Obersiggenthal

Annemarie Martin und Fritz Erni kämpfen für ein sauberes Nussbaumen

«Unser heutiger Einkauf», erklären Fritz Erni und Annemarie Martin in Anspielung auf den achtlos weggeworfenen Abfall in Nussbaumen, den sie innert kürzester Zeit gesammelt haben.Alex Spichale

«Unser heutiger Einkauf», erklären Fritz Erni und Annemarie Martin in Anspielung auf den achtlos weggeworfenen Abfall in Nussbaumen, den sie innert kürzester Zeit gesammelt haben.Alex Spichale

Die beiden sammeln weggeworfenen Abfall ein — und möchten nun einen Sternmarsch ins Leben rufen, um Nussbaumen sauber zu halten.

Fast einen ganzen Ordner hätten die Reaktionen auf den ersten Bericht über sie gefüllt, erzählt Annemarie Martin lachend. Vor drei Jahren begleitete das Badener Tagblatt die 65-jährige Nussbaumerin beim Einsammeln von Abfall entlang der Badener Limmatpromenade. Auch einige negative Kommentare waren darunter, aber das mache ihr nichts aus.

Im Gegenteil, sie befeuern sie in ihrem Engagement. Viel wichtiger seien ihr die positiven Aspekte. Zum Beispiel der 78-jährige Fritz Erni, der besagten Bericht über Annemarie Martin gelesen hatte und seither ebenfalls herumliegenden Abfall einsammelt: «Wenn man pensioniert ist, hat man ja auch die Zeit dazu», sagt Erni.

Zwei- bis viermal Pro Jahr ein Sternmarsch

Die beiden wollen nun die Idee eines sogenannten Sternmarsches umsetzen (einem Marsch, der von verschiedenen Ausgangspunkten zum gleichen Ziel führt) und sind in Kontakt mit Thomas Kuster, Leiter Planung und Umwelt in Obersiggenthal. Mit ihm hat Annemarie Martin die Idee bereits diskutiert. Einen solchen Marsch wollen sie mit zahlreichen Gleichgesinnten zwei- bis viermal pro Jahr organisieren, um Obersiggenthal gemeinsam vom herumliegenden Abfall zu befreien.

Dafür benötigen sie von der Gemeinde hauptsächlich Unterstützung bei der Entsorgung des gefundenen Abfalls, erzählt Annemarie Martin. «Ein paar Plakate, die auf den Sternmarsch aufmerksam machen würden, wären aber auch nicht schlecht», ruft Erni lachend dazwischen. Ob die Gemeinde die Idee unterstützt, soll in diesen Tagen entschieden werden.

Auf frischer Tat ertappen

Die beiden sind auch anderweitig aktiv, um die Bevölkerung zu sensibilisieren. So stellten Fritz Erni und Annemarie Martin im Juni mit der Erlaubnis der Gemeinde beim Markthof einen Infostand auf. Dafür sammelten sie rund um den Markthof Abfall und machten damit eine Abfallausstellung.

Am Infostand verteilten sie auch Unterlagen, wie zum Beispiel den Ordnungsbussenkatalog der Stadtpolizei Baden, der auch für Obersiggenthal gilt. Die Bussenbeträge für nicht korrekt entsorgten Abfall unterscheiden sich: Sie variieren zwischen 50 Franken (zum Beispiel für weggeworfene Zigarettenstummel) und 300 Franken (Deponieren von Abfallsäcken ohne Gebührenmarke). Der Kanton möchte den Bussenkatalog nun aber anpassen und kantonal vereinheitlichen.

Das grosse Problem: Man muss schon jemanden auf frischer Tat ertappen, um ihn sanktionieren zu können. Die Mitarbeiter des Bauamts zum Beispiel gehen aber auch anderweitig aktiv auf die Suche nach Abfallsündern.

Müll nach Adresshinweisen durchstöbern

Sie würden den Abfall auf Adresshinweise durchsuchen, sagt Annemarie Martin — und sie würden manchmal sogar fündig. Diese Personen erhalten dann eine Busse zugeschickt. «Und lustigerweise werden die auch bezahlt.»

Annemarie Martin ist gut informiert, hat sie doch immer wieder Kontakt mit Behörden, um neue Ideen vorzuschlagen oder um Hilfe zu bitten. Dass sie oder Erni selbst jemanden ertappen, passiert eher selten. Wenn, dann sprechen sie die Personen sofort darauf an. Die Aussage eines jungen Mannes empfand Erni einmal als besonders dreist: «Er sagte mir, dass sein Vater schliesslich Steuern dafür bezahle, damit der Abfall wieder weggeräumt werde.»

Adlerauge für den Abfall

Wer täglich Abfall aufliest, entwickelt ein Adlerauge dafür: Beiden fallen viel schneller Dinge auf, die andere auf den ersten Blick gar nicht erfassen. Auch an diesem kalten, windigen Tag, an dem sie sich zur Sammeltour verabreden.

Annemarie Martin und Fritz Erni laufen in Richtung Markthof und bevor man sich versieht, entdeckt sie ein kaputtes Trottinett, das versteckt hinter einem Gebüsch liegt: «Sehen Sie hier, was da einfach entsorgt wird!» Grössere Dinge wie dieses Trottinett werden später die Angestellten des Bauamts mitnehmen, erklärt Annemarie Martin.

Keine Minute später macht Erni auf einen Ort aufmerksam, an dem vor kurzem noch ein Abfallkübel gestanden sei; der ist nun weg. Auch das ist den geübten Abfallsammlern nicht neu: «Abfallkübel animieren die Menschen dazu, ihren Haushaltsabfall hier zu entsorgen.»

Immer mehr Müll bleibt liegen

Annemarie Martin hat sich schon in jungen Jahren dem herumliegenden Abfall verschrieben und kann aus Erfahrung sagen: «Es wird immer mehr und immer extremer.» Deshalb sei es ihr sehr wichtig, mit ihrem Engagement so viele Menschen wie möglich zu erreichen: «Ich will ein Vorbild sein und finde es schön, dass es mir immer mehr gleichtun», sagt sie.

Fritz Erni ist sich sicher: «Ich glaube, je weniger auf den Strassen herumliegt, desto mehr bringen wir es hin, dass Menschen ihren Abfall nicht einfach achtlos auf den Boden schmeissen.»

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