Abfallsünder
Abfallsündern auf die Finger geschaut

Während vier Wochen war die «Abfall-Polizei» in der Stadt unterwegs und verteilte Bussen.

Sandra Ardizzone
Merken
Drucken
Teilen

Leere McDonald’s-Säcke, Aluminiumfolie vom Kebab und Plastikverpackungen en masse – nach dem Mittag liegt in Baden überall Müll herum. «Baden hat aber kein Litteringpro-blem», sagt Stadtrat Reto Schmid. Littering sei ein Gesellschaftsproblem: «Die Leute sind einfach zu faul. Manchmal sitzen sie 5 Meter von einem Kübel entfernt und werfen den Abfall trotzdem auf den Boden.»

Dem wollte die Stadt Baden entgegenwirken und hat deshalb ein Littering-Konzept nach dem Motto «Prävention, dann Repression» entwickelt: Mit Plakaten wurde informiert, Anfang September waren Litteringbotschafter in der Stadt unterwegs. Diese erklärten den Leuten, dass es verboten ist, Abfall zu Boden zu werfen, und dass dieses Verhalten zu einer Busse führt. Zusätzlich verteilten sie mobile Aschenbecher und Flyer an Passanten. Ab Mitte September patrouillierte schliesslich die Securitas im Namen der Stadt durch Baden und bat Abfallsünder zur Kasse.

50 Franken für Zigarettenstummel

Unauffällig stehen Rachel Forrer und Simon Oezdemir am Rand des unteren Bahnhofplatzes und beobachten aufmerksam die Umgebung. «Die da», sagt Forrer, zeigt auf eine Frau und blickt wieder weg. Die beiden Securitas-Angestellten sind ein eingespieltes Team. Die nächsten Minuten beobachten sie weiterhin die Menschenmenge, bis Forrer plötzlich aufspringt: «Was hab ich gesagt? Sie hat die Zigarette weggeworfen.» Weggeworfen will heissen: auf den Boden. Die beiden nähern sich der älteren Frau, erklären ihre Aufgabe und fordern die 50 Franken Busse ein, die in so einem Fall anstehen.

Der Übeltäter kann hierbei wählen, das Geld sofort zu bezahlen oder seine Personalien anzugeben und dann per Einzahlungsschein zur Kasse gebeten zu werden. Die erwischte Frau blickt Forrer und Oezdemir mit starrem Blick an, zückt ihr Portemonnaie und hält ihnen wortlos eine 50-Franken-Note entgegen. «Das war wohl eher eine komische Begegnung. Sonst erhalten wir mehrheitlich positive Reaktionen; die Leute sind interessiert und fragen nach», sagt Forrer.

Abfall auf Boden trotz 9 Kübeln

In der Badener Innenstadt hat es rund 500 Kübel, 9 davon stehen auf dem Theaterplatz. Dort wirft ein junger Mann ein Papier zu Boden. Als ihn Forrer und Oezdemir darauf ansprechen, meint er: «Bei mir im Dorf darf ich das.» Vielen Leuten ist nicht bewusst, dass sie in Baden etwas Verbotenes tun, wenn sie ihren Zigarettenstummel achtlos zu Boden schnippen.

Nachhaltigkeit ist fragwürdig

Bereits im Frühjahr hatte die Stadt Baden die Littering-Kampagne durchgeführt – mit Erfolg: «Wir konnten im Frühling die Aufmerksamkeit der Passanten merklich steigern. Vergleichen mit der jetzigen Aktion kann man es aber nicht – im Herbst läuft wetterbedingt nicht so viel wie im Frühling», sagt Max Romann von der Stadtpolizei Baden. In den vergangenen vier Wochen ist es zu 42 Verzeigungen gekommen, allesamt wegen Kleinabfällen wie Zigarettenstummeln oder Verpackungen. Trotzdem glaubt Romann nicht an einen nachhaltigen Erfolg: «Die Aktion verlief nicht schlecht, aber man muss realistisch sein: Es ist nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung, den man durch diese Kampagne erreicht.»

«Wirf ja nichts auf den Boden»

Bestimmt erreicht wurde eine Gruppe von Jugendlichen auf dem Theaterplatz: Nachdem sie ihren Abfall über das Bord hinunter auf die Limmatpromenade geworfen haben, schlagen die beiden Securitas-Angestellten zu und stellen sie zur Rede. Die Jugendlichen sind erstaunlich kooperativ und interessiert. Als sie die Busse bezahlt haben und weglaufen, rufen die fünf Jungen einem Freund warnend zu: «Hey, wirf ja nichts auf den Boden!» Oezdemir lacht und meint: «Es ist interessant zu sehen, wie die Leute lernen. Schade ist, dass es nur über den Umweg übers Portemonnaie funktioniert.»