Prozess in Baden
Amokdrohung, Schlägereien, Drogen – warum das Gericht dem jungen Syrer eine letzte Chance gibt

Ein halbes Jahr lang hat ein junger Mann ziemlich alles verbockt. Unter anderem hat er 2016 bei der kantonalen Schule für Berufsbildung in Baden einen Grosseinsatz der Polizei ausgelöst. Das Gericht musste nun entscheiden, ob er eine zweite Chance verdient.

Noemi Lea Landolt
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Anruf löst Grosseinsatz bei der Berufsschule in Baden aus
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Ein Schüler sei mit einer Waffe unterwegs zur Schule, meldete ein Angestellter.
Später stellte sich heraus, dass ein damals 20-jähriger Syrer die Meldung an die Polizei ausgelöst hatte.
Nach diesem Vorfall wurde er von der Schule gewiesen.
Diese Woche stand er nun vor Gericht.

Anruf löst Grosseinsatz bei der Berufsschule in Baden aus

Sandra Ardizzone

15. Juni 2016: Polizisten in Kampfmontur umstellen die kantonale Schule für Berufsbildung in Baden. Ein Schüler sei mit einer Waffe unterwegs zur Schule, meldete ein Angestellter. Später stellte sich heraus, dass ein damals 20-jähriger Syrer die Meldung an die Polizei ausgelöst hatte. Amir* (alle Name geändert) bewahrte bei sich zu Hause ein Elektroschockgerät auf. Er hatte es am Tag zuvor im Bus gefunden.

Nach diesem Vorfall wurde Amir von der Schule gewiesen. Darauf folgten die sechs Monate, die seine Anwältin am Dienstag vor dem Bezirksgericht Baden als «dunkles halbes Jahr» bezeichnete. Schlägereien, Drogen, Diebstahl, Nötigung, Schwarzfahren. Die Anklage der Staatsanwaltschaft erstreckt sich über elf Seiten.

«Er wollte Blut fliessen sehen»

Der schwerwiegendste Vorwurf lautet auf versuchte, schwere Körperverletzung und er hat einen direkten Zusammenhang mit dem Schulverweis. Knapp zehn Tage nach dem Vorfall in der Schule ist Amir mit einem Freund unterwegs und sieht per Zufall einen ehemaligen Mitschüler. Den Mitschüler, den er für seine Misere verantwortlich macht.

Er vermutet nämlich, Pablo habe ihn in der Schule verpfiffen und so seine Zukunft ruiniert. «Dies wollte er ihm heimzahlen», schreibt Staatsanwalt Christoph Decker in der Anklage. In seinem Plädoyer wird er noch direkter. «Als der Beschuldigte Pablo sah, war er ausser Rand und Band, er wollte Blut fliessen sehen.»

Vor Gericht sagte Amir, er sei sehr wütend gewesen, weil er glaubte, Pablo habe ihn in der Schule wegen des Tasers verpfiffen. Er gibt zu, dass er ihn geschlagen hat. Mit der Faust. Zweimal gegen den Kiefer, einmal auf die Nase. Er hat so fest zugeschlagen, dass er sich die Hand brach. «Das muss man sich mal vorstellen», sagte Staatsanwalt Decker. Am Schluss verpasste er Pablo noch einen Highkick mit dem Fuss ins Gesicht. Dann geht Amir weg.

Viermal festgenommen

«Warum sind Sie gegangen?», fragt Gerichtspräsidentin Gabriella Fehr. – «Ich weiss nicht. Ich hatte ein komisches Gefühl.» – «Hatten Sie Angst vor der Polizei?» – «Ja, sicher.» Amir hätte sich an diesem Tag nämlich gar nicht in Baden aufhalten dürfen. Nach einer anderen Schlägerei Mitte Mai wurde gegen ihn eine Wegweisungsverfügung für das Stadtgebiet Baden erlassen.

Nach Baden kam er trotzdem immer wieder und meistens endete es nicht gut für ihn. Insgesamt viermal hat ihn die Polizei vorläufig festgenommen und nach einer Nacht wieder gehen lassen. Vor Gericht sagte Staatsanwalt Decker, es sei im Nachhinein «ein Pech» gewesen, dass Amir immer dann erwischt wurde, wenn er in den Ferien war. «Als ich dann endlich mal da war, zögerte ich nicht, ihn in U-Haft zu nehmen.»

Die Vergangenheit holt ihn ein

Insgesamt drei Monate sass Amir hinter Gittern. Ohne Kontakt zu seiner Mutter und den Geschwistern, die auch alle in der Schweiz leben. Nach drei Monaten entliess Decker ihn. Unter einer Bedingung: Er musste sich bereit erklären, eine ambulante Gewaltberatung zu machen. Amir war einverstanden. Vor Gericht bedankt sich der junge Syrer beim Staatsanwalt für die U-Haft. Die Zeit im Gefängnis habe ihm geholfen. Genauso die Gewaltberatung. Er hat keinen Termin verpasst.

Inzwischen hat Amir auch sein Leben wieder sortiert. Er hat Schnupperlehren gemacht und ist seit fünf Monaten in einem Praktikum als Maurer. Im August kann er die dreijährige Lehre im gleichen Betrieb anfangen und dann will er vielleicht noch eine Weiterbildung machen. So weit die Pläne. Doch zuerst muss er «für ein verbocktes halbes Jahr gerade stehen», sagte der Staatsanwalt. Der Staatsanwalt fordert 3,5 Jahre Gefängnis und 500 Franken Busse. Pablos Anwältin zudem eine Genugtuung von 7000 Franken.

Hat er seine Lektion gelernt?

Seine Verteidigerin Eveline Gloor verlangte eine bedingte Haftstrafe von höchstens 15 Monaten und eine Busse von 200 Franken. Das Gericht solle Amir noch eine Chance geben. Seine Zukunft stehe auf dem Spiel. «Es geht für ihn um alles oder nichts.» Er habe keine Vorstrafen und seit der Entlassung aus der U-Haft habe er bewiesen, dass er seine Lektion gelernt habe.
Diese Meinung teilte das Gericht.

Amir wurde zu einer bedingten Gefängnisstrafe von 24 Monaten und einer Busse von 500 Franken verurteilt. Pablo muss er 3000 Franken Genugtuung bezahlen. «Ihre Anstrengungen haben Sie gerettet. Sie haben an sich gearbeitet», sagte Gerichtspräsidentin Gabriella Fehr. Zugleich ermahnte sie Amir, auf dem eingeschlagenen Weg zu bleiben. «Sonst landen Sie im Gefängnis. Wenn wir Sie hier noch einmal sehen, gibt es keine Chance mehr.» – «Ich will nicht mehr hierher kommen», sagt Amir.

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