Bezirksgericht
Ali und die zwei Räuber: ein Gerichtsfall wie aus dem Märchenbuch

Was ein 34-jähriger Türke vor dem Bezirksgericht zu berichten wusste, könnte fast aus «Tausend und eine Nacht» stammen.

Rosmarie Mehlin
Merken
Drucken
Teilen
Spielsüchtiger behauptet: Zwei Männer hätten ihn ausgeraubt und mit dem Tode bedroht.

Spielsüchtiger behauptet: Zwei Männer hätten ihn ausgeraubt und mit dem Tode bedroht.

Keystone

Ali (Name geändert) war 17, als er mit seiner Mutter und dem Bruder in die Schweiz kam, wo der Vater seit Längerem arbeitete. Heute ist Ali 34, wohnt mit seinem Bruder noch immer bei den Eltern und jobbt seit Jahren nur aushilfsweise. Der «Rettungsring», der sich unter dem verwaschenen weissen, blau gestreiften Shirt abzeichnet, ist beachtlich; ein markanter schwarzer Schatten liegt über dem schlecht rasierten, schwammigen Gesicht.

Wegen der Sprache habe er keine Lehre machen können, lässt er vor Einzelrichterin Gabriella Fehr übersetzen, sind seine Deutschkenntnisse doch nach wie vor sehr spärlich. Ali sass in Baden vor Gericht, weil er einen Strafbefehl wegen «Irreführung der Rechtspflege» nicht akzeptieren wollte. Fakt ist, dass Ali an einem Sonntag im Januar letzten Jahres um 00.47 Uhr die Notrufzentrale der Kapo angerufen und gemeldet hatte, er sei in Nussbaumen überfallen und ausgeraubt worden. Den Anruf tätigte Ali vom Kantonsspital aus, wo er beim Notfall eine leichte Blessur am Kopf verarzten liess.

«Bis 3 Uhr war ich im Spital und dann bis 10 Uhr bei der Polizei.» Dass die Beamten auf dem Posten Ali so lange einvernahmen, war nicht – wie er vor der Richterin betont – eine reine Schikane. Vielmehr hatte er sich in diverse Widersprüche verwickelt. So behauptete er zunächst, mit dem Bus von Neuenhof zunächst nach Baden in eine Bar und nach dem Überfall mit einem Taxi ins Spital gefahren zu sein. Dann – und auch vor Gericht – sagte er, den Weg von Neuenhof zu Fuss zurückgelegt zu haben. Als ihm in der dritten Einvernahme Aufnahmen einer Kamera beim KSB vorgelegt wurden, gab er zu, dass kein Taxi, sondern sein Bruder ihn dorthin kutschiert hatte. Zunächst hatte er von zwei Unbekannten gesprochen, um ebenfalls in der dritten Einvernahme zuzugeben, die zwei Männer erkannt zu haben.

Ali ist seit Jahren spielsüchtig

Bei der Befragung durch die Einzelrichterin kam heraus, dass Ali seit Jahren spielsüchtig ist und Schulden zwischen 30'000 und 40'000 Franken am Hals hat. Keinen einzigen von zahlreichen Jobs, vorwiegend in Imbissbuden, hatte er lange behalten können. «Ich habe kein Glück bei der Arbeit», erklärte er weinerlich. Die 4000 Franken, die ihm beim Überfall angeblich geraubt worden waren, habe er als Lohnvorbezug von seinem damaligen Arbeitgeber erhalten, «um Schulden abzuzahlen». Als Richterin Fehr sich wunderte, dass er mit so viel Geld in eine Bar ging, klärte Ali sie dezidiert auf, «das machen wir in unserem Kulturkreis so». Als Fehr den 34-Jährigen mit immer neuen Widersprüchen konfrontierte, ereiferte sich Ali zunächst: Die Räuber hätten Todesdrohungen gegen seine Familie ausgesprochen, wenn er nicht auch noch die restlichen Schulden bezahle. «Ich hatte solche Angst, war psychisch am Ende – und dann kam dieser Strafbefehl. Ich bin doch das Opfer und werde zum Täter gemacht.» Deswegen habe er sogar an Selbstmord gedacht und einen Tag in Königsfelden verbracht, jammerte Ali.

Es half alles nichts. Richterin Fehr erhob den Strafbefehl zum Urteil: Zur unbedingten Geldstrafe von 3600 Franken, plus 5760 Franken Gebühr und Polizeikosten, gesellt sich dazu noch eine Gerichtsgebühr. «Es gibt kein einziges Indiz für einen Überfall, aber es sind ganz viele Lügen nachgewiesen», so die Begründung. Nunmehr zornig, kündete Ali an, dass er das Urteil weiterziehen werde.