An der Rathausgasse 1 fällten Ratsherren immer wieder richtungsweisende Entscheide: Das Rathaus war von 1426 bis 1712 der wichtigste Versammlungsort der Tagsatzungen der Alten Eidgenossenschaft; 1714 unterzeichneten hier der französische Marschall Villars und im Namen des Kaisers Prinz Eugen von Savoyen den Frieden von Baden, der den Spanischen Erbfolgekrieg beendete.

Und Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Karl Killer als Stadtammann über 20 Jahre lang seinen Amtsitz im Rathaus. «Das war aussergewöhnlich, war er doch der erste reformierte Stadtammann, der zudem der SP angehörte», sagt Stadtführer Fredy Hauser. Nur sein direkter Nachfolger Max Müller (FDP) blieb mit 25 Jahren länger im Amt als er. Die Amtszeit des CVPlers Josef Bürge (1985-2006) betrug wie jene von Killer 21 Jahre.

In seiner Regierungszeit sorgte der aufgeschlossene Karl Killer dafür, dass Baden die Wirtschaftsnöte der Dreissigerjahre besser als andere Krisengemeinden überstand und die Stadt ein zweites Kino erhielt, das sein Vorgänger Joseph Jäger noch verhindert hatte. Killer setzte auch zahlreiche Bauten um: den neuen Schlachthof, das Bezirksschulhaus, das Verwaltungsgebäude der Regionalwerke, das Terrassenschwimmbad, die Erweiterung des Städtischen Krankenhauses oder den Friedhof Liebefels.

Karl Killer.

Karl Killer.

«Ironie des Schicksals war, dass Karl Killer nach seinem Tod am 7. Januar 1948 als Erster auf dem neuen Friedhof zu Grabe getragen wurde, obwohl dieser eigentlich noch nicht offiziell eröffnet war», sagt Hauser. «Der Leichenzug durch Baden legte den Verkehr lahm, da so viele Teilnehmer mitliefen.» Es war der letzte traditionelle Leichenzug in der Stadt.

Auch ausserhalb Badens schrieb der in Gebenstorf aufgewachsene Karl Killer Geschichte: Von 1914 bis 1948 war er Grossrat, ab 1922 als Erster SP-Präsident; 1919 bis 1943 war er als erster Sozialdemokrat Nationalrat und 1943 wurde er als erstes Aargauer SP-Parteimitglied in den Ständerat gewählt.

Als Präsident des Aargauischen Lehrerverbandes kämpfte er für die ökonomische Besserstellung der Lehrerschaft. Zudem führte er den Handarbeitsunterricht für Knaben ein. Er war es auch, der 1919 das Lehrerbesoldungsgesetz entwarf, nach dem der Staat neu den Lohn der Lehrer zahlte. «Man sagt über Karl Killer, dass er keine laute Kampfnatur war, sondern die ruhige, sachliche Auseinandersetzung liebte», sagt Hauser. «Er war in der Stadt sehr beliebt.»

Der Amtssitz der Badener Regierung wurde in der Mitte des 14. Jahrhunderts erbaut und ist das älteste erhalten gebliebene Gebäude der Rathausgasse. Vom Löwenbrunnen her zu sehen ist das um dieselbe Zeit erbaute Stadthaus. Rechts davon befindet sich das Rathaus, noch weiter rechts das Zeughaus. Seit 1995 ist das Rathaus in der Liste der Kulturgüter von nationaler Bedeutung aufgeführt.