Tötungsdelikt Fislisbach

Ammann Caneri schockiert über die Tat: «Was geschehen ist, lässt jeden erschaudern»

Silvio Caneri (62) sitzt seit 19 Jahren im Gemeinderat von Fislisbach, seit 11 Jahren ist er Gemeindeammann.

Silvio Caneri (62) sitzt seit 19 Jahren im Gemeinderat von Fislisbach, seit 11 Jahren ist er Gemeindeammann.

Nach dem Tötungsdelikt des Jugendlichen S.N. (17) in Fislisbach spricht Gemeindeammann Silvio Caneri im Interview über seine Gefühle, wie er als Ammann mit der Tat in seinem Dorf umgeht, und ob eine solche Tat dem Image der Gemeinde schadet.

Der Verkehr rollt an diesem Donnerstag durch Fislisbach wie immer an Feierabend. Nichts deutet darauf hin, dass zwei Tage zuvor im Waldstück oberhalb des Sportplatzes Esp ein 17-Jähriger aus dem Dorf einen 18-Jährigen umgebracht hat. Für Gemeindeammann Silvio Caneri sind es intensive Tage, trotzdem nimmt er sich Zeit. Für das Gespräch lädt er ins Gemeindehaus. Ein stattliches Gebäude, an der Hauptverkehrsachse gelegen, Baujahr 1911/1912. Der Weg zu Caneris Büro führt über das Treppenhaus in den ersten Stock. Die Tür steht offen. Der Gemeindeammann sitzt im Kurzarmhemd am Tisch. «Ich unterschreibe kurz zwei Formulare, dann bin ich parat», sagt er und bittet hinein.

Herr Caneri, wann und wie haben Sie von der Tat erfahren?

Silvio Caneri: Am Dienstagabend. Ich erhielt eine Push-Nachricht der «Aargauer Zeitung» aufs Handy. Ich habe mich sofort bei der Regionalpolizei Rohrdorferberg-Reusstal erkundigt. Man sagte mir, dass ein Tötungsdelikt bei uns im Wald in Fislisbach stattgefunden habe. Rund eine halbe Stunde später rief mich die Kantonspolizei an; sie war an gewissen Personendaten interessiert. Da ich aber keinen Zugriff auf diese Informationen habe, kontaktierte ich den Gemeindeschreiber, der die Daten der Kapo aushändigte. Mehr konnten wir zu diesem Zeitpunkt nicht machen.

Sie fuhren nicht an den Tatort?

Nein. Ich wäre der Kantonspolizei und der Jugendanwaltschaft nur im Wege gestanden.

Was ging Ihnen als Erstes durch den Kopf, als Sie von der Tat erfuhren?

Ich war zutiefst geschockt, dass Jugendliche ihre Probleme auf diese Art und Weise lösen.

Sie wussten also bereits, dass es sich um Jugendliche handelt.

In dieser Hinsicht verfügte ich über mehr Informationen, als den Medien bekannt waren. Für mich ist die Tat unverständlich. Ob der 17-Jährige nun für vier Jahre ins Gefängnis kommt oder nicht, sein Leben wird für immer geprägt sein.

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Kennen Sie den Täter persönlich?

Mir sind nur Name und Adresse bekannt. Auch die Eltern kenne ich nur flüchtig. So, wie die meisten anderen Fislisbacher Bürger auch.

Fiel der Jugendliche der Gemeinde bereits vorher auf?

Uns ist er nie negativ aufgefallen. Das ist das, was uns erschreckt: Dass Jugendliche, die zuvor nie Aufsehen erregt haben, einfach so ausklinken können.

Haben Sie Kontakt zu den Eltern aufgenommen?

Nein. Zuerst müssen wir wissen, was überhaupt vor sich ging. Ich glaube, es wäre kontraproduktiv, wenn wir jetzt auf sie zugehen würden. Es ist auch kontraproduktiv, wie die Medien derzeit vorgehen: Sie fotografieren das Haus, gehen gar klingeln, befragen die Nachbarn. Das ist für die Eltern wahnsinnig schwierig. Darum will ich mich nicht zusätzlich einmischen. Wenn sie aber Hilfe benötigen, sind wir sofort zur Stelle.

Sie geben der Familie also keine Tipps im Umgang mit Medien?

Ich bin der Meinung, dass dies Sache der Kantonspolizei und der Jugendanwaltschaft ist. Würde ich die Eltern nun anrufen und sagen, «guten Tag, hier spricht der Gemeindeammann», käme das nicht gut an. Wie bereits erwähnt sind wir bereit, wenn die Familie Hilfe braucht. Das gilt übrigens auch für alle anderen Bürger. Darum lasse ich auch immer meine Bürotüre offen.

Wissen Sie, wer das Opfer ist?

Nein. Ich kann Ihnen aber bestätigen, dass es kein Fislisbacher war.

Sie sind selbst Vater von drei, heute erwachsenen, Kindern. Geht Ihnen eine solche Tat besonders nahe?

Ich glaube, es spielt keine Rolle, ob man Kinder hat oder nicht. Was geschehen ist, lässt jeden erschauern. Vielleicht kann ich mich als Familienvater besser in die Rolle der Eltern hineinversetzen. Wenn ich mir vorstelle, die Tat hätte mein Sohn begangen – ein Wahnsinnsschlag.

