Die Schüler sind an diesem Morgen konzentriert in ihre Lektüre vertieft. Schauplatz ist aber nicht etwa ein normales Klassenzimmer, sondern ein Raum im Werkhof Neuenhof. Der Name passt: Seit letztem Sommer unterrichten hier vier Lehrerinnen und Lehrer 18 Schülerinnen und Schüler im sogenannten Werkjahr – ein 9. Schuljahr, in dem Schüler aufgenommen werden, die für das letzte Oberstufenjahr weder in die Real- noch in ein Berufswahljahr eintreten können.

Initiiert hat dieses Jürg Peter, der zuvor schon an der Realschule in Neuenhof unterrichtete. Zusammen mit Regula Pereto zeichnet er für die Unterrichtsgestaltung verantwortlich. Und in dieser sind die Lehrer ziemlich offen; der Lehrplan ist sehr offen formuliert. «Unser Ziel ist es, unseren Schülern einen Volksschulabschluss zu ermöglichen und nach Möglichkeit eine Lehrstelle zu vermitteln», sagt Peter.

Die Zwischenbilanz fällt positiv aus, wie ein Blick auf die Wand verrät. Vor 6 der 18 Porträtfotos steht ein Pokal – Lohn für einen abgeschlossen Lehr- oder Praktikumsvertrag. «Darauf können wir und die Schüler stolz sein. An der Realschule sind es zum jetzigen Zeitpunkt wohl etwa gleich viele Schüler, die bereits einen Lehrvertrag unterschrieben haben», sagt Peter.

Ziel sei es, dass im Frühsommer mindestens die Hälfte der Schüler einen Lehrvertrag unterschrieben haben. «Wir sind sehr gut vernetzt mit den Lehrbetrieben in der Region. Oft ist eine Schnupper-Lehre der Türöffner für eine Lehre», sagt Peter. Er sei aber immer ehrlich zu den Lehrmeistern und «verkaufe» einen Schüler nicht als toll und ideal, nur weil er diesen nett finde. «Die Schüler müssen beweisen, dass sie Fortschritte gemacht haben und die Lehrstelle unbedingt wollen», betont Peter.

Nicht primär Wissensvermittlung

Die Schüler kommen aus der ganzen Region. Nebst Neuenhof wird auch in Aarau, Menziken und Rheinfelden ein Werkjahr angeboten. Die meisten Schüler haben einen Migrationshintergrund und konnten in der Regelschule wegen unterschiedlichster Gründe nicht mehr unterrichtet werden. Eine Umfrage bei den Schülern zeigt: Der Unterricht und die Art und Weise, wie die Lehrer diesen vermitteln, kommt sehr gut an (siehe unten).

Doch der Aufwand ist einiges grösser als in einer Regelklasse. Immer mindestens zwei Lehrer unterrichten und betreuen die Klasse. «Natürlich hat das auch seinen Preis», räumt Peter ein. Er gibt aber gleichzeitig zu bedenken: «Jeder Schüler, dem dank uns der Schritt in die Arbeitswelt gelingt, kostet die öffentliche Hand später weniger.

Oder um es anders auszudrücken. Den Staat kommt es viel teurer zu stehen, wenn er diese jungen Menschen später mittels Sozial- oder Invalidenhilfe unterstützen muss.» Seine Lehrerkollegin Regula Pereto ortet ein grundsätzliches Problem.

«Einerseits sind die Bedingungen für die Aufnahme in gewisse Sonderschulen höher, andererseits steigen die Anforderungen auch in der Berufswelt und somit in der Berufsschule. Hier tut sich eine Schere auf.» Überhaupt würde sie es begrüssen, Schüler mit besonderen Bedürfnissen würden schon früher erfasst, damit man früher reagieren könnte», sagt Pereto.

Als die Schülerinnen und Schüler im August 2018 hier im Werkhof erstmals für den Unterricht eingerückt seien, sei die Motivation für die Schule gleich null gewesen. «Kein Wunder, viele kannten ja nichts anders, als Schulversager zu sein.

Doch hier waren sie unter ihresgleichen», sagt Peter. Stück für Stück sei es gelungen, die Motivation wieder zu steigern. «Aber es gibt auch Fälle, da kommt man, wenn überhaupt nur sehr mühsam weiter.» Er sehe sich denn auch eher als Sozialarbeiter, denn als Lehrer.

«Natürlich geht es auch darum, Wissen zu vermitteln und die Schüler bestmöglich auf die Berufsschule vorzubereiten.» Doch im Vordergrund stünden ganz andere Sachen, wie das Erlernen von Umgangsformen oder das Fördern von Eigenständigkeit und Selbstverantwortung.

Auch Pereto sieht sich nicht nur als Lehrerin. «Für die Schüler sind wir Wegbegleiter und Vertrauensperson. Es kommt auch vor, dass mich ein Schüler am Wochenende anruft, weil ihn ein Problem bedrückt.» Auch das Feedback von den Eltern sei durchweg positiv, wie am letzten Elternabend deutlich zu spüren gewesen sei.

Selber kochen über Mittag

Der Unterricht dauert immer von 8 bis 15 Uhr. Über Mittag gehen die Schüler einkaufen und kochen anschliessend in der eigens dafür improvisierten Küche. «Auch das fördert ihre Eigenverantwortung», so Peter.

Überhaupt sei der Klassengeist sehr gut. Von einer Schicksalsgemeinschaft zu sprechen sei zwar etwas übertrieben. «Doch die Schüler halten gut zusammen; es gibt eigentlich keine Aussenseiter», sagt Regula Pereto.

Nächstes Jahr soll das Werkjahr weitergeführt werden. Jedoch mit kleinerer Klassengrösse. «18 Schülerinnen und Schüler sind zu viel und können mit den vorhandenen Ressourcen nicht ausreichend betreut werden. Gut wäre eine Klassengrösse mit rund 13 Schülern», sagt Pereto.

Der Standort hier im Werkhof habe sich bewährt. «Dadurch dass die Schüler unter sich und nicht in der üblichen Schulumgebung sind, können sie sich besser konzentrieren. Wäre das Schulzimmer bei der normalen Schule angesiedelt, wären die Schüler viel mehr abgelenkt», ist Peter überzeugt.

Ob jedoch das Werkjahr im Werkhof bleiben kann, ist noch unsicher. Die jetzigen Schüler kümmerts wenig. Wenn alles gut läuft, beginnen die meisten von ihnen im Sommer mit ihrer Lehre.