Hier oben fühlt man sich schnell einmal wie in den Ferien. Auf den weiten Wiesen von Münzlishausen hat man eine herrliche Aussicht aufs Höhtal, auf die Lägern, den Sulperg und bis zu den schneebedeckten Alpen. Die Bienen summen auf dem blühenden Löwenzahn, die Schwalben schwirren über die Felder.

Dass das heute immer noch so ist, ist keine Selbstverständlichkeit. Immer wieder gab es Pläne, grössere Teile von Münzlishausen und der Allmend zu bebauen. Manche Pläne sind gescheitert, vieles wurde gebaut, und die Bautätigkeit geht weiter. Vor kurzem wurde im Dorfkern von Münzlishausen, mit seinen stolzen alten Bauernhäusern, der Bau eines grossen Mehrfamilienhauses mit Flachdach bewilligt. Im Eichtalboden und am Rebacher, wo einst Weinberge und später Streuobstwiesen blühten, wurden in den vergangenen Jahrzehnten nach und nach Terrassenhäuser gebaut.

Mit der Überbauung Belvédère auf der vorderen Allmend ist gerade eine der letzten Baulandreserven der Stadt bebaut worden. In diesen Tagen ziehen die neuen Bewohner ein. Die holzverkleideten Mehrfamilienhäuser geben wegen ihrer prominenten Lage beim ehemaligen Schützenhaus viel zu reden im Quartier. «Hier ziehen junge Familien ein, aber auch ältere Quartierbewohner, die ihre Häuser jetzt weitergeben», sagt Nick Marolf, Präsident des Quartiervereins Allmend-Münzlishausen.

Alpabzug von der «Protzenalp»

Auch die hohen Preise gaben zu reden. Aber damit fügt sich die neue Siedlung am Belvédère gut ins Quartier ein. «Man könnte manchmal schon das Gefühl bekommen, dass wir ein bisschen ein versnobtes Quartier sind», sagt Marolf lachend. Manche Badener sprechen verächtlich vom «Bonzenhügel», wenn sie das Quartier meinen. An der kleinen Badenfahrt 1972 organisierten die Quartierbewohner gleich selbst einen «Alpabzug von der Protzenalp». Aber trotz allem Wohlstand gibt es bis heute ein sehr durchmischtes, aktives Quartierleben.
Auf der Allmend lag einst der Badener Steinbruch, heute stehen hier die Pfadi- und Jungwachtheime, der Tennisclub Baden, es gibt zahlreiche Kinderspielplätze.

Es gibt auch einen Coiffeursalon und zwei Kosmetikstudios, ansonsten aber relativ wenig Gewerbe im Quartier – abgesehen von den drei Ausflugsrestaurants Belvédère, Baldegg und Liegehalle. «Wir haben zwar keine Schule mehr und auch keinen Gemeinschaftsraum», sagt Nick Marolf. «Aber wir haben unseren Quartierladen, das ‹Chrättli› und zwei Bauernhofläden.»
Nick Marolf ist in Münzlishausen aufgewachsen. Der 47-jährige ist studierter Umweltnaturwissenschafter und hat einige Jahre in Rütihof gewohnt.

Mit seiner Familie ist er wieder in sein Elternhaus nach Münzlishausen zurückgekehrt. «Es ist schön, hier zu leben», sagt Marolf. «Man lebt sicher, es ist ruhig und man ist immer mitten im Grünen.» Der Quartierverein sei unkompliziert organisiert. Wer im Quartier wohnt, ist automatisch Mitglied. Das Zahlen des Beitrags und das Mitmachen bei den zahlreichen Anlässen sind freiwillig. «Nachdem die erste Generation Allmend-Bewohner alt geworden ist, ziehen jetzt wieder viele junge Familien hierher», erzählt Marolf. Der Kindergarten im Eichtal wurde vor gut zwei Jahren behutsam saniert und um die doppelte Fläche erweitert, nach dem er aus allen Nähten geplatzt war. Hier gibt es seither auch ein Angebot des Vereins Tagesbetreuung Baden.

Die Institution «Chrättli»

Dreh- und Angelpunkt im Quartier ist das «Chrättli». Es ist längst eine Institution. Der Quartierladen wurde 1957 im damals noch jungen Quartier vom Konsumverein Baden gebaut. Nach der drohenden Schliessung wurde er in den Siebzigerjahren von engagierten Quartierbewohnern mit einer Genossenschaft gerettet.

Nachdem der Laden während Jahren mit viel Herzblut von Hanni und Martin Kuhn geführt wurde, hat ihn vor fünf Jahren Timucin «Timi» Demir als Pächter übernommen. Hier gibt es alles für den täglichen Gebrauch – und noch viel mehr. «Jetzt im Frühling sitzen die Leute draussen auf der Terrasse in der Sonne und trinken Kaffee. Im Winter ist es manchmal etwas eng hier drin», sagt Demir und lacht. «Aber es ist schön, wie viele Stammkunden wir haben. Das Chrättli ist sehr familiär.»

Demir achtet sehr auf ein nachhaltiges Angebot, es gibt eine grosse Käsetheke, vieles kommt von Bauernhöfen aus der Nähe. Und nicht zuletzt arbeiten im ‹Chrättli›-Team immer wieder Auszubildende mit einer Beeinträchtigung oder Angestellte, die über den Verein Lernwerk in den Arbeitsmarkt kommen.

