Person am Montag
Abenteuer in der Wildnis: Sie ass einen Kaktus, um zu überleben

Emilia Hächler aus Spreitenbach lebte mehrere Tage in der Wildnis. Fernsehkameras begleiteten sie und neun andere Kandidaten auf der Vulkaninsel San Miguel de la Palma. Im Mai ist die 30-Jährige in der SRF-Sendung «Das Experiment» zu sehen.

David Egger
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Emilia Hächler mag die Natur – sei es auf der fernen Insel La Palma oder hier im Aargau.

Emilia Hächler mag die Natur – sei es auf der fernen Insel La Palma oder hier im Aargau.

Alex Spichale

Was ist schleimig, zieht Fäden und schmeckt wie eine Gurke? Seit den Dreharbeiten weiss Emilia Hächler die Antwort darauf: Ein ganz normaler Kaktus. «Diese Pflanze war der absolute Renner», sagt sie. Viel mehr hatte der sonst menschenleere Nationalpark im Norden der kanarischen Vulkaninsel San Miguel de la Palma aber nicht zu bieten.

«Ich bereitete mich darauf vor, mich von Käfern zu ernähren», sagt Hächler. Es kam anders. Hächler ass vor allem Pflanzen, zum Beispiel auch Aloe Vera. Diese schmeckte bitter, ihr Nachgeschmack war eine Tortur. «Meine Zunge hat Tage später noch gebrannt», so Hächler. In einer kargen Bucht assen die Abenteurer Schnecken und Muscheln. Manchmal fischten sie kleine Welse. Im Gegensatz zu ähnlichen Sendeformaten aus Deutschland muss man beim «Experiment» die Nahrung selbst beschaffen. Die Kandidaten sollen ans Limit gelangen und nicht dasitzen und auf ekliges Essen warten.

Die zehn Finalteilnehmer aus zehn verschiedenen Kantonen überstanden insgesamt drei Castingrunden. Mehr als 500 Kandidaten bewarben sich. Das Experiment dauerte zehn Tage. Täglich schied ein Kandidat aus, musste vorzeitig ins Hotel. Mindestens vier Tage wollte Hächler überstehen. Trotz Kameras und der Möglichkeit jederzeit auszusteigen: Hächler erlebte die Wildnis von San Miguel de la Palma mit allen Sinnen, spürte die Extremsituation. Kaum hatte sie dem Fernsehteam etwas ins Mikrofon gesagt, wusste sie jeweils nicht mehr was.

«Es ist, als ob das Hirn ausschaltet. Für blöde Gedanken hat es keinen Platz. Alles richtet sich aufs Überleben», erzählt Hächler. Die Teilnehmer kannten keine Schamgefühle mehr. Nur Lagerfeuer und Löffelstellung wärmten die Kandidaten etwas. Bei fünf Grad in der Nacht schliefen sie jeweils zwei bis drei Stunden. «Alle waren aufeinander angewiesen», so Hächler. Auch beim Umziehen versteckten sich die Kandidaten nicht voreinander.

Selbst das Kennenlernen war auf der Vulkaninsel anders. «In den ersten zwei Tagen ging es nur darum: Was bringt dieser Mensch für unsere Gruppe?», sagt Hächler.

Sechs Kilo abgenommen

Ab dem zweiten Tag hätten die Kandidaten kein Hungergefühl mehr gehabt. «In der Zivilisation kriegt man viel schneller Hunger», so Hächler. In der Wildnis spürte sie bloss, dass sie weniger Energie zur Verfügung hatte. Am Ende des Experiments wog sie statt 53 noch 47 Kilogramm. «Für mich war das an der Grenze zum Erträglichen», so die
30-Jährige aus Spreitenbach. Ein anderer Kandidat habe gar zehn Kilogramm abgenommen. Dennoch sei es toll gewesen zu lernen, mit wie wenig der Mensch auskommen kann.

Im Flugzeug kehrte Hächler von La Palma zurück – an einem Sonntag. Am Montag fuhr sie mit dem Auto bereits wieder von einem Kunden zum nächsten. Sie arbeitet im Aussendienst einer IT-Firma und sagt: «Der Alltag kommt schnell zurück.»

