Wettingen
Anwalt über Missbrauch im Kloster: «Jugendlichen grausames Leid angetan»

Anwalt und Notar Magnus Küng leitete die Expertenkommission des Schwyzer Klosters Ingenbohl. Er sagt im Interview, dass ihm die grausamen Schicksale der Kinder nahe gegangen sind.

Dieter Minder
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Magnus Küng, Leiter der Expertenkommission zu den Kindsmisshandlungen. Alex Spichale

Magnus Küng, Leiter der Expertenkommission zu den Kindsmisshandlungen. Alex Spichale

«Ich hatte das riesige Glück, wohlbehütet und glücklich aufwachsen zu dürfen. Für andere Kinder galt das nicht, sie waren leider oft der Willkür einzelner Menschen ausgesetzt.» Mit diesen sehr persönlichen Worten beginnt Magnus Küng seine Ausführungen zum Schlussbericht der unabhängigen Expertenkommission des Klosters Ingenbohl. Der Wettinger Jurist hat die vom Kloster eingesetzte sechsköpfige Expertenkommission geleitet, welche die Missbrauchsfälle in den von Ingenbohler Schwestern betreuten Kinderheimen untersuchte.

Küng, in einer Wettinger Grossfamilie mit sieben Kindern aufgewachsen, stellt fest: «Als ich die Interviews mit den ehemaligen Zöglingen las, bekam ich manchmal Herzklopfen und musste mir Tränen aus den Augen wischen.» So erging es auch den anderen Kommissionsmitgliedern. Im Schlusswort des Berichtes schreibt der Pädagoge, Anton Strittmatter: «Ich schaffte es phasenweise nicht, ausschliesslich Forscher und Beschreibender im wissenschaftlichen Modus zu bleiben.» Zu nahe sind auch ihm die grausamen Schicksale der Kinder gegangen.

Todesfällen nachgegangen

Zwei Jahre hat die Kommission Küng an ihrem Bericht gearbeitet. «Die Kommission war bewusst aus Leuten verschiedener Fachrichtungen zusammengestellt worden», sagt Küng. Es waren zwei Juristen, ein Pädagoge, eine Psychologin, ein Historiker und ein Kommunikationsberater daran beteiligt. Damit sollten alle Aspekte der Verfehlungen untersucht werden. Bei ihrer ganzen Arbeit hätten sie nie Widerstand aus dem Kloster gespürt: «Uns standen alle Türen offen, wir waren der Objektivität verpflichtet und agierten unabhängig von der Schwesterngemeinschaft.» Eingangs hatten die Kommission und das Kloster die Ziele der Untersuchung festgelegt. Darauf aufbauend nahmen die Fachleute ihre Arbeit auf. Etwa alle zwei Monate traf sich die Kommission, um die Zwischenergebnisse zu besprechen und sich zu koordinieren.

Dazwischen hat jedes Mitglied in seinem Bereich weiter geforscht. Im Vordergrund der Untersuchungen standen zwei Todesfälle aus dem Jahre 1928. Die Schwester eines verstorbenen Mädchens hatte diese in einem etwa 60 Jahre später verfassten Tagebuch aufgeführt. «Wir haben die Todesfälle juristisch aufgearbeitet, ohne zu berücksichtigen, dass sie bereits verjährt sind, denn neben einer rechtlichen Schuld gab es auch eine ethische Schuld zu prüfen», sagt Küng. Die Kommission liess den damaligen Bericht eines Spitalarztes über die Todesursache auch durch einen medizinischen Gutachter überprüfen. Im Falle dieses Mädchens kam die Kommission zum Schluss, dass höchst wahrscheinlich «Unterlassene Hilfeleistung» zum Tod führte, im anderen Fall dürfte es sich um einen natürlichen Tod (Meningitis) gehandelt haben. «Wir fanden bei diesem Knaben keine Anhaltspunkte für einen unnatürlichen Tod.»

Wohltäterinnen und Täterinnen

Drei angebliche Suizidfälle, von denen ein ehemaliger Insasse berichtete, konnte die Kommission nicht erhärten. In einem Fall hat das angebliche Opfer weiter gelebt. «Wir mussten oft feststellen, dass das Erinnerungsvermögen der noch lebenden Beteiligten stark nach lässt oder durch andere spätere Ereignisse überlagert wird, je weiter das Geschehene zurückliegt», sagt Küng. «Vielen Jugendlichen wurde grauenhaftes Leid angetan», stellt Magnus Küng nach Abschluss der Untersuchungen fest.

Die Massnahmen hat das Kloster Ingenbohl ergriffen

Das Kloster hat folgende Massnahmen beschlossen, teilt Provinzoberin Schwester Marie-Marthe Schönenberger mit:
• Der Schlussbericht und unsere Stellungnahme dazu sind auf der Homepage öffentlich einsehbar.
• Als Gemeinschaft stehen wir auch in Zukunft für Gespräche mit ehemaligen Kindern und Jugendlichen zur Verfügung und führen die Anlaufstelle für diese weiter.
• Schulung von Mitarbeitenden und Schwestern.
• Klärung der Prozesse und Abläufe, mit klaren Definitionen sowie stetiger Prüfung von Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortungen, mit Einbezug von Externen.


