Birmenstorf
Alt-Hippies von damals leben heute in Spanien, Tunesien und der ganzen Schweiz

Ehemalige aus der Birmenstorfer Kommune der 1970er-Jahre meldeten sich aus der ganzen Welt. Der Aufruf kam von Historiker Patrick Zehnder, der dem gesellschaftlichen Umbruch Ende der 1960er-Jahre untersuchen will.

Corinne Rufli
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Ein ehemaliger Bewohner und Musiker mit Hippie-Frisur sitzt in der Sonne bei der berühmt-berüchtigten Kommune in Birmenstorf. zvg

Ein ehemaliger Bewohner und Musiker mit Hippie-Frisur sitzt in der Sonne bei der berühmt-berüchtigten Kommune in Birmenstorf. zvg

Wo sind die Hippies der 70er-Jahre geblieben?», titelte diese Zeitung letzten August. Nicht lange liessen die Alt-Hippies auf sich warten. Schon bald meldeten sich ehemalige Bewohner der Kommune in Birmenstorf. «Ich war überwältigt, damit hatte ich nicht gerechnet», sagt Patrick Zehnder, der die Suche gestartet hatte.

Der Historiker leitet das Projekt «Fortsetzung der Dorfgeschichte Birmenstorf» und will darin auch dem gesellschaftlichen Umbruch, der mit den 1968er-Jahren begann, auf den Grund gehen. «Ich kannte nur die Schauermärchen, die die hiesige Bevölkerung über diese bunte Truppe erzählte. Ich wollte aber mit den Bewohnern selber reden.»

Die ehemaligen Bewohner – die bald im Pensionsalter sind – meldeten sich aus Spanien, aus Tunesien und aus der ganzen Schweiz. «Sie waren sehr offen und staunten, dass man sich nach all den Jahren für sie interessiert», sagt Zehnder erfreut. «Ihre Erinnerungen an die Zeit in Birmenstorf waren so frisch, als ob sie erst gestern dort ausgezogen wären.» Einige haben untereinander bis heute Kontakt.

Diese Wohngemeinschaft existierte von 1969 bis 1973 in einem alten Bauernhaus an der heutigen Badenerstrasse 33. Die meisten der damaligen Bewohner waren Auswärtige. Die erste Phase in diesem «offenen Haus», wie es genannt wurde, war sehr wild. Die langen Haare, der Kleidungsstil und die Musik verängstigten die konservative, dörfliche Bevölkerung. «Die Leute fragten sich, ob die arbeiten, oder ob sie stehlen», sagt Zehnder. Die zweite Phase verlief in geordneteren Bahnen. «Das Musikmachen stand im Vordergrund», erklärt der Historiker. Lovecraft hiess ihre Band.

Die Gesellschaft war damals in Konventionen erstarrt, doch die Hippies fügten sich dem bürgerlichen Ideal nicht. Zehnder: «Sie widmeten sich nicht der Karriere, verweigerten sich der Konsumwelt, machten keinen Militärdienst, sie waren in keinem Verein und kümmerten sich nicht um die Kirche.»

Bis in die lokalen Zeitungen schaffte es die kleine Kommune: Im «Badener Tagblatt» vom 1.10.1971 hiess die Schlagzeile: «Wildwest-Terror in der Region». Die Leute aus der Kommune wurden ungerechtfertigt mit einer Rockerbande in Verbindung gebracht. Das «Aargauer Volksblatt» titelte wenig später «‹Kommune› im Kreuzfeuer» und nahm sich die Mühe, mit den Bewohnern zu reden und brachte auch Verständnis für deren Lebensweise auf.

Von der Birmenstorfer Bevölkerung erfuhren sie Ablehnung. Die Diskrepanz zwischen dem alternativen Leben der Hippies und dem der landwirtschaftlich geprägten Dorfbevölkerung war riesig.

Patrick Zehnder ist sehr zufrieden mit dem, was seine Recherchen ergaben. «Spannend ist, dass ich die gesellschaftlichen Umwälzungen der 1968er-Jahre an einer Dorfgeschichte zeigen kann.»

Kurs der Volkshochschule Wettingen: Persönliche Lokalgeschichte. Werkstattbericht zur Fortsetzung der Ortsgeschichte Birmenstorf. Mo, 10. März 2014, 19.30–21 Uhr, Kantonsschule Baden, Gebäude 9, 1. Stock, Zimmer 9113. Anmeldung erwünscht www.vhs-wettingen.ch. Abendkasse Fr. 25.–.

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