Karriere Aargau
Aargauer Firmen suchen verzweifelt Fachkräfte – jetzt hat die Standortförderung eine Idee

So mancher Spezialist such einen Job. Und so manches Aargauer Unternehmen einen Spezialisten. Doch sie finden sich nicht. Die Standortförderung Aargau hat eine neue Idee, wie das Problem zu lösen ist.

Fabian Hägler
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Trotz guter Ausbildung – hier der belgische König Philippe und Bundesrat Johann Schneider-Ammann im Juni zu Besuch bei der ABB in Baden – fehlen in der IT- und Ingenieurbranche im Aargau zahlreiche Fachkräfte.

Trotz guter Ausbildung – hier der belgische König Philippe und Bundesrat Johann Schneider-Ammann im Juni zu Besuch bei der ABB in Baden – fehlen in der IT- und Ingenieurbranche im Aargau zahlreiche Fachkräfte.

Sandra Ardizzone

Als der belgische König Philippe vor gut zwei Monaten die ABB Turbo Systems und die Lehrlingswerkstatt «libs» in Baden besuchte, zeigte er sich beeindruckt von der Ausbildung der jungen Berufsleute. Diese präsentierten unter anderem einen Roboter, den sie programmiert hatten. Bundesrat Johann Schneider-Ammann, der schon 2011 die Fachkräfte-Initiative ins Leben rief, und ABB-Chef Peter Voser lobten dabei das duale Ausbildungssystem. Ist dank der guten Nachwuchsarbeit also alles im grünen Bereich im Aargau, wenn es um gesuchte Fachkräfte geht?

Nein, sagt Marietta Frey von der Standortförderung des Kantons. «Insbesondere in Ingenieur- und IT-Berufen wird im Aargau der grösste Fachkräftemangel beklagt.» Eine vom Verband ICT-Berufsbildung herausgegebene Studie rechnet bis 2024 schweizweit mit einem Mangel an 25'000 Fachkräften im IT-Bereich. Eine Umfrage von Economiesuisse und Swiss Engineering geht langfristig von 50'000 fehlenden Ingenieuren aus. Zahlen für den Aargau liegen nicht vor, doch im Sorgenbarometer des Gewerbeverbandes steht der Mangel an gut qualifizierten Berufsleuten regelmässig weit oben.

Firmen unterschiedlich betroffen

Frey schränkt aber ein: «Interessanterweise äussern sich Firmenvertreter aus den betroffenen Branchen ganz unterschiedlich. Von ‹gar kein Problem› bis zu ‹sehr grosses Problem› hören wir fast alles.» Dies bestätigt eine kurze AZ-Umfrage bei IT- und Ingenieurfirmen im Aargau (Drei Beispiele finden Sie am Ende des Artikels). Im Aargau wird derzeit ein Indikator entwickelt, der angibt, wie stark die verschiedenen Berufe vom Fachkräftemangel betroffen sind. Der Indikator berücksichtigt vier Faktoren: Schwierigkeiten bei der Personalrekrutierung, Verhältnis offener Stellen zu Stellensuchenden, Dauer der Stellenausschreibung und Dauer der Stellensuche. Der neue Indikator, welcher auf einem bestehenden Tool der Arbeitsmarktbeobachtung Ostschweiz, Aargau, Zürich und Zug beruht, soll die Basis für Massnahmen gegen Fachkräftemangel bilden.

Marietta Frey sagt, die Ausprägung des Fachkräftemangels hänge grundsätzlich von drei Faktoren ab: Grösse und Bekanntheit des Unternehmens, Attraktivität des Geschäftsbereichs und Lage. «KMUs im Wynen- oder Suhrental, die hoch spezialisierte Ingenieure suchen, brauchen mehr Zeit um eine Vakanz zu besetzen als grössere und über den Kanton bekannte Unternehmen im Raum Baden, Brugg, Lenzburg und Aarau.» Jedes einzelne Stellenprofil habe offenbar einen bestimmten geografischen Radius, aus dem es Fachkräfte anzuziehen vermag.

Zusätzlich von Bedeutung ist, ob ein Unternehmen eher auf Berufsfachleute oder Akademiker angewiesen ist. «Im ersten Fall hat es die Firma ein Stück weit in der eigenen Hand, wie stark sie sich als attraktiver Lehrbetrieb engagiert und somit gute Lehrlinge anziehen kann», führt Frey aus.

