Gebenstorf/Tokio

Aargauer Fotograf: «Bevor man die Zerstörung sieht, riecht man sie»

Der Gebenstorfer Fotograf Andreas Seibert machte Bilder in den japanischen Küstengebieten, die vom Tsunami zerstört wurden. Ein Jahr nach der Katastrophe spricht Seibert, der in Tokio lebt, über das Leben, das nicht mehr dasselbe ist.

Der Gebenstorfer Fotograf Andreas Seibert lebt seit 1997 in Japan. Am 11. März 2011 wurde er in seinem Fotoatelier in Tokio vom Erdbeben überrascht. «Es hat sich angefühlt, als wenn man auf einem grossen Stück wabberndem Tofu stehen würde.» Als bekannt wurde, dass das Atomkraftwerk in Fukushima beschädigt worden war, reiste er mit seiner Frau und den zwei Kindern vorübergehend in die Schweiz. Inzwischen lebt Seibert wieder in Japan. Im Mai und im Dezember 2011 besuchte er die vom Tsunami betroffene Küste und hielt die Reisen auf Bildern fest. 

Herr Seibert, Sie waren zweimal an der Küste, die vom Tsunami betroffen war. Was haben Sie gesehen?


Andreas Seibert: Bevor man die Zerstörung sieht, riecht man sie. Ich bin im Mai mit einem guten japanischen Freund der Ostküste Japans entlang gefahren. Die Küstenlandschaft in Tohoku ist wunderschön. Die Hügel, die Dörfer und Wälder in den höher gelegenen Gegenden waren nahezu unversehrt. Dann, jeweils vor Buchten, auf Meereshöhe, haben wir die Zerstörungen gerochen.

Sie haben die Zerstörung gerochen?

Es roch nach Meer, verfaultem Holz und wahrscheinlich auch nach Leichen.

Wie sah es dort aus?

Ich war in einigen zerstörten Städten, in Ishinomaki, Onagawa, Minamisanriku, Kesennuma, Otsuchi und anderen. Die grossen Strassen waren bereits vom Schutt befreit. Daneben aber sah ich surreale Dinge: Bahngleise waren weggerissen, Häuser lagen umgeworfen und zerquetscht in der Gegend, Autos hingen in Bäumen, Fischerboote standen in Reisfeldern.

Haben Sie mit Einwohnern geredet?

Ich habe einen 70-jährigen Mann getroffen. Sein Haus wurde 40 Meter weggeschwemmt, man erkannte es kaum mehr. Er suchte nach seinem Hab und Gut. Ein anderer Mann stand auf dem Fundament seines Elternhauses, das Haus selber war komplett verschwunden.

Wenn Sie an den 11. März zurückdenken, woran denken Sie?

(überlegt lange) Es kommt ein Gefühl von Unsicherheit auf, und auch ein Gefühl von grosser Trauer.

Wie reagieren Sie bei den vielen kleinen Beben, die es in Japan gibt?

Ich bin sensibler geworden. Ich kann die Beben nicht mehr so leicht wegstecken wie früher. Am 1. Januar, dem eigentlich wichtigsten Tag des Jahres in Japan, wurde Tokio von einem starken Beben durchgerüttelt. Wir alle hätten uns einen entspannteren Jahresanfang gewünscht.

Wie hat sich das Leben im letzten Jahr verändert?

Das Land ist in keinem Schockzustand, aber es ist noch weit davon entfernt, das Desaster verarbeitet zu haben. Ich meine, es liegt eine gewisse Schwere auf dem Land.

Und der Alltag?

Das Leben ist nicht mehr gleich wie vor dem 11. März. Die Leute haben ein Misstrauen der Regierung gegenüber entwickelt. Viele Japaner trauen den offiziellen Verlautbarungen, den Strahlungs-Messungen nicht mehr, und sie prüfen die Esswaren und die Spielplätze ihrer Kinder selber.

Man liest, alle vom Tsunami Betroffenen hätten wieder ein Dach über dem Kopf.

Das stimmt wohl. Was ihnen aber fehlt, ist eine Perspektive. Viele der vom Betroffenen waren Fischer oder Bauern. Sie waren gewohnt, sich zu bewegen, mit und von der Natur zu leben. Sie leben jetzt in provisorischen Unterkünften und haben nichts zu tun. Man weiss nicht, ob und wie man ihre Dörfer wieder aufbauen soll. Man weiss nicht, wo die Fischindustrien an den Küsten wieder aufgebaut werden sollen. Unzählige Fragen können nicht beantwortet werden. Und von Tag zu Tag kommen neue Fragen hinzu.

Einige europäische Länder haben den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Warum zögert Japan mit dem Ausstieg?

Die Verflechtung zwischen Politik, Bürokratie und Atomindustrie war viel zu eng. Zu eng für einen sofortigen Ausstieg. Ausserdem hat sich die japanische Atomlobby das Wohlwollen der neben Atomreaktoren lebenden Menschen über Jahrzehnte hinweg erkauft. Die Mehrheit der Japaner aber ist heute gegen Atomkraft.

Gibt es Widerstand?

Spätestens seit Erscheinen eines Untersuchungsberichts vor rund zwei Wochen weiss die japanische Öffentlichkeit, was alles am und nach dem 11. März schiefgelaufen ist. Viele Japaner sind zu Recht wütend.

Was zeigt der Bericht auf?

Unter anderem, dass Tepco die Arbeiter aus Fukushima abziehen und die Anlage sich selbst überlassen wollte. Es wäre dann zu weiteren Explosionen und Kernschmelzen gekommen, noch mehr Radioaktivität wäre freigesetzt worden, die Atomanlage in Tokai, näher bei Tokio gelegen, hätte evakuiert werden müssen und auch diese wäre ausser Kontrolle geraten. Dieses Szenario vor Augen, hat sich die Regierung in Tokio nach dem 11. März tatsächlich mit der Möglichkeit befassen müssen, Tokio zu evakuieren. Die Bevölkerung von Tokio ist viermal so gross wie die Schweiz. Die Menschen hätten alles zurücklassen müssen. Ihre vertraute Umgebung, ihre Freunde, aber auch ihr ganzes Vermögen. Häuser, Strassen, Brücken, Häfen, Flughäfen. Computer, U-Bahnen, Büros. Alles hätte aufgegeben werden müssen, weil eine Atomanlage ausser Kontrolle geraten ist. Eine grausige Vorstellung. Immer noch.

Hat sich Ihre Haltung gegenüber Atomenergie verändert?

Ich war schon immer kritisch gegenüber der Atomkraft. In erster Linie wegen des Atommülls, den wir heute produzieren und den nächsten Generationen überlassen – ohne eine Lösung für eine Endlagerung vorweisen zu können. Ich meine, das ist ethisch nicht vertretbar. Wir vergehen uns gleichsam an den künftigen Generationen. Ich bin froh, dass die Schweiz den Atomausstieg beschlossen hat. Andere Länder werden den gleichen Weg einschlagen, es gibt keinen anderen. Fukushima hat dies gezeigt.

War es je ein Thema, wieder in der Schweiz zu leben?

Es war für uns immer klar, dass wir nicht ewig in Japan bleiben würden, unsere Kinder sollen nach der japanischen Schule auch die Schulen in der Schweiz besuchen können. Die Ereignisse am und nach dem 11.3.2011 haben diese Entscheidung verstärkt.

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