bereichen – «bis hin zu einer Fusion». Das Projekt mit dem Namen Modellstadt ist offiziell gestartet.

Pirmin Kramer, Philipp Zimmermann
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Blick auf Baden.

Blick auf Baden.

Keystone

Wie der Teufel das Weihwasser meiden die offiziellen Sprecher des Projekts das Wort «Fusion». Mit zu vielen Emotionen ist der Begriff in ihren Augen verbunden. Ennetbadens Gemeindeammann Pius Graf (SP) aber äusserte sich am Donnerstagabend an der Gemeindeversammlung unverblümt zur «Modellstadt». Das Projekt sei von 13 Gemeinden mit 95'000 Einwohnern aus dem Bezirk Baden gestartet worden, lanciert von der Stadt Baden. Geprüft werde eine weitere Zusammenarbeit unter den Gemeinden, «bis hin zu einer möglichen Fusion», sagte Pius Graf. Wenige Stunden später folgte die offizielle Mitteilung: «Gemeinsam mehr erreichen – das Projekt Modellstadt ist gestartet.»

Dass in der Region über enge Zusammenarbeit, ja Fusionen diskutiert wird, liess die Stadt Baden in ihren Jahreszielen durchblicken. Dort war geheimnisvoll von einer «60'000-Einwohner-Modellstadt» die Rede, ohne dass es Erklärungen gab. Überraschend ist nun offiziell gar von einem Projekt die Rede, von dem noch viel mehr Menschen betroffen sein könnten. Die am Projekt beteiligten Gemeinden «vereinen zusammen 95'424 Einwohnende», heisst es in der Mitteilung.

Am 4. November 2020 trafen sich die Ammänner von 13 Gemeinden in Baden, sie einigten sich auf das weitere Vorgehen. «Die Modellstadt soll eine theoretische Grundlage mit Zahlen und Fakten schaffen, aus der ersichtlich wird, was sich bei gemeinsamer Erledigung von Arbeiten verändern würde und was nicht sowie welches die ideale Grösse für ein optimales Funktionieren in der Region sein könnte», heisst es.

«Wir wollen Fakten schaffen, nicht mit Emotionen argumentieren»

Die Formulierung tönt technisch – und das ist Absicht, wie Fabian Keller sagt. Der Gemeindeammann von Gebenstorf hat gemeinsam mit Stadtammann Markus Schneider (beide CVP) die Projektleitung übernommen, unterstützt werden sie von einem externen Experten. «Wir wollen nicht mit Emotionen argumentieren, sondern Fakten schaffen auf Basis von theoretisch-mathematischen Erkenntnissen», sagt Keller. «Wir wollen herausfinden, in welchen Bereichen eine enge Zusammenarbeit Sinn macht.» Es gebe Themen, die alle Gemeinden beschäftigen, heisst es in der Mitteilung. Prioritär analysiert und beurteilt werden nun in einem ersten Block die vier Themenbereiche «Behörden, Verwaltung und Organisation», «Finanzen», «Gesundheit, Gesellschaft, Soziales» und «Siedlungsentwicklung, Raumplanung und Mobilität».

Stadtammann Markus Schneider wertet es als «ungemein positives Zeichen», dass sich nicht weniger als 13 Gemeinden bereit erklärt haben, an einem Tisch zu sitzen und Gespräch zu führen. «Wir gingen zuerst von einer kleineren Gruppe aus, darum die Zahl von 60000 Einwohnern in den Jahreszielen», erklärt er.

Markus Schneider

Markus Schneider

Zur Verfügung gestellt

«Die Frage, die wir uns stellen, lautet: Gibt es Gründe, die dafür sprechen, dass eine grössere Stadt besser ist als viele einzelne Gemeinden?» Es handle sich um ein Thema, über das seit Jahrzehnten diskutiert werde, beispielsweise mit der sogenannten Regionalstadt in den 70er-Jahren. «Richtig angefasst hat man das Thema aber nie. Das ändert sich nun.» Es gab immer wieder Kontakte wie nun mit Turgi, die zu Fusionen führen könnten; «nun aber haben wir einen offiziellen Prozess, bei dem vielen Gemeinde gleichzeitig miteinander sprechen».

Die Ergebnisse zu den vier wichtigsten Themenbereichen sollen im dritten Quartal 2021 vorliegen. Fabian Keller erklärt, wie es nun weitergeht: «Im Bereich der Finanzen beispielsweise tragen wir in einem ersten Schritt die effektiven Zahlen aller Gemeinden zusammen und untersuchen anhand der Finanzpläne die künftigen Investitionen auf Synergien. Danach überprüfen wir, welche Folgen es unter anderem auf den Finanzausgleich hätte, wenn wir nicht getrennt, sondern als gemeinsamer Kreis funktionieren würden.» Im Bereich der Regionalpolizeien habelängst mit Erfolg eine Zusammenlegung stattgefunden, nennt Keller ein Vorzeigebeispiel.

Am Treffen im Badener Amtshimmel habe eine positive Stimmung geherrscht; vereinzelt sei jedoch auch Unsicherheit zu spüren gewesen betreffend der Frage, wie die Zukunft der Gemeinde aussehen könnte. Das Projekt sei «ergebnisoffen», sagt Keller. «Gemeinden können aussteigen, andere dürfen hinzukommen.»