Das Kloster Ingenbohl
Die 1856 erfolgte Gründung Klosters Ingenbohl bei Brunnen geht auf Kapuziner Pater Theodosius Florentini aus Val Müstair zurück. Er war ab 1832 in Baden tätig, musste 1841 aus politischen Gründen ins Elsass fliehen, wurde aber im selben Jahr Pater und Lehrer in Altdorf. Inzwischen Dompfarrer in Chur, erwarb er 1855 einen Bauernhof bei Ingenbohl, womit der Grundstein für das Kloster gelegt war. Es zählt heute 630 Schwestern, die in über 40 Niederlassungen tätig sind. (dm)

Fakt ist, so heisst es im Bericht, dass es mehrere, aus verschiedenen Zeiten und Heimen stammende Anschuldigungen gegen Schwestern gibt, sie hätten sich an Mädchen oder Knaben vergriffen. Zugleich heisst es in diesem Bericht: Leider sei es der Expertenkommission nicht gelungen, die Rolle der Ingenbohler Schwestern in diesem Bereich von Missständen und Vorwürfen befriedigend zu erhellen, denn darüber wurde nicht geschrieben, das waren in der Kirche und in der Gesellschaft Tabuthemen. «Viele Klosterschwestern haben die Missstände gesehen und zugleich festgestellt, dass sie keine Chance hatten, sich in diesem System dagegen zu wehren.»

Einige hätten trotz misslichster Verhältnisse versucht, Gutes für diese Kinder zu leisten, einige seien daran zerbrochen, andere jedoch zu Mittäterinnen geworden. Viele der Schwestern sind inzwischen gestorben. Küng meint dazu zusammenfassend: «Es gab bei den Schwester Wohltäterinnen, jedoch auch Täterinnen, es gab aber auch Opfer dieses kirchlichen und gesellschaftlichen Systems.»

Tabuthemen wurden unterdrückt

«Es ist erschreckend, dass die Gesellschaft all diese Fälle geduldet hat», sagt Küng: «Dies, obwohl die Kenntnisse von schlimmen Vorfällen bereits 1949 vorhanden waren.» (Text unten). Die Heime hätten von einem staatlichen Direktor und einen Priester geleitet werden sollen. «Um Personalkosten zu sparen, wurden beide Aufgaben in Personalunion an einen Priester vergeben, der vom Bischof entsandt wurde», sagt Küng. Schlimm war es während der Amtszeit von Direktor Leisibach im Kinderheim Rathausen und im dazugehörigen Milchhof. Diese Zeit stand im Fokus der Expertenkommission. «Leisibach war ein pädophiler Sadist», stellt Küng fest.

1949 fand eine grosse Untersuchung statt, jugendliche Insassen wurden befragt, Leisibach wurde abgesetzt. «Vor Gericht ist er nie gekommen, heute würde ein solcher Grüsel verwahrt», sagt Küng. Es gab Tabuthemen und dazu zählten sexuelle Verfehlungen der Erwachsenen an den Heimkindern: «Diese durften nicht geschehen, und wenn etwas passiert ist, hat man nicht darüber geredet.» Eine Ursache sieht die Kommission im geschlossenen System von Staat, Kirche, Führungskommission und Direktion. Küng sagt dazu: «Das bezeichnen wir heute als Filz.» Ihm als Mediator fällt besonders auf, dass es keine neutrale Instanz gab, an die sich die Opfer hätten wenden können.

Das Geschehene nicht verdrängen

Der Bericht der Kommission Küng endet unter anderem mit Empfehlungen an das Kloster: «Das Leid der Opfer ist zu anerkennen; unrechtes, schuldhaftes Fehlverhalten einzelner Schwestern ist zu anerkennen; wir empfehlen der Gemeinschaft, bei allen Opfern und deren Angehörigen aufrichtig um Entschuldigung für das Fehlverhalten von Ordensangehörigen zu bitten; wir empfehlen, sich an einem bleibenden Mahnmal für das Geschehene zu beteiligen und sich im Rahmen ihrer grossen finanziellen Leistungen an gemeinnützige Institutionen besonders für benachteiligte Kinder einzusetzen.»

Küng ist überzeugt, dass mit dem Bericht und den Konsequenzen, welche die Schwesterngemeinschaft für ihre weiteren sozialen Einsätze daraus ziehen wird, das unerfreuliche Kapitel geschlossen werden kann, ohne es aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Zusammenfassend rät er der Schwesterngemeinschaft Ingenbohl: «Bleiben Sie aufmerksam und wach, wirken Sie bei Fehlverhalten korrigierend ein, und lassen Sie nicht zu, dass schwerwiegende Vorwürfe wie sexuelle Missbräuche tabuisiert also totgeschwiegen werden.»

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