Als Gemeindeammann stehen Sie derzeit besonders im Fokus. Wie gehen Sie mit diesem Druck um?

Ich weiss nicht, ob ich das Richtige tue. Aber mein Gefühl sagt mir, dass man die Eltern nun einfach mal in Ruhe lassen sollte. Das Gegenteil also, was zurzeit die Boulevardmedien tun. Sie kennen keine Gnade. Da geht es nur noch um Sensation, egal, ob die Fakten stimmen oder nicht. Das finde ich abscheulich.

Der Zufall wollte es, dass keine 24 Stunden nach der Tat die Gemeindeversammlung stattfand. Wie war das für Sie?

Man muss das klar trennen. Bei der Gmeind ist der Kopf bei den Traktanden. Im Vorfeld haben wir aber abgemacht, dass wir das Tötungsdelikt ansprechen werden. Denn wir wussten nicht, inwiefern die Stimmbürger bereits aufgeklärt waren. Darum habe ich das Thema am Ende der Versammlung kurz aufgegriffen.

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«Wenn man feststellt, dass eine Person Waffenumgang hat oder hatte, dann müssen wir das näher prüfen» (15. Juni 2016)

Roland Pfister, Mediendienst-Chef der Kantonspolizei Aargau, hält sich am Tag nach dem Tötungsdelikt in Fislisbach noch bedeckt.

Dabei blieben die Wortmeldungen aus. Anders war es wohl beim Apéro, der im Anschluss an die Gmeind stattfand.

Klar, das Tötungsdelikt sorgte für Gesprächsstoff. Ich merkte, die Menschen sind betroffen und schockiert. Schockiert, dass es Jugendliche waren, die mit einer solchen Gewalt Probleme lösen. Das ist absoluter Wahnsinn.

Haben Sie auch eine gewisse Angst herausgespürt?

Um ehrlich zu sein, ja. Eine gewisse Angst ist vorhanden.

Haben Sie seit der Tat Anrufe von besorgten Einwohnern erhalten?

Nein. Bislang suchte auch niemand Hilfe. Das muss aber nichts heissen: Die Bevölkerung ist schockiert. Dies wird nun eine Weile dauern. Die Anspannung wird sich aber mit der Zeit legen.

Sie reden aus Erfahrung. Fislisbach geriet in Vergangenheit mehrmals in die Schlagzeilen: 2004 gab es eine Schiesserei, 2014 erstach ein Mann seine Ex-Freundin und diese Woche das Tötungsdelikt.

Für mich ist das ein purer Zufall, was in den letzten Jahren bei uns passiert ist. Erfreulich ist es trotzdem nicht, wenn Fislisbach mit solchen Themen auf den Titelseiten der Zeitungen steht. Wir sind gerne in den Medien, aber aus anderen Gründen.

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Haben Sie das Gefühl, das Tötungsdelikt schadet dem Image der Gemeinde?

Nein, das glaube ich nicht. So etwas kann in jeder Gemeinde passieren. Denken wir nur an Rupperswil. Da kann weder das Dorf noch die Bevölkerung etwas dafür, dass der Vierfachmord dort stattgefunden hat. Klar ist es schwierig, wenn solche Ereignisse im Dorf geschehen. Aber da müssen wir jetzt durch.

Wie sind Sie nun mit den untersuchenden Behörden verblieben?

Die Jugendanwaltschaft wird auf uns zukommen, sobald alles aufgeklärt ist.

Nach einer solchen Tragödie spricht man als Allerletztes über Geld. Trotzdem: Im Fall von Kris V. muss Mägenwil für die fürsorgerische Unterbringung aufkommen. Die Gemeinde musste gar den Steuerfuss anheben. Haben Sie sich darüber Gedanken gemacht?

Dieser Aspekt ist absolut sekundär. Aber richtig: Je nach Massnahme, die nach dem Strafvollzug angeordnet wird, kann es sein, dass der Gemeinde Kosten anfallen. Es gibt auch andere Fälle, die auf die Gemeindekasse drücken. Beispielsweise, wenn ein Kind fremdplatziert wird. Für uns heisst es, abzuwarten, wie sich der Fall entwickelt.

Wenn Sie abends nach Hause gehen, können Sie die Gedanken, die Rolle als Gemeindeammann im Büro lassen?

Solche Sachen trägt man mit nach Hause, die Gedanken drehen weiter. Da müsste man schon sehr abgebrüht sein, damit dies nicht der Fall ist. Für meine Frau ist das manchmal nicht einfach. Jetzt hoffe ich, dass wir – wie auch andere Gemeinden – Ruhe haben, dass so etwas Schreckliches nicht wieder passiert. Irgendwann wäre es auch an der Zeit, uns zu fragen, was unsere Gesellschaft falsch macht. Springen wir nur noch dem Geld hinterher? Müssen wir nicht ein bisschen mehr auf unsere Familie achten und aufeinander zugehen? Ich finde schon. Denn momentan habe ich das Gefühl, dass nur noch der Wohlstand wichtig sei.

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