Die Untere Halde in Baden gilt als vergessenes Stadtviertel: Abseits der Kommerzmeile Badstrasse–Weite Gasse, findet man dort Fachgeschäfte, ruhige Cafés – und bis vor kurzem auch die wohl kleinste Pizzeria der Schweiz. Das «Da Pippo» mit seinen nur fünf Tischen wurde zwar erst 2009 eröffnet, galt aber schon bald als Geheimtipp unter den Restaurants der Stadt.

Lange blieb das «Da Pippo» aber nicht geheim: Vor allem abends war die Pizzeria stets voll. Bis zur Schliessung Anfang Jahr konnte Wirt Giuseppe «Pippo» Salvatore auf treue Stammgäste zählen, die seinen heiteren, humorvollen und herzlichen Charakter sehr schätzten. «Anders als ein Restaurant, war das hier eine Familie», erinnert sich Pippo.

In den letzten Tagen war er vor allem damit beschäftigt, sein Lokal zu putzen. Der Mietvertrag läuft Ende Juni aus, am Mittwoch war die Abgabe. «Sehr viele Menschen kamen diese Woche vorbei. ‹Schade Pippo, warum hörst du denn auf?›, fragten sie mich. Das waren sicher an die hundert Personen», erzählt der 63-jährige Pizzaiolo.

Pippo hört auf, weil die jahrelange, harte Arbeit nicht spurlos an ihm vorbeigegangen ist. Und gearbeitet hat er viel, der ehemalige Saisonnier, der 1969 aus Apulien, ganz unten im italienischen Stiefelabsatz, in die Schweiz kam. Er spezialisierte sich auf Vakuumbeton und arbeitete auf Baustellen in der ganzen Schweiz. «Weil Zement schnell trocknet, mussten wir grosse Bauten jeweils an einem Tag erledigen.» Lange Arbeitstage gehörten bei ihm schon damals zur Tagesordnung.

Als sich immer öfter Rückenprobleme bemerkbar machten, wechselte Pippo nach 40 Jahren den Beruf und eröffnete in Baden sein kleines Restaurant. Kürzer wurden die Arbeitstage dadurch aber nicht. Im Gegenteil: «16, 17 Stunden Arbeit, das ist normal, wenn man ein eigenes Lokal hat», sagt Pippo. Abends habe er jeweils alleine zehn bis 15 Gäste bedient. Die schönen Erinnerungen an die fünf Jahre Pizzeria seien denn auch Erinnerungen an viel Arbeit.

Wohlverdienter Ruhestand

Pippo hätte noch weiter gemacht, wenn er sich bei einem Sturz nicht am Arm und Handgelenk verletzt hätte und operiert werden musste. Darauf entschied er sich, zurückzutreten. Die Ruhe, die habe er verdient.

Wer letzte Woche an seinem Lokal vorbeiging, konnte noch das eine oder andere Schnäppchen ergattern. «Vino ab 5 Franken» stand etwa vor dem Lokal auf einer schwarzen Tafel geschrieben. Pippo verkaufte die letzten Gegenstände der Pizzeria: Viele Weine, einzelne Bilder, mehrere grosse und kleine Körbe. Auch der grosse Spiegel musste weg. Den Pizzaofen habe er soeben jemandem verkauft. «Viel zu günstig», sagt er, «aber ich muss diese Dinge einfach loswerden.» Pippo hatte seine Pensionskassengelder in das Restaurant investiert. Seine Söhne hätten alle andere Berufe erlernt, eine Übernahme sei nicht infrage gekommen.

Wie weiter? Besitzer schweigt

Obwohl die «Da Pippo»-Zeit mit nur fünf Jahren eher von kurzer Dauer war, wuchs das Lokal – und vor allem sein Wirt – den Badenern ans Herz. Geht Pippo mit seiner Ehefrau jetzt zurück in die Heimat nach Apulien? Dort haben sie immerhin ein Haus. «Eher nicht, denn unsere Söhne und Enkel sind hier in der Schweiz», sagt Pippo, schliesst einen Umzug aber auch nicht ganz aus, denn: «Nur mit der AHV kann man in der Schweiz nicht gut leben.»

Wie es in der Unteren Halde 11 ab nächster Woche weitergeht, wisse er auch nicht. Seinem Vermieter habe er zwar einen italienischen Nachfolger für die Pizzeria vorgeschlagen, sei aber auf Desinteresse gestossen. Die Liegenschaftsbesitzer wollten sich auf Anfrage nicht zur Nachfolge des Lokals äussern.