125 Jahre
Als noch jeder zweite Badener Steuerzahler bei der BBC arbeitete

Im Rahmen des 125-Jahr-Jubiläums von BBC/ABB gehen die Autoren Bruno Meier und Tobias Wildi im Buch «Company Town» der Frage nach, wie sich die jahrzehntelange Dominanz der BBC in Baden auf die Stadtbewohner und deren Leben ausgewirkt hat.

Bruno Meier
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Wie die Firma BBC, später ABB die Region prägte
12 Bilder
Das Areal der BBC auf einer Fliegeraufnahme aus dem Jahr 1929.
Die Gründer der BBC veränderten das Stadtbild: Hier die Villa Langmatt der Familie Brown im Rohbau um 1900.
Gleich neben der Langmatt baute sich Charles E.L. Brown an der Römerstrasse 1899 die Villa Römerburg. Sie wurde 1957 abgerissen.
Am Ländliweg entstanden die Villen Funk und Boveri (im Bild) mit grossen Parkanlagen, Stallungen und Gärtnereien.
Das Portal der BBC an der Haselstrasse anno 1916, um 12 Uhr mittags.
Bis 1951 wuchs nicht nur das Fabrikareal noch einmal markant, sondern auch die Arbeitersiedlungen in Wettingen.
Die geschlossene Schranke am Schulhausplatz im Jahre 1961 – bald darauf verschwand sie.
Vor und nach Schichtwechsel wurden in der Brisgi-Kantine 600 Mahlzeiten serviert.
Neben der Kantine gab es einen kleinen Laden und eine Bäckerei . . .
. . . die sich grosser Beliebtheit erfreuten.
Tag der offenen Tür im BBC-Werk in Baden: Besucher konnten 1966 den Berufsleuten aus der Nähe über die Schulter schauen.

Wie die Firma BBC, später ABB die Region prägte

Historisches Archiv ABB

Die Gründung der BBC liess die Region Baden vor und nach 1900 rasch wachsen. Das Wachstum beschränkte sich in den ersten Jahrzehnten auf die engere Region, vor allem auf Baden, Ennetbaden und Wettingen. Bis vor dem Ersten Weltkrieg – zu dieser Zeit beschäftigte die BBC bereits über 4000 Arbeiterinnen und Arbeiter – stieg die Bevölkerungszahl von Baden und Ennetbaden um mehr als das Doppelte, Wettingen verdreifachte seine Bevölkerung gar.

Die BBC stimulierte auch die regionale Wirtschaft, zahlreiche Betriebe arbeiteten als Zulieferer – als Beispiel die Giesserei Oederlin – oder profitierten sonst von der Bevölkerungszunahme. Im Ersten Weltkrieg und in den ersten Nachkriegsjahren, die teilweise durch Krisen geprägt waren, flachte sich das Wachstum etwas ab, ebenso während der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre, in der die BBC fast die Hälfte der Belegschaft entliess.

Zentrum mit Hochhäusern

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beschleunigte sich dann die Bevölkerungszunahme wieder deutlich. Zu Beginn der 1950er-Jahre überflügelte die Gemeinde Wettingen die Stadt Baden bevölkerungsmässig, stark getrieben durch die Zuwanderung von Gastarbeitern.

Hatte die BBC schon Ende des 19. Jahrhunderts am Rand des Wettinger Felds im sogenannten Dynamoheim einer erste Wohnsiedlung erstellt, die nach dem Ersten Weltkrieg erweitert wurde, stellten sich nach 1945 ganz andere Anforderungen. Die Gastarbeiter wurden vorerst in Gemeinschaftsbaracken oder -wohnungen untergebracht.

Vor allem in Wettingen setzte dann der grossflächige Siedlungsbau ein, einerseits über die BBC selbst, andererseits durch die 1946 gegründete Lägern-Wohnbaugenossenschaft.

Wettingen erreichte 1966 erstmals eine Bevölkerungszahl von 20 000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Zu Beginn der 1960er-Jahre war jeder zweite Steuerzahler in Wettingen bei der BBC beschäftigt. Die Gemeinde entwarf eine Zentrumsplanung mit Hochhäusern, die vom Winterthurer Immobilienunternehmer Bruno Stefanini in den 1960er-Jahren realisiert wurde.

Seit den 1950er-Jahren begannen neben den Kerngemeinden auch die weiteren Gemeinden im Bezirk stark zu wachsen. Das Einfamilienhaus an schöner Wohnlage boomte, nicht nur in Ennetbaden oder am Lägernhang, auch auf dem Rohrdorferberg in Richtung Mutschellen.

In diesen Gemeinden liessen sich viele Ingenieure nieder, was zu einer markanten Veränderung der Gesellschaftsstruktur dieser ursprünglich ländlich geprägten Dörfer führte. Hinzu kam nicht nur in der Arbeiterschaft, sondern auch in den Ingenieur- und Technikberufen eine starke Internationalisierung, die bis heute anhält.

Die Bevölkerungszahlen flachten schliesslich Mitte der 1970er-Jahre ab, ja gingen teilweise sogar zurück. Erst in den letzten 20 Jahren setzte das Bevölkerungswachstum wieder verstärkt ein, nicht zuletzt auch im Sog des Wirtschaftsraums Zürich. Heute sind die Bevölkerungsspitzen von 1970 wieder erreicht beziehungsweise sogar überschritten.

