Baden-Balladen
«Ah, bruchsch no eine? Nimm euse. Mir händ scho gfiired»: Oh Houdini-Tannenbaum!

Autor und Poet Simon Libsig kämpft mit der Tradition. Buchstäblich.

Simon Libsig
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Die gute Nachricht war, ich konnte den Christbaum eines Freundes übernehmen. Secondhand. Das bedeutete, meine Kinder kriegten je ein Geschenk mehr, weil ich das Geld, das ich in den Kauf eines Baumes investiert hätte, nun für die beiden Löwen ausgab. Und! Mein schlechtes Gewissen, einen Baum nur wegen einer einzigen, kurzen Feier zu opfern, war etwas weniger schlecht. Immerhin war er für zwei Familienfeiern gestorben und nicht bloss für eine. Christmas-Tree-Sharing nennt sich das vermutlich in unserer heutigen Welt. Oder «Ah, bruchsch no eine? Nimm euse. Mir händ scho gfiired», in meinem Fall.

Die schlechte Nachricht war, der Baum wollte nicht zu uns. Ja. Ich muss es leider so interpretieren. Das bisschen Leben, das noch in ihm war, schien sich mit allem zu wehren. Als Erstes war da ein «Pffffff». Als ich den Baum fest umklammerte, aufhob und aufs Autodach wuchtete, hörte ich es plötzlich. Es war das Geräusch, als Hunderte Nadeln die Luftpölsterchen meiner Winterjacke perforierten. Genau. 300 Franken in den Wind.

Nach dieser Aktion war bei mir die Luft schon fast draussen. Aber meine beiden Buben wollten den Baum unbedingt nach Hause nehmen. Auch noch, als er sich wie Houdini von seinen Fesseln befreite und an der steilsten Stelle der Kennelgasse wagemutig vom Dach hechtete. Klar hatte ich die Spannsets vergessen! Aber ich hatte den Stamm mit meinem Gürtel am Dachträger festgezurrt und die Krone mit dem Bändel von meinem Kapuzenpulli. Für die kurze Fahrt, und mit einem, sagen wir mal «normalen» Christbaum, hätte das locker gereicht. Aber locker war ab dann gar nichts mehr. Ausser der paar Schrauben des Christbaums. Also, des Christbaumständers. «Kippsicher», stand auf der Verpackung! Und es stimmte auch. Der Baum kippte sicher ein Dutzend Mal. Dreimal begrub er meine Frau, bis sie schliesslich die Weihnachtskugeln wutentbrannt durchs Wohnzimmer pfefferte. Komischerweise in meine Richtung. Und einmal erwischte er den trägeren unserer beiden Kater.

Ich ziehe heute noch Tannennadeln aus seinem Rücken! Erst sah er aus wie ein Stachelschwein mit zu langen Beinen. Dann wie ein Nacktmull. Ja. Das ganze Fell war so verklebt vom Harz, da konnte ich den Bartschneider, den ich mir zu Weihnachten gewünscht hatte, gleich ausprobieren. Das Päckchen, in dem er drin war, überreichte mir meine Frau auf dem Weg zum Nähen. Elf Stiche. Ich habe tapfer gekämpft, meinte sie. Gegen diesen Nordmann von einer Tanne. Wohl wahr! Die Umstände erforderten es, dass ich den Baum, entgegen der Tradition, schon vor dem Fest aus dem Fenster schmiss. Beim nächsten Baum, meinte meine Frau, solle ich einfach aufpassen, dass er mich nicht wieder mit in die Tiefe reisse.

Simon Libsig: Autor und Poet aus Baden

Der Autor (41) hat kürzlich den Krimi «Der Velodieb, der unters Auto kam» und das Hörbuch «Hörbuch «s’Grossmami und d’Helvetia – Generationegschichte» veröffentlich.

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