Lesbisch
Ansturm auf Buch über frauenliebende Frauen über siebzig

Das Buch der Journalistin und Historikerin Corinne Rufli «Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert» mit Lebensgeschichten über lesbische Frauen ist nach drei Wochen fast ausverkauft. Die zweite Auflage ist schon im Druck.

Erna Jonsdottir
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Corinne Rufli
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Mit Corinne Ruflis Buch wird erstmals ein Einblick in das Leben älterer frauenliebender Frauen gewährt.
Corinne Rufli

Corinne Rufli

Sandra Ardizzone

Es ist eine kleine Sensation für den kleinen Badener Verlag Hier und Jetzt: Das Interesse am Buch der hiesigen Historikerin und freischaffenden Journalistin Corinne Rufli zur Frauen- und Lesbengeschichte ist so gross, dass nur drei Wochen nach dem Erscheinen der ersten Auflage mit 1500 Exemplaren bereits die zweite im Druck ist.

Der Ansturm im Buchladen widerspiegelt in etwa das Interesse an der Vernissage im Club Kanzlei in Zürich Ende März. Eng aneinandergedrückt hörten 300 Personen Rufli und «ihren Frauen» – den frauenliebenden Frauen über siebzig, die ihre Geschichten erzählten und das Publikum mit ihrer Offenheit berührten und gleichzeitig faszinierten – zu.

Weitere 100 Personen, mehrheitlich Frauen, kamen nicht mehr ins Lokal rein und warteten draussen, um nach der Vorstellung doch noch ein Buch mit Unterschrift zu ergattern.

Forschung seit dreieinhalb Jahren

Das Thema, an dem Rufli seit dreieinhalb Jahren forscht und damit in der Schweiz Pionierarbeit leistet, stösst auf Interesse: Erstmals wird ein Einblick in das Leben älterer frauenliebender Frauen gewährt.

Ein Leben zwischen Tabu und Verdrängung

Elf Frauen über 70 blicken im Buch von Corinne Rufli auf ihr Leben zurück. Ihre Geschichten sind berührend, erstaunlich und sehr persönlich. Zum ersten Mal überhaupt wird eine solche Vielfalt an Lebensgeschichten älterer frauenliebender Frauen in der Schweiz zugänglich gemacht. Die Erzählungen zeigen Grenzen und Möglichkeiten von Frauen dieser Generation, die sich nicht dem Ideal der Hausfrau und Mutter unterwerfen wollten, und dokumentieren die Vielfalt eines Frauenlebens jenseits von Kategorien.

Corinne Rufli: «Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert. Frauenliebende Frauen über 70 erzählen.» Vorwort von Corine Mauch, Stadtpräsidentin von Zürich.

Sie erzählen im Buch, wie sie ihre Beziehungen in der bürgerlichen Enge der Schweiz gestalteten, wie sie einen Mann heirateten oder sich in eine Frau verliebten und wie sie heute leben.

Die Geschichten zeigen aber auch die Ausgrenzung von Frauen, die sich nicht dem Ideal der Hausfrau und Mutter unterwerfen wollten. «Diese Frauen waren bisher unsichtbar», sagt Rufli, die in ihrer Jugend von den Feministinnen der Frauenbewegung der 1970er-Jahre fasziniert war. In diesem Buch gibt sie einer Generation lesbischer Frauen eine Stimme, die bisher ungehört blieb.

Angefangen hatte alles mit ihrer Lizenziats-Arbeit an der Universität Zürich, die ihr beim Schreiben des Buches als wissenschaftliche Basis diente. Durch ihr grosses Beziehungsnetz kam sie bald in Kontakt mit frauenliebenden Frauen über siebzig.

Doch würden sie überhaupt ihre Geschichten erzählen wollen? «Zuerst ging es nur um die Liz-Arbeit, die nicht öffentlich ist. Die Frauen waren offen und bereit, über ihr Leben zu sprechen», sagt Rufli.

Es sei für die Frauen aber neu und ungewohnt gewesen, über ihre Biografie zu sprechen, da ihre Liebe zu Frauen bis heute tabuisiert ist. «Sie liessen sich dennoch darauf ein und für viele begann ein intensiver und auch aufwühlender Prozess.»

Die Liebe und das Leben von elf Frauen

Mit dem Buch wagten elf Frauen, die bisher sehr diskret gelebt hatten, ihren ersten Schritt in die Öffentlichkeit. Rufli hörte zu, schrieb und feilte fast zwei Jahre lang an den Geschichten.

«Eine grosse Herausforderung war es, die schweizerdeutschen Gespräche in einem gut lesbaren Deutsch zu verfassen, ohne den Frauen die Authentizität zu nehmen.»

Nach der intensiven Auseinandersetzung mit den Geschichten hielt Rufli das frisch gedruckte Buch Mitte März in der Hand. «Ein unbeschreibliches Gefühl», sagt sie, «es war so lange meins und plötzlich lag es da, zugänglich für alle.»

Rufli hofft, dass ihr Werk breit gelesen wird. «Es ist ein Buch über die Liebe und das Leben, es handelt von Frauen, aber auch von Männern – es ist ein Beitrag an unsere Zeitgeschichte.»

Die Zusammenarbeit mit diesen Frauen hat Rufli geprägt. Ihre Frauen seien zu Vorbildern geworden, die sie so nie hatte. «Ich habe zum ersten Mal gesehen und erlebt, wie eine Frauenbeziehung nach 40 Jahren aussehen kann.»

Zudem sei es sehr eindrücklich gewesen, zuzuhören, wie diese Frauen von ihrer ersten Liebe zu einer Frau erzählten, wie aber auch von Momenten des Scheiterns oder bis heute anhaltenden Schuldgefühlen. «In der heutigen Zeit ist es zumindest möglich, über Homosexualität zu sprechen.»

Die Grundhaltung der Gesellschaft und der Medien sei positiver geworden. «Trotzdem sind lesbische Frauen immer noch ein Tabu-Thema.»

Deshalb ist für die 35-jährige Autorin ihre Forschung noch längst nicht abgeschlossen. «Ich habe erst damit angefangen», sagt sie und lacht.

Es gebe noch Tausende Lebensgeschichten von älteren frauenliebenden Frauen, zudem sei die Lesbengeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wenig erforscht.

Im Moment will sie jedoch mit ihrem Buch Diskussionen anregen und Lesungen veranstalten. «Ich bin auch mit einer Filmemacherin im Gespräch. Ein Dokumentarfilm zu diesem Thema wäre schön.»