Flamenco

Achtung, dieser Abend ist hochexplosiv

Zwischen Anziehung und Ablehnung: Don Juan (Eloy Aguilar) umgarnt eine seiner drei Musen (Raquel Lamadrid). Alex Spichale

Zwischen Anziehung und Ablehnung: Don Juan (Eloy Aguilar) umgarnt eine seiner drei Musen (Raquel Lamadrid). Alex Spichale

Die Gruppe Flamencos en route feiern den 30. Geburtstag mit der Uraufführung von «perlas peregrinas» im Kurtheater Baden.

Wie oft hat man sie schon auf der Bühne des Kurtheaters Baden erlebt? Oft. Nun gastiert die Tanzcompanie Flamencos en route wiederum in einem Haus, das längst Heimat ist – und damit schliesst sich der Kreis. Vorläufig. Dass die Flamencos 30 Jahre auf freier Wildbahn überlebt haben, ist denkwürdig.

Ergo könnten sie den Geburtstag mit einem rauschenden Fest feiern. Einem? Die Gründerin und Choreografin Brigitta Luisa Merki feiert unter dem Titel «. . . y que más!» («Was sonst»!) gleich vierfach: mit drei neuen Produktionen in der Schweiz und 2015 mit einer Uraufführung in Düsseldorf. Mit «siesta» ist das erste Geburtsgeschenk in der Reithalle Aarau unlängst geöffnet worden; jetzt wurde das zweite, «perlas peregrinas», zum Auftakt der Kurtheater-Saison 2014/15 ausgepackt.

Der Kreis lässt alles offen

Dies vorweg: Es ist eine Inszenierung von feinem Zuschnitt. Nicht Opulenz und damit grosse Ensembleszenen stehen im Zentrum, sondern intime Begegnungen zwischen den Tanzenden und den Sängerinnen sowie dem Sänger und den Musikern. Was im Titel anklingt, wird auf der Bühne Realität: Eine choreografische Perle reiht sich an die andere. Ein kurzer, etwas wehmütiger Blick zurück darf natürlich sein. Was wäre hierfür sinnfälliger als ein Kreis, der alles offen lässt – so, wie 1984, als die Flamencos und ihre Gründerinnen Brigitta Luisa Merki und Susana nach Wegen suchten, um den traditionsreichen Flamenco aufzubrechen und in neue, ungewöhnliche Richtungen zu treiben.

Nichts könnte trefflicher auf die damalige Zeit verweisen als der Prolog zu «perlas peregrinas». Alvise Carbone tanzt diesen barfuss auf dem dunklen Kreis in einem dunklen Raum, der nur vom Schweif eines Kometen erhellt wird. Anfänglich ist bloss das Tappen der Füsse zu hören; lange deutet nichts auf die in den folgenden Werken zu hörenden Staccati in Schuhen hin. Aber mit einem Mal ist er dann doch da, dieser punktgenaue, peitschende Flamenco-Rhythmus, der einem jedes Mal einen Schauer über den Rücken jagt: was für ein dramaturgischer Akzent. Und schon stecken wir mitten drin im ersten Ensemblestück «mirando p’átras», wo sich Tänzerinnen, Tänzer, Musiker, Sängerinnen und Sänger in einem ausgelassenen Spiel erproben und jeder mit jeder tändelt.

Einer ebenso koketten wie ironischen Fussnote gleicht der Auftritt einer Tänzerin im Schleppenkleid. Das stolze Solo wird abgelöst durch ein Duo, dessen fein gesponnene Zwiesprache von arabischem Liedgut (Karima Nayt) und Flamencogesang (Rocio Soto) lebt. Noch hallt diese verinnerlichte Begegnung nach, als drei Tänzerinnen (Carmen Angulo, Carmen Iglesias, Raquel Lamadrid) den Kreis betreten und diesen mit ihren weit schwingenden Kleidern und gemessenen Bewegungen in Besitz nehmen.

Auftritt: Don Juan

Doch jäh mischt sich Don Juan (Eloy Aguilar) unter die Frauen und zeigt jeder von ihnen, weshalb er als Frauenverführer schlechthin gilt. Aguilar, ein Stammtänzer der Compagnie, entfaltet hier sein Können verschwenderisch aus. Der fordernde Gestus geht einher mit dem Staccato-Gewitter wirbelnder Füsse. Als Don Juan umgarnt Aguilar seine Partnerinnen nach allen Regeln der Kunst, bis jeder Widerstand gebrochen ist. Es ist ein einziges Hin und Her zwischen Anziehung und Ablehnung, das sich in Duetten widersprüchlichster Gefühle niederschlägt. Eigentlich bräuchte es eine Tafel mit dem Hinweis «Hochexplosiv». Natürlich weiss Brigitta Luisa Merki um das eherne Theatergesetz von Anspannung und Entspannung. Deshalb lässt sie auf diese förmlich Funken schlagende Szenenfolge etwas völlig anderes – nach einer Idee von Susana – folgen: ein Treffen zwischen Don Quijote (Alvise Carbone) und Sancho Panza (Pedro Obregón).

Wiederum handelt es sich um ein Gespräch – nicht nur zwischen den beiden ungleichen Protagonisten, sondern auch zwischen dem Gitarristen (Juan Gomez) und den Genannten. Wunderbar, wie der Musiker Tanz und Spiel unterstützt, aber auch kontrastiert; schön, wie der Sänger mit seiner kehligen Stimme seinen Herrn «anspricht» und mit diesem eine emotionale Achterbahnfahrt mitmacht. Das ist traurig, aber auch witzig und skurril, weil Merki hier eine subtile Ironie einfliessen lässt, wie sie gewiss nicht in «Nanas», dafür exemplarisch in «Trio Infernal» zu entdecken ist. Rhythmus und Gesang sind hier alles. Der Perkussionist (Fredrik Gille) ist buchstäblicher Tonangeber; der Tänzer (Isaac Tovar) und die Sängerin (Rocio Soto) nehmen diesen ab und variieren ihn – bis zum Feuerwerk prickelnder, unwiderstehlicher Flamencokunst. Und diese spricht von der Fülle des Lebens «. . . y que más».

perlas peregrinas Kurtheater Baden
Di, 21. Oktober, 20 Uhr. Tournee-Daten:
www.flamencos-enroute.com

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