Es war mir verdammt ernst. Ich hatte zweieinhalb Stunden Zeit, und die wollte ich nutzen. Was heisst nutzen, auskosten wollte ich sie, in einer der mir liebsten Weisen. Zugegeben, der Zeitpunkt war eher ungewöhnlich, Mittwochnachmittag, zudem strahlte die Sonne bis über beide Ohren, da muss man doch raus, raus in die Natur, mit Stöcken auf die Baldegg oder Radlerhosen der Limmat entlang – aber ich wollte rein.

Die 3D-Brille, die man mir am Eingang aushändigte, war blank poliert. Trotzdem wischte ich, kaum im Sessel, mit einem Fudi-Tüchlein nach. Wundern Sie sich nicht, hat man halt so dabei, als Vater eines Babys.

Der Saal war erstaunlich leer. Ich sank ins Polster und setzte die Brille auf. Sie war jetzt voller Schmieren, ich musste links und rechts an ihnen vorbei schielen, und traute zunächst meinen Augen nicht, als zehn Minuten in den Film die Türe aufging, und eine Karawane junger Menschen einzog.

Das erste «Pssst» entfuhr mir, als sie einander nach fünf Minuten immer noch in normaler Gesprächslautstärke aufzählten, was sie alles zu essen dabei hätten. Gummischlangen, Ragusa, Lollies. Auf ihren Oberschenkeln prangten XXXL-Popcorn-Tüten, was heisst Tüten, Fässer waren das, ganze Maisfelder hatten wohl abgeerntet werden müssen, und vergiss Dolby Surround. Das Rascheln und Kauen und Schmatzen, das Schlürfen aus gigantischen Pappbechern, bei deren Füllmenge jedes Kamel überlaufen würde, Heimatland, «psssssst, psssst!!»

War ich zu alt? Das Verwenden von Ausrufen wie «Heimatland» lässt zumindest darauf schliessen. Aber genau das war mir das Kino stets gewesen, eine Heimat. Ein sicherer Hafen, von dem aus ich in alle Herren Länder und zu den wildesten Abenteuern aufbrechen konnte. «Pssss!» Und was sollte dieser Laserpointer?!! Und Handys gehören aus!!

In der Pause lauerte ich diesen Kindsköpfen auf. Ich fesselte sie mit ihren Gummischlangen an die Popcornmaschine, stopfte ihnen den Mund mit Lollies und malte ihnen mit den Ragusas Schoggi-Schnäuze ins Gesicht. Dann verwischte ich meine Fingerabdrücke fein säuberlich mit einem Fudi-Tüchlein und machte mich, getarnt unter der 3D-Brille aus dem Staub. Den konfiszierten Laserpointer legte ich meinem Jungen dann abends als Geschenk ins Babybettchen. Seine Augen leuchteten.