Wettingen
Anita Volker tut es sehr weh, «wenn Menschen ausgegrenzt werden»

Anita Volker ist Gründerin der Gruppe «Mensch zu Mensch», die zur Pfarrei St. Anton Wettingen gehört. Engagierte Frauen lindern mit ihren freiwilligen Einsätzen die Not einsamer und ausgegrenzter Menschen.

Ursula Burgherr
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Anita Volker, auch Autorin zweier Bücher, stickt ihre schönen Blütenbilder selber. Ursula Burgherr

Anita Volker, auch Autorin zweier Bücher, stickt ihre schönen Blütenbilder selber. Ursula Burgherr

Ursula Burgherr

Seit einem halben Jahrhundert lebt die Baslerin Anita Volker zusammen mit ihrem Mann Bruno in der Zentrumsüberbauung Wettingen an der Zentralstrasse 101. Drei Kinder hat sie im Hochhaus mit 100 Wohnungen grossgezogen. Freiwilligenarbeit zu leisten, gehört für die heute

76-Jährige zum Alltag.

Der einstigen Pfarreisekretärin von St. Anton ist es mitzuverdanken, dass 1991 unter dem damaligen Vikar Ernst Heller (heute bekannt als Zirkuspfarrer), die Gruppe «Mensch zu Mensch» gegründet wurde.

«Ich kannte viele Frauen, die im Stillen sozial tätig waren. Aber sie waren alle Einzelkämpferinnen, hatten keine Ansprechpartner, und es mangelte ihnen an Anerkennung», erzählt Volker und schildert weiter: «In der von der Pfarrei unterstützten Gruppe fanden sie ein Forum für den gegenseitigen Austausch und ihre Weiterentwicklung.»

Die Helferinnen, die für «Mensch zu Mensch» im Einsatz sind, besuchen vor allem Senioren in den ortsansässigen Betagtenheimen oder umliegenden Spitälern und organisieren Anlässe für einsame Leute, die in der Gesellschaft keinen Anschluss mehr finden.

Rita Maria Amschler geht am 23. und 24. Dezember auf Wunsch zu Leuten, die allein sind und ein Gespräch dringend brauchen. Die Nachfrage ist gross!

Hilfsbereitschaft nimmt ab

Bestand die Gruppe «Mensch zu Mensch» früher aus 13 Mitgliedern, sind es heute gerade noch sechs. Und die befinden sich – ausser Leiterin Susi Estermann – alle im fortgeschrittenen Alter. «Kaum jemand will sich heute noch freiwillig engagieren», sagt Volker bedauernd, «alle stehen unter Stress und sind mit ihren eigenen Problemen beschäftigt.»

Vor 40 Jahren rief sie in den Freizeiträumen der Zentrumsüberbauung die Kaffee-Stube ins Leben. Der Treffpunkt steht jeden Dienstag von 15.30 bis 17.30 Uhr für alle offen, die bei Kaffee, Tee und selbst gebackenen Kuchen eine Gelegenheit suchen, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Auch dieser Betrieb kann nur durch Freiwilligenarbeit von Frauen im Quartier aufrechterhalten werden und ist dank einer Kollekte selbsttragend. «In der Kaffeestube ist für jeden Platz», sagt Volker und kämpft um die Akzeptanz für Individuen, die durch schwere Lebensumstände und Einsamkeit eigenwillig und bisweilen verbittert geworden sind.

Absolute Diskretion

Auch ihnen schenkt sie ihre Fürsorge. Es tut der engagierten Seniorin immer wieder weh, wenn Menschen ausgegrenzt werden.

Viele, teils schwere Schicksale kommen ihr in der Kaffeestube und bei den Besuchen in den Hochhäusern zu Gehör. Absolute Diskretion ist sowohl für sie als auch die anderen Engagierten von «Mensch zu Mensch» Ehrensache. «Auch deshalb ist es so wichtig, dass wir uns in der Gruppe gegenseitig Halt und Unterstützung geben», so Volker, «ich hoffe sehr, dass uns trotz des Nachwuchsmangels eine Zukunft beschieden ist.»

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