Baden

Alleinstehende Seniorin: «Ich kann nicht immer traurig sein»

Die von Pro Senectute Baden organisierte Weihnachtsfeier für ältere, alleinstehende Menschen hat erstmals im Hotel Linde stattgefunden.

«Grad am 24. Dezember sind viele Leute alleine zu Hause und traurig», bekundet die ehrenamtliche Pro-Senectute-Baden-Mitarbeiterin Tanja Weil, der die Organisation der Weihnachtsfeier für ältere, alleinstehende Menschen obliegt. In ihrer Arbeit erlebt sie oft, wie einsam Seniorinnen und Senioren sind. «Ich mache Einsätze bei Menschen im Lebensherbst, die schon 40 Jahre in einem Haus wohnen, aber keinen Kontakt mit den Nachbarn haben. Niemand kümmert sich um sie oder wundert sich, wenn ihr Briefkasten überquillt.» Aber auch die Altersarmut nehme stetig zu. «Deshalb ist es wichtig, dass es an den Feiertagen besondere Angebote für sie gibt.»

Ein Legat macht die Feier seit 1984 möglich

Dank eines Legats der Badener Familie Badertscher kann der Anlass mit einem festlichen Nachtessen seit 1984 durchgeführt werden und ist für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer kostenlos. Jahrzehntelang wurde im Restaurant Winkelried in Wettingen gefeiert. «Weil die Zukunft des Gastronomiebetriebs ungewiss war, mussten wir eine neue Lokalität suchen und fanden sie im Badener Hotel Linde», sagt Weil. Die Betreiberfamilie Wanner, die an Heiligabend die Restauranträume bisher geschlossen hatte, öffnete sie extra für die von Pro Senectute durchgeführten Festivitäten.

Kinder und Enkel lassen sich nicht blicken

Bevor Fritz Wanner Junior der rund 60-köpfigen Gästeschar ein feines Dreigangmenu mit Kürbissuppe, Kalbsbraten und anderen Delikatessen kredenzt, werden heiter-besinnliche Geschichten erzählt, Weihnachtslieder gesungen und den Klängen von Flötistin Rosa und Gitarrist Jürg gelauscht. Die 86-jährige Madeleine erzählt beim Essen, dass sie seit 30 Jahren verwitwet ist und immer noch Heimweh nach ihrer Heimat im Jura hat, obwohl sie schon lange im Aargau wohnt. Sie hat wohl drei Kinder, aber zwei davon leben im Ausland und eines ist schwerkrank. Das macht ihr Sorgen. «Aber ich kann nicht immer traurig sein, denn das ändert gar nichts», sinniert sie. Ein anderer Senior bekundet, dass er drei Sprösslinge und fünf Enkel hat. «Aber sie lassen sich nie sehen. An den Feiertagen empfinde ich das besonders», meint er.

Auch die Brüder Dölf und Martin (55 und 51) sitzen bei der Weihnachtsfeier für ältere, alleinstehende Menschen an einem Tisch. Sie hingen sehr an ihrer Mutter, die unlängst verstorben ist und haben wenig Kollegen und Freunde. «Deshalb sind wir hier», meint der stark handicapierte Dölf. Er berichtet, dass er mit Silvio Rauch im letzten Jahr für den Radiosender Kanal K die Talkshow «Der flotte Dreier» moderierte und Persönlichkeiten wie Cédric Wermuth oder Kurt Aeschbacher interviewen konnte.

Alle bekommen ein Päkchen mit auf den Heimweg

Auch bei den älteren Menschen kommen an diesem Abend viele Erinnerungen hoch. An die eigene Berufskarriere, Weihnachtsfeste in der Familie oder abenteuerliche Reisen mit dem Caravan quer durch Europa. Alle waren sie einmal jung und standen mitten im Leben. Trotzdem wären sie jetzt allein, wenn es die Feier in der «Linde» nicht gäbe.

Tanja Weil gibt sich mit acht freiwilligen Mitarbeiterinnen von Pro Senectute alle Mühe, den Abend für die Anwesenden so schön wie möglich zu gestalten. Bevor sie sich auf den Heimweg machen, bekommen alle ein Päckchen mit Bio-Honig und -Schokolade aus dem Weltladen. Für die meisten ist es das einzige Geschenk, das sie an diesen Weihnachten erhalten.

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