Bühne
Aargauer Kostümbildnerin: «Eigentlich zeichne ich gar nicht gern»

Bereits während ihrer Schulzeit in der Kantonsschule Baden nähte Lenka Radecky wie eine Besessene für die Badener Kleintheaterszene. Nun erobert sie die ganze Theaterwelt mit ihren Kostümen.

Fritz Trümpi
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In Baden aufgewachsen: Kostümbildnerin Lenka Radecky. Fritz Trümpi

In Baden aufgewachsen: Kostümbildnerin Lenka Radecky. Fritz Trümpi

Nähen und Basteln gehörten für Lenka Radecky von Kindsbeinen zum Traumberuf mit dazu, wenn auch auf reichlich unkonventionelle Weise: «Ich liebte es schon in meiner Jugend, Kleider zu schneidern, aber nicht unter dem Aspekt der Mode – was mich faszinierte, waren Theaterkostüme.» Die Leidenschaft zum Schneiderberuf habe sie von ihrer tschechischen Grossmutter geerbt, die eine professionelle Schneiderin in Prag gewesen sei: Lenka Radeckys Eltern emigrierten 1968 in die Schweiz und siedelten sich im Aargau an.

Direkt an Theater

Statt einer Schneiderlehre absolvierte die umtriebige Hobbynäherin aber zunächst die Handelsschule. Parallel dazu bewarb sie sich in Hamburg um einen Studienplatz als Kostümbildnerin. Doch als sie mit einigen Mustern ihrer bisherigen Arbeiten beim dortigen Direktor vorsprach, empfahl ihr dieser, sie solle besser direkt bei einem Theater einsteigen, da sie schon über ein beachtliches Können verfüge, sodass sie im Unterricht nicht mehr viel dazulernen könne.

Verwirrt kehrte Lenka Radecky in die Schweiz zurück und erzählte im Büro von ihren Hamburger Erlebnissen – sie hatte inzwischen einen Nebenjob als Direktionssekretärin bei der ABB angetreten. Ein alter Buchhalter wusste Rat: Er kenne den Kostümdirektor der Bayerischen Staatsoper, und den würden sie jetzt gleich mal anrufen.

Alles ohne schulisch-theoretische Ausbildung

Tatsächlich hatte dieser einen Posten frei, woraufhin Lenka Radecky nach München übersiedelte: «Die Kostümabteilung der Bayerischen Staatsoper war ja damals Weltklasse, es gab in Europa kaum ein Institut von vergleichbarem Ruf – das war für mich ein Riesending, dort aufgenommen zu werden.»

Ohne je eine schulisch-theoretische Ausbildung als Kostümbildnerin absolviert zu haben, übernahm sie sodann für kurze Zeit die Leitung der Abteilung für Kunstgewerbe an der Bayerischen Staatsoper, bevor sie sich wenig später selbstständig machte und bei vielen Opernproduktionen an deutschen, italienischen oder österreichischen Häusern die Ausstattung besorgte.

Kostümbildung als Teamarbeit

Nebenher übernahm sie 2001 die Leitung der saisonalen Kostümabteilung der Tiroler Festspiele in Erl, aus der 2007 die Kostümmanufaktur hervorging, die seither sowohl für die Tiroler Festspiele als auch für weitere Theater Kostümkreationen liefert. Was 2001 mit einer einzigen Haushaltnähmaschine begann, hat sich seither zum veritablen Unternehmen entwickelt: Inzwischen beschäftigt die Kostümmanufaktur neun Angestellte.

Mit viel Enthusiasmus erzählt Lenka Radecky davon, und es wird schnell deutlich, dass sie ihren Beruf buchstäblich mit Leib und Seele ausübt: «Bei mir wird nicht nur das geschneiderte Kostüm an sich, sondern die gesamte Ausstattung, also vom einzelnen Knopf über den Kragen, über Hüte, Schuhe und die Maske, von Anfang bis zum Schluss betreut.» Das Engagement in Erl bringt es mit sich, dass sich Radecky mehrheitlich mit der Ausstattung von Opernkostümen beschäftigt – Musiktheater dominiert den Spielplan.

«Intellektuelle Vorbereitung»

Den Prozess der Kostümbildung versteht sie dabei als Teamarbeit. Gemeinsam mit Regisseuren, Choreografen, Bühnenbildnern und Dirigenten entwickelt sie in intensiven Diskussionen Ideen für die Kostüme – freilich erst, nachdem sie sich ausführlich in den Stoff des entsprechenden Stücks eingelesen und hinein gehört hat: «Diese intellektuellen Vorbereitungen bilden einen wesentlichen Teil meiner praktischen Tätigkeit.»

Dass ihr diese mindestens ebenso viel Spass bereiten wie das Designen, gesteht sie unverblümt und mit der ihr eigenen Offenheit: «Wissen Sie, eigentlich zeichne ich ja gar nicht gerne.» Dabei lacht sie und fügt an, wenn sie sich einmal ans Papier setze, laufe es dann doch ganz gut.

Die kleine Ausstellung zum 10j-ährigen Bestehen der Kostümmanufaktur in den gediegenen Stadtpalaisräumen des wienerischen Internationalen Theaterinstituts der Unesco lieferte kürzlich einen Einblick in das gegenwärtige Schaffen der Badener Kostümbildnerin, die sich inzwischen zur festen Grösse in der internationalen Theaterwelt emporgeschneidert hat.