Anita Winter ist mit dem Zug unterwegs nach Genf zum Hauptsitz der Vereinten Nationen (UN), als wir sie erreichen.

«Wenn die Verbindung abbricht, rufen Sie mich einfach wieder an», sagt sie mit leiser Stimme. Eigentlich hätte die az sie bei ihrem Elternhaus an der Hägelerstrasse in Baden getroffen. Doch der Genfer-Termin wurde kurzfristig verschoben.

Die 53-Jährige hält an jenem Tag vor dem UN-Menschenrechtsrat als Repräsentantin der grössten humanitären jüdischen Organisation (B’nai B’rith) eine Rede.

Die Mutter von vier Kindern ist eine Zeugin von Zeitzeugen, wie sie selber sagt. Ihre Eltern und Grosseltern sind Holocaust-Überlebende, mussten im Zweiten Weltkrieg vor den Nazis aus Deutschland fliehen. «Diese Familiengeschichte trägt man das ganze Leben mit sich mit», sagt Winter, die in Baden aufwuchs und zur Schule ging.

Ihre Grosseltern sind den Nazi-Schergen nur knapp entkommen. Auf einem Marktplatz im polnischen Stanislawow wurde die ganze Verwandtschaft ihres Grossvaters ausgelöscht – seine Eltern, alle Onkel und Tanten. Die Grosseltern wollten nach Baden fliehen, dorthin wo die Grossmutter geboren wurde, doch die Schweiz verweigerte dem Paar die Einreise. So lebten sie während des Krieges in Liechtenstein und kamen erst später in die Schweiz zurück.

Auch die Eltern von Anita Winter mussten vor Hitlers Gefolgsleuten fliehen. «Mein Vater lebte bis zur Kristallnacht 1938 in Berlin. Er konnte weder eine Schule besuchen, noch sich auf Parkbänke setzen oder ins Schwimmbad gehen», erzählt sie. Er floh nach Baden, wo er zweimal verraten wurde und einen Ausreisebefehl nach Deutschland erhielt. Erst als sein in Baden lebender Onkel beim damaligen Bundesrat Johannes Baumann (FDP) vorsprach, erhielt er die Erlaubnis, in der Schweiz zu bleiben. Auch dank des enormen Einsatzes der Badener Behörden. «Ohne die Stadt Baden wäre ich heute nicht am Leben, denn mein Vater wäre in den sicheren Tod ausgeliefert worden.» Auch die Mutter entging den Nazis nur knapp: «Sie wurde in einem Güterwagen von Nürnberg aus deportiert, konnte aber bei einem Zwischenhalt entkommen.»

Die traurige Vergangenheit ihrer Familie erfuhr Anita Winter erst im Teenageralter. Sie habe allerdings früh realisiert, dass etwas nicht in Ordnung war. «Immer wenn ein Güterzug vorbeifuhr, wandte meine Mutter den Blick ab.» Winter habe aber nicht gewagt, ihre Eltern zu fragen, was im Krieg passiert sei. «Ich wusste, dass meine Mutter weinen würde. Das wollte ich nicht sehen», sagt sie.

Vor 30 Jahren zog Winter nach Zürich, wo sie ihre eigene Modefirma leitete und mit ihrem Ehemann vier Kinder grosszog. Doch die beklemmende Geschichte ihrer Familie liess sie nie los. Nach einem Gespräch 2012 mit dem israelischen Sozialminister, in dem dieser bedauerte, nicht früher erkannt zu haben, wie viele Überlebende des Genozids traumatisiert und finanziell notleidend sind, entschloss sich Winter, ihr Leben fortan den Holocaust-Überlebenden zu widmen.

Weltweit gibt es noch gut 500 000 Zeitzeugen, wobei rund die Hälfte davon in ärmlichen Verhältnissen lebt. Auch in der Schweiz. Hierzulande leben schätzungsweise noch knapp 500 Überlebende. Eine genaue Statistik gibt es nicht, weil viele Opfer sich nicht zu erkennen geben. «Einige haben nicht einmal ihren Familien von ihrer schrecklichen Vergangenheit erzählt», sagt Winter. Sie gründete 2014 die Gamaraal Foundation, die sich für die in der Schweiz lebenden jüdischen Opfer des Zweiten Weltkrieges einsetzt.

Banken, Privatpersonen und sogar Kinder von Nazis, die mit einer Spende die Gräueltaten wiedergutmachen wollen, unterstützen die Stiftung. So kann Winter jedes Jahr an den drei grössten jüdischen Feiertagen (Pessach, Chanukka, Rosch ha-Schana) den Holocaust-Überlebenden in der Schweiz Zuwendungen im dreistelligen Bereich überweisen. 84 Bedürftige profitieren von der Stiftung. «Mit diesem Geld können sie offene Rechnungen begleichen», sagt Winter. Ihr Engagement füllt sie zu hundert Prozent aus.

Vielen Überlebenden bleibt nur noch wenig Zeit – in etwa 20 Jahren werden die letzten Zeitzeugen gestorben sein. Deswegen könnte das Motto der Gamaraal Stiftung, «besser spät als nie», nicht passender sein. «Mir ist bewusst, dass die Hilfe für viele Opfer zu spät kommt. Aber einfach nichts zu machen, ist auch nicht besser», sagt Winter. Dann bricht die Telefonverbindung kurz ab. «Hallo, hören Sie mich noch», fragt sie. Winters Zug fährt gerade in Genf ein.

Einige Stunden später: Die Rede ist beendet, der Beifall verstummt, die Schweissperlen von der Stirn gewischt. Es klappt doch noch mit einem Treffen, wenn auch nur für ein Foto. Winter kommt direkt aus der Romandie. Übermüdet steigt sie in Baden aus dem Zug. «Die Rede vor dem UN-Menschenrechtsrat ist gut gegangen, ich habe viele Komplimente erhalten», sagt sie und führt uns für das Foto an den Fuss zur Ruine Stein. Hier in der Nähe wuchs ihre Grossmutter auf. Sie spricht mit leiser Stimme, streicht immer wieder die Haare aus dem Gesicht. Winter will das perfekte Foto, schliesslich sei sie mit der Stadt Baden emotional stark verbunden.