Wetten
An guten Tagen kann «Wetten dass...?»-Kandidat Samuel Koch selber essen

Der Badener Filmemacher Robert Quarella produziert eine 22-minütige Filmreportage über das Leben von Samuel Koch. Koch war von einem Jahr bei «Wetten, dass...?» schwer verunfallt und ist seither querschnittgelähmt.

Erna Lang-Jonsdottir (Text/Fotos)
Merken
Drucken
Teilen
«Wetten dass...?»-Kandidat Samuel Koch wird «Filmstar»
9 Bilder
Dreh in der Ergotherapie: Karim Patwa, Robert Quarella, Julian Uster, Samuel Koch und Tonio Krüger (v. l.) bei der Stellprobe.
Robert Quarella: «Der Dreh mit der Filmkamera passt zu Samuel. Er wird aussehen wie ein Held.»
Ton läuft, Kamera läuft, und bitte» – eine Szene wird gedreht.
Dreh in der Ergotherapie: Karim Patwa, Robert Quarella, Julian Uster, Samuel Koch und Tonio Krüger (v. l.) bei der Stellprobe.

«Wetten dass...?»-Kandidat Samuel Koch wird «Filmstar»

AZ

Es ist fünf Uhr in der Früh. Der Badener Filmemacher Robert Quarella kämpft sich aus dem Bett, trinkt einen Kaffee und schaut dabei aus dem Fenster. In der Dunkelheit des Morgens sieht er nichts als sein eigenes Spiegelbild. «Hoffentlich geht nichts schief», denkt er sich etwas nervös. Um neun Uhr startet nämlich sein Dreh zur Filmreportage über Samuel Kochs Leben nach dem Unfall bei «Wetten, dass...?» im Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil.

Badener Filmemacher

Der 36-jährige Robert Quarella ist in Luzern aufgewachsen. Er hat einen zehnjährigen Sohn und wohnt seit 1999 in Baden. Der ehemalige
Primarschullehrer sattelte nach einer zweijährigen Weltreise um und nahm eine Stelle als Video-Journalist bei Tele M1 an. Seit vier Jahren ist er Redaktionsmitglied bei Ringier, arbeitet jedoch als freier Filmemacher vor allem für die Sendung «Gesundheit Sprechstunde».
Das Team für diesen Dreh stellt sich aus folgenden Personen zusammen: Toni Krüger (Kameramann) aus Zürich, Karim Patwa (Ton) aus Zürich, Julian Uster (Assistent) aus Zürich, Maria Rinderknecht und Catia Lanfranchi beide aus Baden (Maske).
Ausgestrahlt wird die Reportage am 17. Dezember, 18.10 Uhr in der Sendung «Gesundheit Sprechstunde» auf SF 1. (elj)

Den Auftrag zu dieser Verfilmung erhielt der freischaffende Filmemacher diesen Sommer von der Sendung «Gesundheit Sprechstunde». Doch Samuel Koch fühlte sich zu dem Zeitpunkt noch nicht bereit, vor die Kamera zu treten. Die Türglocke reisst Quarella aus seinen Gedanken. Die fünfköpfige Crew ist da und hilft ihm, die Filmausrüstung in den Toyotabus zu packen. Als sie in Nottwil ankommen, werden sie von Sonnenstrahlen begrüsst. Samuel Koch schläft noch.

Kamera läuft bei der Arztvisite

Die Filmcrew schafft das schwere Material in den dritten Stock des Paraplegiker-Zentrums. Robert Quarella geht in Samuel Kochs Zimmer und weckt ihn vorsichtig. Der 24-Jährige reagiert mit Krämpfen – eine Begleiterscheinung seiner schweren Verletzung. Quarella nimmt seine Hand und drückt sie, bis die Zuckungen nachlassen. Alles in allem dauert es eine Stunde, bis Koch im Rollstuhl sitzt und bereit ist für den ersten Dreh über die Visite mit der Ärztin Andrea Hayek.

