Turgi

Ab 20.44 Uhr darf bei der Familie Özmen wieder gegessen werden

Gute Stimmung bei Familie Özmen, die nach einem Fastentag das feine Essen geniesst, das Mutter Nihal gekocht hat.  Corinne Rufli

Gute Stimmung bei Familie Özmen, die nach einem Fastentag das feine Essen geniesst, das Mutter Nihal gekocht hat. Corinne Rufli

Die az-Reporterin Corinne Rufli war beim Iftar - dem Fastenbrechen nach Sonnenuntergang - einer türkischen Familie dabei. Alle freuen sich, als Punkt 20.44 Uhr wieder gegessen werden darf, doch für den Notfall hat die Familie immer Nutella im Haus.

Hungrig sieht die Familie Özmen nicht aus, als sie mir die Türe im obersten Stock eines Wohnblocks in Turgi öffnet. Auch wenn der Vater Cemil auf die Minute genau weiss, seit wann er nichts mehr gegessen hat: 16 Stunden und 20 Minuten.

Die muslimische Familie hält den Fastenmonat Ramadan. Sie haben mich eingeladen, beim Iftar, dem Fastenbrechen nach Sonnenuntergang, dabei zu sein.

Ein Malheur zu Beginn

Das erste Malheur passiert mir gleich beim Betreten der Wohnung. «Schuhe ausziehen, bitte», sagt der Vater freundlich aber bestimmt, als ich schon eintreten wollte. Die Mutter Nihal gibt mir rote Schlüpfer und bringt mich in die Küche. Es ist warm und riecht nach Fladenbrot. Überall Töpfe, Teig und der heisse Ofen. Tülay, die 27-jährige Tochter hilft der Mutter. «Meine Mutter macht das beste Fladenbrot. Das kann man nirgends kaufen. Ich hoffe, dass ich das auch einmal so hinkriege.»

Ab 20.44 Uhr darf endlich gegessen werden

Die Mutter lacht und sagt, dass sie es schon besser mache als letztes Jahr. Der Vater kommt in die Küche und zeigt auf einen Ramadan-Kalender am Kühlschrank. Um 20.44 Uhr geht die Sonne unter: «Dann dürfen wir essen.» Je näher dieser Zeitpunkt kommt, desto nervöser werden alle. Im Gang steht Gürbey, der 21-jährige und jüngste Sohn der Özmens. Schick in einem Hemd und ein wenig scheu begrüsst er mich. Er und sein Vater ziehen sich ins Wohnzimmer zurück und lesen im Koran.

Dann ist es soweit, punkt 20.44 Uhr: Sohn Gürbey steht im Gang, den Blick nach Mekka gerichtet, und spricht, oder singt. Es ist der Gebetsruf. Ich verstehe nichts. Gleich danach kommen die Frauen mit den dampfenden Töpfen an den Tisch.

«Das Fasten ist eine Einstellungssache»

Das Familienoberhaupt, der Vater, bricht das Fasten mit einer Dattel. «Diese Datteln sind aus Saudi Arabien. Man sagt, dass sie an dem Baum gewachsen sind, den Mohammed einst gepflanzt hat», erklärt er. Linsensuppe wird serviert und die Familie beginnt, mit Freude zu essen. «Das Fasten ist nicht immer einfach», sagt der Vater, «gerade, wenn es so heiss ist, aber es ist eine Einstellungssache.»

Seit 30 Jahren leben die Özmens in Turgi. Cemil und Nihal haben drei Kinder, der Mittlere konnte nicht kommen. Der Vater sagt, er sei froh, dass seine Frau nicht arbeite. «Ich komme am Abend nach Hause und es duftet wunderbar nach Essen. Da verzichte ich lieber auf ein zweites Einkommen.» Cemil arbeitet als Programmierer und Stanzer und trainiert nebenbei die Junioren des FC Windisch.

Google und Orman Kebap

«Ich hätte gerne, dass meine Tochter ein Kopftuch trägt», sagt der Vater. Tülay sagt mir später, dass sie irgendwann ein Kopftuch tragen werde, aber der Zeitpunkt sei noch nicht gekommen. Sie tischt Peperoni, mit Reis gefüllt, auf. Dann Bulgur Pilaw, zu Deutsch Weizengrütze, wie der Sohn nach kurzem Googeln herausgefunden hat. Dazu Orman Kebap, also Erbsen.

Ich erfahre, dass Kebap so viel wie «Über dem Feuer gemacht» heisst. Ich esse und geniesse. «Wir essen nie mit der linken Hand», klärt mich der Vater auf. Ich gebe mir Mühe, doch es passiert mir immer wieder, dass ich das Brot mit der linken Hand zum Mund führe, oder die Gabel aus Gewohnheit links halte.

«Allah al akbar»

Nach dem Mahl holen die beiden Männer ihre Seccade, die Gebetsteppiche, und richten sich wieder nach Osten aus. Auf den Knien beten sie, die Stirn berührt immer wieder den Boden. Das Einzige, was ich raushöre, ist: «Allah al akbar», «Allah ist gross». Die Frauen räumen währenddessen den Tisch ab. Und schon kommt das Dessert auf den Tisch. Mit dem lang ersehnten Kaffee für Vater Cemil, der sich als islamischen Schweizer sieht: «Ich mag Süsses, ich kann kaum warten», sagt er. «Für den Notfall haben wir immer Nutella im Haus.»

Öffentliches Fastenbrechen: Mo, 22. August, ab 19.15 Uhr, Reformiertes Kirchgemeindehaus in Baden. Zur Förderung des interreligiösen Dialogs

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