Die Geschichte Turgis ist untrennbar mit der ehemaligen Baumwollspinnerei an der Limmat verbunden. Das Gebäude wird von Historikern gar als Keimzelle der Gemeinde beschrieben. Denn bevor die Zürcher Brüder Bébié hier Mitte der 1820er-Jahre eine Spinnerei errichteten, war das Gebiet rund um die Limmatschleife praktisch unbewohnt.

Die Fabrik wuchs innerhalb von drei Jahrzehnten zur grössten Spinnerei und damit wohl grössten Fabrik der Schweiz heran. Mitte des 19. Jahrhunderts arbeiteten bis zu 600 Menschen im Dorf, zu dem schnell auch Läden und Gastwirtschaften gehörten.

Als Turgi 2002 mit dem Wakker-Preis des Schweizer Heimatschutzes ausgezeichnet wurde, wurde der Umgang mit der historischen Substanz gelobt, zu der ohne Zweifel auch die alte Spinnerei gehört.

«Wirtschaftlichkeit nicht gegeben»

Die ehemaligen Bébié-Firmen und Gebäude wurden in den 1960er-Jahren von der Firma Brown Boveri aufgekauft, sie befinden sich heute im Besitz der Nachfolgefirma ABB. Im vergangenen Winter wurde bekannt, dass die ABB-Immobilien Pläne hatten, das gut erhaltene und kommunal geschützte Spinnereigebäude so umzubauen, dass 44 Wohnungen darin untergebracht werden könnten. Allerdings wollte sich die Bauherrschaft nur vorsichtig an die historische Substanz herantasten: Sie reichte ein Vorentscheidgesuch ein, das erst vom Gemeinderat und danach allenfalls vom Regierungsrat beurteilt worden wäre. Es ging beim Vorentscheidgesuch um die Frage, ob ein Umbauprojekt aus rechtlicher Sicht überhaupt machbar ist. Diese Frage stellt sich aufgrund der Schutzwürdigkeit.

Auf Anfrage teilt Eveline Szegedi von ABB Immobilien nun mit: «Wir haben das Vorentscheidgesuch zurückgezogen, weil die Wirtschaftlichkeit des Projektes nach eingehender Untersuchung der Bausubstanz nicht gegeben war.» Somit steht fest, dass die Spinnerei – zumindest vorläufig – nicht angetastet wird.

Gemeindeammann Peter Heiniger (Bürgerliche Vereinigung Turgi) sagt: «Anlässlich der Einwendungsverhandlung wurde dem Vorentscheid-Eingeber offengelassen, wie das Verfahren weitergehen wird. Offenbar hat sich dieser nun entschieden, das Vorentscheid-Gesuch zu sistieren. Die Idee dieses Projektes ist bestechend, aber halt nicht ganz so einfach zu realisieren.» Er gehe davon aus, dass sie sicher wieder zu einem späteren Zeitpunkt aufgenommen werden wird.

Zur Bedeutung der Fabrik hatte sich Heiniger bereits im vergangenen Winter geäussert: «Die Spinnerei ist ohne Zweifel eines der wichtigsten Gebäude unserer Gemeinde, eine Art Denkmal, das an die industrielle Vergangenheit Turgis erinnert. Ich persönlich bin der Meinung, dass das Erscheinungsbild der alten Spinnerei so gut wie möglich erhalten bleiben sollte. Gleichzeitig ist aber auch wichtig, dass das Gebäude weiterlebt und weiter genutzt wird.»