Ein anderer Treffpunkt im Quartier ist die Liegehalle. Das Lokal liegt etwas versteckt hinter dem Restaurant Baldegg, mitten in einem Garten voller Blumen und mit herrlicher Aussicht auf die Alpen. Es gehört wie die «Baldegg» den Badener Ortsbürgern. Seit 2010 führen es Annamarie und Thomas Burger als Pächter. Sie wohnen selbst im Quartier und sind so relativ flexibel, denn: Die Liegehalle hat nur im Sommerhalbjahr von März bis Ende Oktober geöffnet – und nur bei schönem Wetter. «Wir schauen Tag für Tag in den Himmel und haben zum Glück auch flexibles Personal», sagt die 60-jährige Annamarie Burger lachend.

Die Karte ist klein, aber fein, und die Ruhe, die man hier geboten bekommt, ist fast unbezahlbar. Das kommt nicht bei allen gut an: Kinder dürfen im Liegehalle-Garten nicht herumtoben, sondern müssen am Tisch sitzen bleiben. Das steht so im Pachtvertrag. «Es braucht manchmal ein dickes Fell. Aber die Liegehalle soll ein Ort für die ruhesuchende Bevölkerung und die Gäste der Stadt Baden sein», erzählen die Burgers. «Wir verstehen, wenn das manche ärgert. Aber der Spielplatz der Baldegg ist so nah, dort können sich Kinder nach Lust und Laune austoben.» Geschaffen wurde das Lokal einst explizit für die Kurgäste. Hier kehrten zahlreiche Berühmtheiten auf ihren Spaziergängen ein und ruhten sich im Garten aus. «Am Guten soll man festhalten», sagt Annamarie Burger, bevor sie wieder von Tisch zu Tisch eilt und ihre Gäste bedient.

Wertvoller Lebensraum

Der Wasserturm gleich neben der Liegehalle wurde 1985 als Reservoir gebaut und 2004 aufgestockt. Von hier aus hat man ebenfalls eine prächtige Aussicht auf die Alpen, den Schwarzwald und über die Felder der Baldegg. Es gab hier immer wieder Pläne für einen Golfplatz – bisher sind sie alle gescheitert. Dafür hat die Stadtökologie in den letzten Jahren zahlreiche wertvolle Lebensräume für Flora und Fauna geschaffen.

Vom Wasserturm aus hat man auch den besten Blick über Münzlishausen: Der Weiler ist bis heute auch ein kleines Bauerndorf geblieben. Westlich der Baldeggstrasse betreiben Meinrad und Marie-Louise Suter mit ihrer Familie einen Obsthof, zu dem auch ein Pro-Specie-Rara-Garten mit 800 alten Apfel- und 250 Birnenbäumen gehört.

Auf der anderen Seite der Baldeggstrasse liegt der Bauernhof von Niklaus Suter, der den Bio-Betrieb 2016 von seinen Eltern Martin und Ursula übernommen hat. Gleich neben dem Hof steht das alte Münzlishauser Schulhaus, in dem heute der Waldkindergarten und die Waldspielschule eingemietet sind. Die Suters gehörten vor rund 30 Jahren zu den ersten Landwirten weit und breit, die einen Direktverkauf auf dem Hof einrichteten. Jetzt haben die Eltern ein eigenhändig gebautes «Stöckli» neben dem Bauernhaus bezogen. Um den kleinen Bio-Laden kümmert sich Ursula Suter, zusammen mit Tochter Evelyne Lüscher, nach wie vor.

Damhirsche statt Mutterkühe

Niklaus Suter ist nicht nur Landwirt, sondern auch selbstständiger Hufschmied. Mit der Übernahme des Hofes hat er auf eine neue Form der Bewirtschaftung gesetzt: Statt Mutterkühe weiden jetzt rund 45 Damhirsche auf den Wiesen der Familie Suter. Zusammen mit den Jungtieren werden es dereinst rund doppelt so viele sein. Letzte Woche wurde der zweite Teil des Geheges fertig, das jetzt vom Friedhof Münzlishausen bis fast zum Kindergarten im Eichtal reicht. Die Hirschzucht dient der Fleischproduktion und ist wie der ganze Hof von Bio Suisse mit der Knospe zertifiziert.

Niklaus Suter, der auch schon anderthalb Jahre in Kanada gearbeitet hat, erzählt: «Ich habe mir schon überlegt, auszuwandern. Aber ich bin wieder in Münzlishausen gelandet.» Er bereut es nicht. Die Damhirsche sind eine Herausforderung, aber langfristig weniger zeitintensiv als Kühe. Und sie haben viel Platz: Die Gehege umfassen insgesamt 55 000 Quadratmeter. Zugleich sind die Wiesen mit zahlreichen Hochstammbäumen, Hecken und einem geplanten kleinen Weiher ein wertvoller Lebensraum für einheimische Vogel- und Insektenarten.

Nach einem Jahr Hirschzucht ist Suter zufrieden, auch anfängliche Bedenken aus dem Quartier sind weitgehend verflogen: «Die Arbeit mit den Hirschen macht viel Freude.» Die Arbeit geht den Suters aber auch sonst nicht aus: Es gibt auf dem Hof auch noch Pferde, Hühner, Bienen, zwei Gänse und Katzen. Einen grossen Teil des Betriebs macht der Obstbau aus. Auf den Wiesen hinter dem Hof wachsen Äpfel, Kirschen und Tafeltrauben. Die Obstbäume stehen jetzt in voller Blüte. Das alles ist ein Teil der wachsenden Stadt Baden – in der man sich als Besucher manchmal fast wie in den Ferien fühlt.