Eine neue Fachkräftetagung

Bei der Standortförderung habe man festgestellt, dass gerade kleine und mittlere Unternehmen im Fachkräftemarketing weniger stark aufgestellt seien. «Dass es sich bei diesen Unternehmen oft um hochinnovative und kompetitive Nischenplayer handelt, ist nicht einmal den Fachkräften im Aargau, geschweige denn ausserhalb des Kantons bekannt», erklärt Frey.
Hier setzt die kantonale Standortförderung mit einem neuen Anlass diese Woche an.

«Karriere Aargau» heisst die Fachkräftetagung, die am Donnerstag im Trafo in Baden stattfindet. Das zentrale Element ist der sogenannte «Company Catwalk». Mit einer kurzen Präsentation werben Firmen direkt vor Ort um die Gunst der Fachkräfte. Diese haben darauf die Möglichkeit, die Verantwortlichen an Informationsständen zu besuchen, Kontakte zu knüpfen und vertiefende Gespräche zu führen. Präsent sind bei «Karriere Aargau» mehr als 30 Unternehmen, neben dem Messebetrieb findet ein Talk mit fünf Firmenchefs statt, die über ihre heutigen Erwartungen an Fachkräfte reden.

TerreActive Aarau: «Es fehlt an Sicherheitsspezialisten»

TerreActive ist eine IT-Sicherheitsfirma aus Aarau. Kunden sind Bund, Kantone, diverse Banken, sowie Firmen wie SBB, Post, Roche, Amag, oder Swisslog. Auf der Terreactive-Website sind sechs Stellen ausgeschrieben. Gründer Marc-Yves Bächli sagt: «Es ist sehr schwierig, Spezialisten zu finden, im IT-Sicherheitsbereich fehlt es an Leuten mit Qualifikationen, die wir suchen.» Zwar bilde man Lehrlinge aus, diese müssten aber die Fachhochschule absolvieren, bevor man sie einstellen könne. «Wir versuchen mit diversen Massnahmen, unseren Bekanntheitsgrad zu steigern, um Fachkräfte aus dem Mittelland zu gewinnen», sagt Bächli. Für diese seien bei der Jobwahl unter anderem der Arbeitsweg und eine interessante Aufgabe deutlich wichtiger als der Lohn.

Finnova Lenzburg: «Es ist ein umkämpfter Markt»

Auf der Website der Finnova AG aus Lenzburg sind gleich elf freie Stellen ausgeschrieben. Finnova bietet unter dem Slogan «Smarter Banking» eine Software an, die bei 100 Banken im Einsatz steht. Geschäftsleitungsmitglied Jörg Steinemann sagt: «Softwareentwickler und -Ingenieure finden wir relativ problemlos, deutlich schwieriger ist es bei Spezialisten wie Produktmanagern oder Businessanalysten.» In den letzten Jahren sei Finnova stark gewachsen, entsprechend oft habe das Unternehmen neue Fachkräfte gesucht. «Es ist ein umkämpfter Markt, wobei wir beides erleben: Leute, die eine Firma in
Zürich vorziehen, aber auch Spezialisten, die zum Beispiel gerade eine Familie gegründet haben, in den Aargau ziehen und lieber in Lenzburg arbeiten.»

Chestonag Seengen: «Wir suchen Leute mit Herzblut»

Die Chestonag AG in Seengen ist ein Ingenieur- und Software-Unternehmen, das Automationslösungen entwickelt, projektiert und installiert. Tätig ist die Firma in den Bereichen kommunale Ver- und Entsorgung, Gebäudeautomation und Kälteerzeugung, Energietechnik und Industrieautomation. Geschäftsleitungsmitglied Markus Möhl sagt: «Bei uns sind alle Mitarbeiter auch Teilhaber, wir suchen Leute, die gut ausgebildet sind, Herzblut für den Job mitbringen und mehr leisten wollen als andere.» Zielgruppe für Chestonag seien Fachhochschul-Absolventen, nicht Höchstqualifizierte ab ETH. «Wir sind mit dem Elektrobereich etwas näher an der Praxis als andere Firmen, darum weniger betroffen vom Fachkräftemangel – einfach ist es trotzdem nicht», sagt Möhl.