Anfangs sei die Umstellung auf das Leben in der Zivilisation aber schwierig gewesen. Hächler sagt: «Man kann kaufen, worauf man gerade Lust hat.» Oft erinnerte sie sich an La Palma, wenn sie im Laden Orangen sah.

Der Orangenbaum im Paradies

Als die Kandidaten die touristisch kaum erschlossenen Gesteinslandschaften querten, trafen sie unverhofft auf einen Orangenbaum. Schon lange hatten sie nichts mehr zu essen. Sie verspeisten die unreifen Früchte. «Es war das Paradies auf Erden», erzählt Hächler. Aus der Orangenschale kochten sie einen Tee.

Im Nationalpark begegneten sie niemandem. Eine vielfältige Flora wächst auf dem vulkanischen Untergrund. Durch die hohen Baumkronen der Lorbeerwälder dringt die Sonne nicht durch, am Strand kühlt die Bise die Luft auf 15 Grad hinunter. Weit und breit kein Licht. Nichts stört den Sternenhimmel.

Hächler wandert auch gerne durch die Schweizer Natur. Im Forchwald besuchte sie ein eintägiges Überlebenstraining. Dort lernte sie, wie man nur mit einem Zündstein Feuer macht. Zudem hörte sie mit dem Rauchen auf. Zurück in der Schweiz gehören die Zigaretten wieder zum Alltag, genauso wie der Kaffee. Nach einem Monat hat sie sich grösstenteils wieder an das alte Leben gewöhnt.

Ein riesiges Buffet im Hotel, der Luxus eines Wasserhahns und alle wieder am Handy: «Völlig überfordert war ich am Ende des Experiments», so Hächler. Sie lächelt, wenn sie davon erzählt, wie sie sich wieder an Autos, schöne Kleider, Schminke und den Einkauf gewöhnen musste. Abseits der Arbeit braucht sie ihr Handy nicht mehr als nötig. Diesen Vorsatz hat sie sich in der Wildnis gefasst.

Wieso tut sie sich so etwas an?

Drei Unterhosen und zwei Paar Socken durfte sie zum Experiment mitnehmen. Dazu kamen fünf Outdoor-Kleidungsstücke, die ein Sponsor dem Team schenkte. Für Hächlers Eltern ist so ein Leben kaum vorstellbar. «Am Vorabend der Abreise sagte ich ihnen, dass ich bei der Sendung mitmache. Sie können sich nicht vorstellen, wieso man sich so etwas antut.» Hächlers Mann Mathias durfte es schon früher wissen. Erst am Zürcher Flughafen haben die Kandidaten erfahren, wohin die Reise geht.

SRF 2 strahlt die zehnteilige Sendung ab 13. Mai aus. Die Sendung sei für alle interessant und «sicher besser als eine Soap». Vielleicht entdeckt der eine oder andere Zuschauer sogar seine Begeisterung für die Wildnis – so wie Hächler. Zum Experiment gehören nämlich auch bei der dritten Staffel waghalsige Duelle zwischen den Kandidaten, über die noch nichts verraten werden darf. Als Hächler 2013 sah, wie bei der Sendung jemand aus dem Helikopter ins Wasser springen musste, dachte sie: «Geil, so etwas will ich auch machen. Verlieren kann ich nichts.»

Ist der Mensch heutzutage zu weit von der Natur entfernt? «Ja», sagt Hächler, macht es aber niemandem zum Vorwurf. «Wie soll man das auch merken, zwischen Arbeitsstress und Alltagstrott?» Jeder müsse für sich selber die Zeit finden, darüber nachzudenken, was man eigentlich mache. Für Hächler ist klar: Für Kinder ist es das Beste, auf dem Land aufzuwachsen. Sie selbst ist mit fünf Jahren in die Schweiz gekommen, wuchs dann in Geroldswil auf. An den Bauernhof ihrer Grosseltern in Kroatien hat sie nur gute Erinnerungen. Auch heute könnte sie sich vorstellen, etwas abseits zu leben. Für immer alleine in der Wildnis, das wäre ihr dann aber doch zu viel.

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