Als Erstes fällt an Katharina Barandun ihr wacher und lebendiger Blick auf. Die blauen Augen funkeln, wenn sie lacht. Aber gleichzeitig spiegelt sich darin auch ein Hauch Melancholie.

Das Interview findet im Ennetbadener Terrassenhaus statt, in dem die 52-Jährige mit Partner Gerardo Kersout wohnt und ein «Bed & Breakfast» betreibt. Den surinamischen Niederländer lernte sie vor acht Jahren beim Salsatanzen in Amsterdam kennen.

«Ich hatte dort Jahre zuvor eine Ausbildung zur Entwicklungshelferin gemacht, um mich für die Aidsprävention in Liberia zu engagieren», sagt Barandun. «Er betrieb ein Restaurant mit indisch-kreolischer Küche und arbeitete als DJ.»

Katharina Baranduns Partner Gerardo Kersout gibt auf Anfrage auch kreolische Kochkurse

Katharina Baranduns Partner Gerardo Kersout gibt auf Anfrage auch kreolische Kochkurse

Die Lebensgeschichte der gebürtigen Solothurnerin klingt unkonventionell. Nach einer Lehre als Konditorin und dem Masterstudium in Gesundheitsförderung und Prävention zog es sie nach Dubai.

«Ich wollte arabisch lernen. Und gleichzeitig erfahren, wie es für eine Ausländerin ist, sich ohne soziales Netzwerk in ein fremdes System zu integrieren», sagt die Kosmopolitin und gesteht auf die Frage, wie sie sich das finanziell leisten konnte, ganz offen: «Ich war bald pleite.»

Barandun begann deshalb als Tourguide zu arbeiten. Die Vereinigten Arabischen Emirate seien für sie alles andere als 1001 Nacht gewesen: «Menschenrechte wurden mit Füssen getreten. Und niemand hat’s interessiert», fasst sie ihre Erlebnisse zusammen.

Doch Dubai war schlussendlich der Grund, dass die Frau mit dem abenteuerlichen Lebenslauf in den Aargau fand. In der heutigen Luxusmetropole lernte sie nämlich ihren ersten Mann kennen, der aus dem Bündnerland stammt. Nach vier Jahren im Orient wurde 2003 Ennetbaden zur Homebase des Paars.

Die Ehe ging in die Brüche, Barandun blieb. «Die Anfänge nach der Scheidung waren hart», sagt sie und wechselt das Thema.

Lebensgefährte kocht kreolisch

Unlängst war das Schweizer Fernsehen zu Gast im Haus von Katharina Barandun. Gedreht wurde ein Beitrag über ihre offene Tafel «Eat & Meet» für die Sendung «Heimatland», die am 8. Juni ausgestrahlt wird. Einmal im Monat lädt die Initiantin Menschen verschiedenster Herkunft zum geselligen Beisammensein in ihr Domizil ein.

Für einen moderaten Unkostenbeitrag kocht Lebensgefährte Gerardo kreolisch und jeder, der Lust hat, kann am grossen Esstisch Platz nehmen. Der Anlass findet seit vier Jahren statt und ist ein Erfolg.

«Wir öffnen unseren Privatbereich gerne für Fremde und empfinden die spontanen Treffen als Bereicherung», sind sich beide einig. Barandun fände es schön, wenn auch andere Schweizerinnen und Schweizer ab und zu jemanden einladen würden, der alleine ist. «Links und rechts von uns leben Leute, die Zuspruch brauchen. Und das sind nicht nur Familienangehörige und Freunde.»

Katharina Barandun weiss durch ihre Auslandaufenthalte die Stabilität in ihrem Heimatland mehr denn je zu schätzen. Das spontane Aufeinanderzugehen fehlt ihr jedoch sehr. Seit einigen Monaten finden an ihren «Eat & Meet»-Anlässen auch Flüchtlinge am langen Esstisch Platz.

«Man kommt immer schnell ins Gespräch. Schon so mancher hat bei uns seine Skepsis und Vorurteile gegenüber Fremden überwunden», freut sie sich.

«Eat well, live simply, laugh often» steht auf einem an die Küchenwand gepinnten Plakat. Oder auf deutsch: Esse gut, lebe simpel und lache oft. Der Spruch ist zum Lebensmotto des Paares geworden: «Wir leben bescheiden, geniessen, lachen und teilen vor allem sehr gerne», sagt Barandun.

Weil das Haus in Ennetbaden viel Platz bietet, wurden zwei Zimmer mit angrenzendem Bad zu einem «Bed & Breakfast» umfunktioniert. Gerardo sorgt für den Zimmerservice und das tägliche Frühstück. Als ehemaliger Gastronom ist er ganz in seinem Element.

Der Blick von Katharina Baranduns grosser Terrasse auf den Lägernhang ist wunderschön. «Wie Ferien», schwärmt sie, «ich will gar nicht mehr weg».

Seit fast einem Jahrzehnt ist die Sozialarbeiterin im Auftrag von Liegenschaftsverwaltungen für interkulturelle Siedlungsarbeit zuständig. In dieser Funktion versucht sie, Konflikte in Wohnquartieren zu schlichten, wenn sich das Zusammenleben zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern schwierig gestaltet.

Zusätzlich leistet Barandun psychologische Notfallhilfe im Care Team Baden. «Ich bin fast täglich mit Menschen konfrontiert, die schwierige Lebenssituationen zu bewältigen haben», sagt sie. Verantwortung abzuschieben oder zu resignieren kam für die sensible Frau nie infrage.

Ganz viel Energie tankt sie bei ihrer Leidenschaft, dem orientalischen Tanz. Ihr Hobby begleitet sie schon seit frühster Jugend. Mittlerweile gibt sie am Montagabend in der Schule Ennetbaden selber Unterricht.

«Die weichen runden Bewegungen sind für mich Weiblichkeit pur. Und die treibende Kraft der begleitenden Trommeln symbolisiert das Leben. Es geht immer vorwärts und irgendwie weiter.»