Quarella dreht die 22-minütige Reportage auf «Red» – eine Filmausrüstung, die Bilder in Hollywoodstandard liefert. «Ton läuft, Kamera läuft, und bitte», ist nach der Stellprobe zu vernehmen. Konzentriert blickt der Kameramann durch den Sucher, während Quarella die Schärfe manuell einstellt. Der Tonmann hält das Mikrofon an die richtige Stelle und der Assistent richtet das Licht. Andrea Hayek spricht mit Koch über seinen aktuellen Gesundheitszustand. Koch kann nach einem Jahr intensiver Therapie beide Arme bewegen und an guten Tagen sogar selber essen. Wie er das meistert, hält Quarella beim nächsten Dreh fest.

Mühe mit der «Rollstuhlnummer»

Nach einer Pause geht es ins Esszimmer. Quarella und der Kameramann filmen Koch aus mehreren Perspektiven beim Essen. Eine Pflegefachfrau unterstützt Koch dabei, während der Regisseur Fragen stellt. «Wie geht es dir heute», lautet eine davon. «Heute ist nicht mein Tag. Meine Muskulatur ist im Winterschlaf. Wenn es wärmer ist, kann ich mich besser bewegen», sagt Koch mit ruhiger und leiser Stimme. Er bemüht sich, die Gabel zum Mund zu führen, was ihm nicht immer gelingt. Doch Koch gibt nicht auf. Nach jedem Erfolg schmunzelt er und ruft etwas schüchtern «juhu».

Wie sich Koch bei dieser Filmerei wohl fühlt? «Es ist demoralisierend und unangenehm, weil ich mir so nicht gefalle», sagt er. Er mache mit für die Klinik, die ihm so viel bedeute und aus Spass am filmerischen Arbeiten mit der Crew. «Wenn ich anderen Mut machen kann, ist das auch gut. Doch um ehrlich zu sein, ist dieser Zustand eine Gratwanderung zwischen Dankbarkeit und Unzufriedenheit. Längerfristig, glaube ich, macht mir diese Rollstuhlnummer keinen Spass», äussert er nachdenklich. Er werde nach dem Austritt aus dem Paraplegiker-Zentrum alle seine Energie in weitere Therapien setzen. Wohnen will Samuel Koch alleine. «Man kann einen jungen Mann nicht zurück zu seinen Eltern schicken. Es gibt genug Institutionen, die einen dabei unterstützen», sagt seine Schwester Elisabeth.

Die Geschichte vom Turner

Nach dem kurzen Gespräch geht es zwei Stockwerke tiefer zum dritten und letzten Dreh, bei dem Samuel Koch in der Ergotherapie gefilmt wird. Die Kamera zeichnet auf, wie er mit seinem Ergotherapeuten zum Roboter fährt, mit dessen Unterstützung Schulter- und Armmuskulatur aufgebaut werden können.

Nach einigen Aufnahmen ist der Dreh für heute fertig. Samuel Koch ist müde. Das Filmen scheint anstrengender zu sein als erwartet. Die Crew arbeitet weiter: Die verschiedenen Szenen werden vor Ort geschnitten, danach folgen die Vertonung und die Farbkorrektur. Das klingt alles sehr technisch, doch Quarella will mehr. Nebst dem Verfilmen von Arztvisiten oder therapeutischen Massnahmen bei Lähmungen will Quarella eine Geschichte erzählen. Die Geschichte von einem jungen Turner, der aus einem künstlichen Koma erwacht und seinen Körper nicht mehr bewegen kann.

Eine anspruchsvolle Arbeit, weil er mit Samuel Koch als öffentliche Figur dem Zuschauer eine Vorstellung davon geben will, was ein solches Schicksal bedeutet. Und das, ohne ihn dabei zur Schau zu stellen. Damit ihm das gelingt, hat er sich gut auf den Dreh vorbereitet. «Ich habe Samuel regelmässig in Nottwil besucht, um ihn besser kennen zu lernen und um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen», erklärt er. Gefilmt werde auch die Situation, wie sich Samuel für den Ausgang bereit macht: Im KKL Luzern wird Koch ein Konzert besuchen, bei dem einer seiner Freunde Trompete im Orchester spielt. Wichtig sei, dass der Zuschauer spüre, welche Gefühle Samuel Koch habe. «Der Dreh mit der Filmkamera passt zu Samuel. Er wird aussehen wie ein Held. Und das ist er für mich. Es ist unglaublich, welche Charakterstärke er beweist», bewundert ihn Quarella.