Seit vier Tagen ist Angela Antoniazzi aus Rütihof bei Baden in der 3. Sek. Und seit zwei Tagen kennen Fussballfans ihr Gesicht nicht nur weitherum im Land, sondern ebenfalls in England und in Italien. Angela ist begeisterte Tschüttelerin. In ihrer Freizeit spielt sie zwar vor allem intensiv Tennis und verschlingt gerade die Romantrilogie «Die Tribute von Panem». Im Schulsport aber ist Fussballspielen ihr absoluter Favorit. Am Mittwochabend nun ist die junge Aargauerin im Stade de Suisse in Bern vor einem Heer von Fotografen und Fernsehkameras aufgetreten. «Ein bisschen aufregend wars schon – aber cool.»

Jonglieren für den grossen Auftritt

In der Ausgabe vom 22. Juli hatte «Der Sonntag» Kinder als Fahnenträger beim Länderspiel Italien – England gesucht: «16 junge ‹Sonntag›-Leser können Balotelli & Co. treffen.» Der Aufruf war Angela sofort ins Auge gestochen. Obwohl die Grosseltern väterlicherseits Italiener sind, ist sie allerdings Spanien-Fan und mag die Azzurri eher gar nicht: «Die sind so arrogant, vor allem der Balotelli.» Aber zum ersten Mal im Leben ein Länderspiel erleben – hautnah notabene –, einmal auf dem Rasen des Stade de Suisse stehen: Das hat Angela schon mega gereizt. Mit einem handgeschriebenen Brief hatte sie sich beim «Sonntag» beworben. «Mit Foto. Meine Mutter hat mich geknipst, wie ich einen Ball auf einem Fuss balanciere. War gar nicht einfach, bis es geklappt hat.»

Angela: Eine von 16

Geklappt hats dann aber mit der Wahl. Rund 500 Bewerbungen von Kids waren beim «Sonntag» eingegangen; 13 Buben und drei Mädchen von 12 und 13 Jahren wurden ausgesucht. «Da wir noch in den Ferien waren, mussten die Verantwortlichen dreimal bei uns anrufen. Was für ein Glück, dass sie das getan haben», berichtet Papa Franco Antoniazzi. Er – Juniorentrainer beim FC Fislisbach – und Sohn Marco, seinerseits Handballspieler, haben Angela nach Bern begleitet. Denn mit jedem der 16 Fahnenträger-Kids waren zwei Begleitpersonen an das Spiel eingeladen.

18.30 Uhr, 150 Minuten vor dem Anpfiff: Die Buben und Mädchen werden in die «geheimen» Katakomben unter dem Stadion geführt. Sie fassen ihr Tenü: blaue Hosen, gelbe T-Shirts und Stulpen. Neben Angela sitzt Johanna von Felten aus Rombach. Sie lacht übers ganze Gesicht, nimmts total locker. Bald schon beginnt aber der Ernst des Fahnenträger-Lebens: Die theoretische Instruktion, wer welche Fahne wo hält, wohin sie getragen werden muss und wer sie kniend, wer stehend halten muss bis die beiden Nationalhymnen fertig gesungen sind. Praktisch darf das Ganze nur ein einziges Mal geübt werden. Je sechs Jugendliche tragen die englische und die italienische Fahne, vier die Fair-Play-Flagge der Uefa. Angela hält den unteren grünen Zipfel der italienischen Fahne.

«Es war megacool»

20.50 Uhr, 10 Minuten vor dem Anpfiff: Gestärkt von spendiertem Sandwich und Getränk, kribbelig vom langen Warten, marschieren die 16 kleinen Gladiatoren ein. Mit dem gebotenen Ernst trägt Angela ihren Zipfel zu einer kleinen Markierung und kniet vor 15000 Zuschauern nieder. Vom Aufmarsch der beiden Teams bekommt Angela nicht viel mit, aber nach getaner Arbeit kommt das Vergnügen. Noch immer im blau-gelben Dress, verfolgt Angela auf der Tribüne mit Papa und Bruder den Match. Bei den Engländern fehlt von den Stars Rooney, bei den Azzurri glänzt Balotelli ebenso durch Abwesenheit wie Buffon, Pirlo und Di Natale. Das Spiel samt Resultat ist entsprechend. Die englischen Fans, fahnenmässig ganz klar besser bestückt, trompeten, trommeln und singen «God save the Queen», während die zahlenmässig deutlich überlegenen Italiener zunehmend stiller werden. Angela freuts.

«Es war megacool. Vor allem, weil die Engländer gewonnen haben», kommentiert sie nach dem Schlusspfiff strahlend. Nach Mitternacht erst kommt sie ins Bett. Um 6.20 Uhr gestern klingelt bereits wieder der Wecker. Die erste Doppelstunde ihres frisch gewählten Wahlfachs Informatik wartet im Schulhaus Pfaffenkappe in Baden auf die nunmehr ExFahnenträgerin.