Bruno Meier, Tobias Wildi: Company Town. BBC/ABB und die Industriestadt Baden. Baden, Hier und Jetzt 2016, 84 S., 187 Abb. Erhältlich im Buchhandel oder direkt beim Verlag. Bruno Meier arbeitet als freiberuflicher Historiker und Verleger in Baden. Er hat das Wirtschaftskapitel der 2015 neu erschienenen Stadtgeschichte Baden verfasst. Von 1991 bis 1997 war er Leiter des Historischen Museums Baden.

Als General Guisan zu Besuch kam

Firmenjubiläen sind Gelegenheiten, das Unternehmen und seine Produkte einem breiten Publikum zu präsentieren. Der jeweilige wirtschaftliche und gesellschaftliche Kontext beeinflusste die Stimmungslagen an diesen besonderen Punkten der Firmengeschichte, und bei jedem Jubiläum fand nicht nur ein Rückblick, sondern vor allem auch eine Zukunftsschau statt.

Die 50-Jahr-Feier fand 1941 mitten im Krieg statt, der Besuch von General Henri Guisan unterstrich diesen bedrückenden Kontext. Der Festakt mit 7000 Ehrengästen, Arbeitern und Angestellten fand in der leergeräumten Halle 30 statt. Einzelne grosse Maschinenteile hatte man stehen lassen, um zu demonstrieren, welch mächtige und dennoch präzise Produkte das Unternehmen zu fertigen imstande war. 30 000 Personen besuchten am Tag der offenen Tür das geschmückte Firmenareal.

25 Jahre später fiel das Jubiläum 1966 mitten in die Hochkonjunktur. Drängendes Thema der Zeit war der Arbeitskräftemangel im Kontext des Wirtschaftswachstums, sodass der Tag der offenen Tür explizit auch dem Personalmarketing diente. Kurz vor dem 75-Jahr-Jubiläum war Walter Boveri jun. als Verwaltungsratspräsident abgesetzt worden. Sein Nachfolger Max Schmidheiny bildete zusammen mit Rudolf Sontheim und Giuseppe Bertola die neue Führungsriege im Konzern. Die Jubiläumsfeierlichkeiten boten die ideale Plattform, um die neue Leitung zu präsentieren und in ihrer Position zu festigen.

Jubiläum in leeren Hallen

Das Jubiläum 1991 stand unter dem Zeichen der Deindustrialisierung des Badener Firmengeländes. Vier Jahre zuvor war der Entscheid zur Fusion mit Asea zu ABB gefallen, und nach einer langen Stagnation waren endlich wieder Wachstumsperspektiven verfügbar. Die Zukunft zeigte in Richtung Elektronik, Robotik und Softwareentwicklung.

Dafür brauchte es keine grossen Industriehallen, sondern Bürogebäude, Reinräume und Labors. Das 100-Jahr-Jubiläum fiel in die Zeit gähnend leerer Industriehallen, die entweder abgerissen oder einer neuen Nutzung zugeführt werden mussten. Für das Jubiläum wurden 10 000 Quadratmeter leerstehende Hallenfläche für die Ausstellung «TechArt» genutzt, welche über das Sommerhalbjahr eine Viertelmillion Besucher anlockte.

Die Ausstellung war in die Bereiche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufgeteilt, der Konzern war in dieser Zeit intensiv mit Orientierungssuche beschäftigt. Kernstück der Jubiläumsausstellung bildete die 72 Meter lange, 19 Meter hohe und über 50 Tonnen schwere Eisenplastik «Weltmobile» des Zürcher Künstlers Yvan Pestalozzi.

Die Plastik war Höhepunkt und fulminantes Schlussfeuerwerk von tonnenschweren Grossobjekten in Badener Fabrikhallen. ABB trennte sich wenige Jahre später vom gesamten Kraftwerksbereich und die Produktion der imposanten Werkstücke ging an Alstom, heute GE, über.

Gotthard-Tunnel-Eröffnung

Das 125-Jahr-Jubiläum 2016 fällt ins gleiche Jahr wie die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels, des längsten Eisenbahntunnels der Welt. Für diesen hatte ABB die Energieversorgung und die Ventilationssysteme geliefert. Der Konzern präsentierte sich an der Tunnel-Eröffnungsfeier im Juni 2016 selbstbewusst mit zukunftsweisenden Produkten, das Motto war eindeutig: «On track to the future».

Als historischer Referenzpunkt zum Basistunnel wurde die Gotthardelektrifizierung von 1922 thematisiert, für welche die ABB-Vorgängerfirmen BBC und MFO die Kraftwerke, Unterwerke, Stromverteilung und Lokomotiven geliefert hatten. Der Rückblick auf die eigene Geschichte war weder nostalgisch verstellt noch diente er der Orientierungssuche.

Er zeigte ganz einfach den Stolz, in langer Kontinuität immer wieder Grossprojekte gemeistert zu haben, die die Grenze des technisch Machbaren stets ein Stück verschoben. Damals wie heute lieferte BBC/ABB am Gotthard ganze «Systeme», und damals wie heute sieht sich der Konzern bezüglich Technik an der Weltspitze.

*Tobias Wildi: Der Autor ist Historiker und Archivar und Mitinhaber der Archivdienstleistungsfirma docuteam, die unter anderem das Historische Archiv der ABB Schweiz und das Stadtarchiv Baden betreut. Er hat 2003 mit einer Arbeit über die frühe schweizerische Atomtechnologieentwicklung promoviert.

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