Steine, die in Europa für den Strassenbau verwendet werden, sind grösstenteils in Asien abgebaut und verarbeitet worden – oft unter menschenunwürdigen Bedingungen. «Blutsteine» nennt man die mit Zwangs- und Kinderarbeit produzierten Natursteine. Nebst portugiesischen Rand- und Pflastersteinen werden im Wettinger Strassenbau hauptsächlich chinesische verwendet. Allerdings klebt an diesen Steinen kein Blut. Im Gegenteil: Sie sind mit dem Label Fair Stone versehen.

Das Hilfswerk Solidar Suisse kämpft seit 75 Jahren gegen Kinderarbeit, gegen Diskriminierung und für Arbeitsrechte. Es untersucht und bewertet, woher einzelne Gemeinden ihre Werkstoffe beziehen und ob sie sich entwicklungspolitisch engagieren. Daraus entsteht ein Gemeinderating. Wettingen schnitt mit drei von fünf Punkten besser ab als Baden mit zwei oder Bremgarten mit gar nur einem Punkt. Das Bewusstsein für faire Abbaubedingungen sei in Wettingen vorhanden, bestätigen Christian Engeli von Solidar Suisse und Urs Heimgartner, Leiter Planung und Bau. Sämtliche Lieferanten der Gemeinde müssen, bevor die Bestellung erfolgt, ein dreiseitiges Formular zu sozialen Aspekten wie Arbeitsverträge, Gleichstellung von Mann und Frau, Pensionskassen und Kinderarbeit ausfüllen.

Fair Stone ist in China, Indien, Vietnam und in der Türkei aktiv. Wie man auf der Internetsite nachlesen kann, seien die Arbeitsbedingungen in vielen chinesischen Steinbrüchen höchst bedenklich. Tödliche Unfälle und Krankheiten wie Staublunge seien an der Tagesordnung. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Arbeiter betrage 40 Jahre. Fair Stone garantiert für seine Produkte faire Arbeitsbedingungen in Steinbrüchen und weiterverarbeitenden Betrieben. Das Label orientiert sich an den ILO-Kernübereinkommen. Die International Labour Organization (Internationale Arbeiterorganisation) vereint 183 Staaten und hat im Sinne der Menschenrechte Richtlinien für Arbeitgeber formuliert. Die acht Kernübereinkommen enthalten die Garantie der Vereinigungsfreiheit, der Schutz vor Diskriminierung, das Verbot der Kinderarbeit und die Abschaffung der Zwangsarbeit.

Solidar Suisse begrüsst die offizielle Entscheidung von Wettingen, nur zertifizierte Steine zu verbauen. Für eine weitere Förderung des fairen Abbaus brauche es aber noch mehr Gemeinden, die Farbe bekennen. «Erst wenn der Grossteil der Gemeinden verbindlich erklärt, ihre Materialien nur noch aus zertifizierten Produktionsstätten zu kaufen, wird Druck auf die Importeure erzeugt. Die Händler werden so auf Produkte aus fairen Abbaumethoden setzen», erklärt Engeli.

Auch Marie-Louise Reinert, EVP-Einwohnerrätin in Wettingen, die 2009 auf die Abbauproblematik aufmerksam gemacht hat, ist erleichtert, dass ihre Gemeinde nur Steine aus fairen Produktionsketten ankauft. Nichtsdestotrotz bleibt Reinert skeptisch. «Labels wie jenes von Fair Stone stehen und fallen mit einer unabhängigen Kontrolle.»

Solche würden laut Karoline Hermann, Projektassistentin von Fair Stone, in China regelmässig durchgeführt. Sie schreibt: «Unsere Repräsentantin besucht Steinbrüche und weiterverarbeitende Betriebe sowohl mit vorheriger Anmeldung als auch unangemeldet. Zusätzlich hält sie Workshops für die Arbeiter.» Kontrolliert und instruiert würden alle registrierten Betriebe der 26 Lieferketten. Momentan seien aber noch keine Betriebe zertifiziert. Sie befänden sich derzeit alle im Umsetzungsprozess der Fair-Stone-Standards. «Unabhängige Auditoren werden erstmals nächstes Jahr Betriebe prüfen und zertifizieren. Dies werden jedoch noch keine Steinbrüche sein, sondern steinverarbeitende Betriebe», schreibt Hermann.

«Wenn wir schon Steine aus China verbauen, dann ist das Label Fair Stone immerhin einen Beweis dafür, dass sich eine Organisation um die Einhaltung der ILO-Kernübereinkommen kümmert», sagt Reinert. Wenn man sich in einem Land wie China engagieren wolle, gibt sie aber zu bedenken, müsse man die dortigen Bedingungen und Voraussetzungen akzeptieren. Und diese seien in China sehr schwierig.