Wenn auch nach der Bekanntgabe der Allianz zwischen General Electric und Alstom per 2015 noch einiges offen geblieben ist, so atmet man in Baden und Birr erst einmal tief durch. Bei der Belegschaft ist offensichtlich mehrheitlich Entspannung eingekehrt. «Ich bin schon ein wenig relaxter als noch vergangene Woche», lässt sich ein Kader-Mitglied auf dem Weg in die Innenstadt gestern verlauten. Zwei junge Projektmitarbeiterinnen erklären: «Der Entscheid gibt uns Sicherheit, mindestens vorläufig.» Einige Alstom-Mitarbeiter stecken die Köpfe zusammen und diskutieren auf dem Areal. Sie wollen die Allianz mit GE aber nicht kommentieren. Nur einer davon meint, es sei «ghüpft wie gsprunge». Er sähe den Standort Baden zwar nicht gefährdet, sagt er und fügt kritisch an: «Ob die neue Allianz unsere Jobs in Baden langfristig sichert, das werden wir alle erst mal abwarten müssen.»

Obschon mit GE aus Schweizer Sicht die bessere Wahl getroffen wurde, seien noch einige Fragen offen für die Standorte Baden und Birr. Damit könnten auch nicht alle Unsicherheiten ausgeräumt werden, sagen einige Stimmen. Konkret geht es in Baden um die Bereiche Dampfturbinengeschäft, Gasturbinen, Kombikraftwerke sowie Service- und Dienstleistungen, wovon nach heutigem Stand nur die Dampfturbinen ins französische Belfort gehen sollen. Wie Alstom-Personalvertreter Jürg Baumgartner gegenüber «Schweiz am Sonntag» sagte, sehe es so aus, als würde der grösste Teil der Kraftwerksparte weiterhin von Baden aus geleitet. Darum sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch deren Hauptsitz in Baden bleibe.

Edwin Somm hofft auf GE

Im Kanton Aargau geht es um rund 6300 Alstom-Mitarbeitende. Rechnet man Zulieferbetriebe und Kooperationen mit ein, sind weitere 15 000 Arbeitsplätze von Alstom abhängig.

Das politische Spiel sei hiermit vorbei, sagt Ex-ABB-Schweiz-Chef Edwin Somm, ein nach wie vor profunder Kenner der Energiebranche. Jetzt müssten von der GE-Leitung die operativ-industriellen Entscheide für die Zukunft gefällt werden. «Es liegt im Erfolgsinteresse von GE als künftige Eigentümerin, dass in erster Linie das vorhandene Know-how zählt, womit alles für den Standort Baden spricht», ist Somm überzeugt. Darum sei es wichtig, dass bei den Alstom-Mitarbeitern wieder Zuversicht einkehren könne. Alstom habe in den vergangenen zehn Jahren wiederholt kommuniziert, Bereiche nach Frankreich abzuziehen. Die Stärke des Standortes Baden mit den zahlreichen Kooperationen habe Alstom stets davon abgehalten. Es wäre viel schlimmer gekommen, wenn Alstom sich für das Angebot von Siemens und Mitsubishi entschieden hätte, erklärt Somm.

Weiter auf die Politik setzen

Regierungsrat Urs Hofmann hingegen erachtet weitere Gespräche auf politischer Ebene für wichtig. Weil der französische Staat eine Beteiligung am US-Konzern GE ankündigt hat und 20 Prozent der Alstom-Anteile sichern will, gibt er keine Entwarnung: «Wir haben die besseren Argumente, aber Frankreich wird versuchen, seine Interessen durchzusetzen», sagt Hofmann im Interview mit Radio SRF. Doch er setzt wie Somm auf die Vernunft bei GE: «Die Amerikaner wollen Geld verdienen und nicht französische Lokalpolitik machen. Insofern haben wir gute Karten.»

Auch Badens Stadtammann Geri Müller setzt weiter auf die Bemühungen der Politik. «Wir sind zwar in unserer Zuversicht bestätigt worden», sagt Müller, mahnt jedoch zur Zurückhaltung. Es sei auf der Hand gelegen, dass man auch mit der neuen Allianz nicht am Standort Baden vorbeikommen würde. Dennoch gelte es abzuwarten, bis Gewissheit herrsche. Für Freudensprünge sei es zu früh. Das weiss auch Markus Werder, Gemeindeammann Oberentfelden, dem dritten Aargauer Alstom-Standort: «Natürlich können wir jetzt aufatmen», sagte er im Radio. Trotzdem bleibe eine Verunsicherung.