Bezirksgericht

Aargauer stürzt wegen eines bellenden Hundes – und fordert vom Halter 20 Jahre lang Rente

Der Badener stürzt wegen eines Hundes - doch sind die bald darauf auftretenden Schmerzen davon? (Symbolbild)

Der Badener stürzt wegen eines Hundes - doch sind die bald darauf auftretenden Schmerzen davon? (Symbolbild)

Ein 53-Jähriger forderte wegen fahrlässiger Körperverletzung vom Hundehalter 20 Jahre Rente als Genugtuung – vergeblich.

Peter (alle Namen geändert) ist 67, weisses Haar, schlank, «zwäg und fit», seit 30 Jahren Hundehalter. «Ricky» ist sein dritter Vierbeiner, «öppe 30 Kilo schwer, Mami Labrador, Papi Boxer», antwortet er auf die entsprechenden Fragen von Einzelrichterin Gabriella Fehr. Peter war angeklagt der fahrlässigen Körperverletzung, was ihm letztlich «Ricky» eingebrockt hatte.

Passiert war es an einem Mai-Abend im vergangenen Jahr. Der Zwei- und sein Vierbeiner hatten ihren Abendspaziergang absolviert, «Ricky» hatte in der Limmat gebadet und war, von Peter an der Leine geführt, die Badener Altstadt hinauf unterwegs. In der Rathausgasse las «Ricky» Zeitung – will heissen, er schnüffelte ausgiebig den Häusern entlang.

Unverhofft kommt ein Mann

Plötzlich unterbrach «Ricky» die «Lektüre», bellte unverhofft einen entgegenkommenden Mann an und machte gleichzeitig ein paar Schritte auf denselben zu. Der Mann, nennen wir ihn Uwe, machte vor Schreck brüsk auf einem Absatz kehrt und fiel auf den Rücken. Eine Passantin rief den Krankenwagen, Polizisten aus dem unmittelbar benachbarten Posten eilten herbei, nahmen Peters Personalien auf und der Gestürzte wurde abtransportiert.

Im Spital wurde beim Opfer lediglich eine leichte Gehirnerschütterung diagnostiziert. Rund eine Woche später aber bekam er Schmerzen im linken Fuss, suchte verschiedene Ärzte auf, doch keiner konnte ihm helfen. Überzeugt, dass die Schmerzen vom Rencontre mit «Ricky» stammten, reichte der 53-Jährige Strafanzeige gegen Peter ein. Auf Begehren des Staatsanwaltes liess Uwe im März dieses Jahres ein MRI des Fusses machen. Dabei wurde eine Entzündung im Fersenbereich diagnostiziert wie sie, zufolge Überbelastung, im Alter häufig vorkommt.

Laut Staatsanwalt sollte der Hundehalter zu 1400 Franken Geldstrafe bedingt und 200 Franken Busse verurteilt werden. Gemäss Uwes Zivilansprüchen sollte Peter 626'000 Franken berappen, bestehend aus 2600 Franken Schadenersatz und einer Rente von monatlich 2600 Franken für die Dauer von 20 Jahren als Genugtuung. Auch Uwe erschien vor Gericht. Eine eher ungepflegte Erscheinung, das Haar ziemlich lange, unrasiert, das dunkelblaue Hemd nur halb in der beigen Hose, darüber ein hellblauer Pullover und ein dunkelblauer Kittel, an den Füssen schwarze Marken-Sportschuhe mit hellgrünen Bändeln. Nervös ordnete er ständig seine Akten und schob eine Plastiktüte hin und her.

20 Jahre lang Schmerzen

Peter als Beschuldigter gab auf die Fragen von Gerichtspräsidentin Fehr klare Antworten: «Ricky» sei eigentlich ein «Tscholi»-Hund. Vereinzelt belle er schon mal Personen an. Den Sachkundeausweis habe er mit «Ricky» problemlos erworben. Ja, in der Stadt habe er ihn immer an der Leine. Nein, der Hund sei nicht ganz zu Uwe hingegangen, dafür sei die Leine zu kurz gewesen.

Uwe gab sein in kleiner Handschrift verfasstes fünfseitiges Plädoyer schriftlich ab. Daraus ging hervor, dass bei dem 53-Jährigen «seit 1983 eine Behinderung von 70 Prozent vorliegt, die sich bis 1986 noch verschlimmerte». Wegen der Behinderung müsse er viel und zügig laufen, was nun wegen der sehr schmerzlichen Entzündung am linken Fuss nur noch in sehr teuren Sportschuhen möglich sei. «Orthopäden und Orthopädietechniker sagen, dass mit diesen Schmerzen mindestens 20 Jahre zu rechnen ist, wenn sie überhaupt jemals verschwinden.» Überdies, so Uwe weiter, leide er durch die Folgen des Vorfalls unter sozialer Ausgrenzung: «Mit den speziellen Sportschuhen ist es mehr oder weniger unmöglich, zu gewissen gesellschaftlichen Anlässen zu gehen, von tanzen ganz zu schweigen.»

Sorgfaltspflicht nicht verletzt

Einzelrichterin Fehr sprach Peter von Schuld und Strafe frei und wies Uwes Forderungen ab. «Zwar ist es unbestritten, dass Uwe gesundheitliche Beeinträchtigungen hat, aber eine Kausalität zwischen dem Vorfall mit «Ricky» und dem Schaden ist nicht nachgewiesen. Andererseits ist nicht ersichtlich, dass Peter seine Sorgfaltspflicht dem Hund gegenüber verletzt hatte», begründete die Gerichtspräsidentin.

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