Ennetbaden

Anwohner stark befahrener Strasse kämpft für Fussgängerstreifen – warum der Kanton ablehnt

Die Ehrendingerstrasse werde bei der Bushaltestelle Rütenen-Felmen nur selten überquert, heisst es bei der Gemeinde. Auf dem Weg ins Dorfzentrum könnten Fussgänger zudem die Unterführung weiter unten nutzen.

Die Ehrendingerstrasse werde bei der Bushaltestelle Rütenen-Felmen nur selten überquert, heisst es bei der Gemeinde. Auf dem Weg ins Dorfzentrum könnten Fussgänger zudem die Unterführung weiter unten nutzen.

In Ennetbaden fordert ein Anwohner der viel befahrenen Ehrendingerstrasse einen Zebrastreifen. Der Kanton Aargau lehnt die Markierung ab. Dies sei gesetzeswidrig, sagt der Fachverband «Fussverkehr Schweiz».

Seit einem halben Jahr wohnt Andy Lang mit Frau und Kind in Ennetbaden. Täglich steigt er auf dem Weg zur Arbeit bei der Bushaltestelle Rütenen-Felmen an der viel befahrenen Ehrendingerstrasse ein, die er dafür überqueren muss. Als Querungshilfe dient ihm eine Verkehrsinsel auf Höhe der Haltestelle – aber kein Fussgängerstreifen. Was Lang verdutzt zurückliess: «Ich dachte, da fehlt nur noch die gelbe Farbe für die Streifen.»

Also klopfte Lang kürzlich bei der Bauverwaltung der Gemeinde Ennetbaden an und fragte, wann denn an dieser Stelle ein Zebrastreifen komme. «Ein Fussgängerstreifen wird nicht aufgemalt. Als Querungshilfe für Fussgänger dient einzig die Insel mit den Pfosten», bekam Lang als Antwort zurück.

«Unfallrisiko ist zehnmal höher»

Die Forderung nach der Markierung eines Fussgängerübergangs ist nicht neu (siehe Kontext rechts). Dass sich Anwohner dafür einsetzen, sei zwar verständlich, sagt Anton Laube, Gemeindeschreiber von Ennetbaden. Da es sich bei der Ehrendingerstrasse um eine Kantonsstrasse handelt, müsse das kantonale Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) die Erstellung eines Fussgängerstreifens beschliessen. Und das BVU habe sich gegen eine Markierung entschieden. Die Begründung: «Die Ehrendingerstrasse wird bei der Haltestelle Rütenen-Felmen nur von wenigen Personen überquert», so Laube. Und je weniger Fussgänger eine Strasse queren würden, desto höher sei die Gefahr.

Doch weshalb eigentlich? Kai Schnetzler, Sektionsleiter Verkehrssicherheit beim BVU, erklärt: «Laut internationalen Studien ist das Unfallrisiko bei tiefen Frequenzen zehnmal höher.» Bei kaum benutzten Fussgängerstreifen sinke nämlich die Aufmerksamkeit der Autofahrer, was das Risiko für einen Unfall erheblich steigere. Deshalb würden solche Begehren auf Kantonsstrassen bei zu niedrigen Frequenzen grundsätzlich abgelehnt. Schüler und Fussgänger aus dem Quartier Rütenen-Felmen hätten dank der Unterführung weiter unten an der Strasse (siehe Karte) dennoch einen direkten und sicheren Weg ins Dorf, versichert Anton Laube.

Gemeinden müssen Fusswegpläne erstellen

Diese Erklärung kann Andy Lang nur schwer nachvollziehen. Verkehrsinseln ohne Fussgängerstreifen hält er für fussgängerfeindlich: «Die gesamte Verantwortung wird auf die Passanten abgewälzt und ihnen dadurch das Vortrittsrecht genommen.» Auch der Vorschlag, die Unterführung zu benutzen, sei nicht überzeugend. «Der Weg runter bis zur Unterführung ist sehr lang, der Umweg kostet fünf Minuten, die man am Morgen einfach nicht hat.»

Auf dem Weg vom Quartier Rütenen-Felmen ins Dorfzentrum könnten Fussgänger die Unterführung weiter unten nutzen, so die Gemeinde.

Auf dem Weg vom Quartier Rütenen-Felmen ins Dorfzentrum könnten Fussgänger die Unterführung weiter unten nutzen, so die Gemeinde.

Hoffnung, dass bei der Haltestelle Rütenen-Felmen ein Fussgängerstreifen realisiert wird, besteht trotzdem. Zumindest, wenn es nach «Fussverkehr Schweiz», dem nationalen Fachverband für eine fussgängerfreundliche Verkehrsgestaltung, geht. «Aufgrund des Bundesgesetzes über Fuss- und Wanderwege müssen Kantone dafür sorgen, dass die Gemeinden Fusswegpläne erstellen», sagt Dominik Bucheli von «Fussverkehr Schweiz».

Dies hat die Gemeinde Ennetbaden an der Ehrendingerstrasse auch getan – und hat just an der Stelle, an der heute die Querungsinsel steht, einen Fussgängerstreifen eingeplant, wie dem Kommunalen Gesamtplan Verkehr (KGV) der Gemeinde aus dem Jahr 2017 zu entnehmen ist. Weil der Zebrastreifen dadurch Teil einer offiziellen Fusswegnetzplanung sei, müsse folglich eine Ausnahmeregelung greifen, sagt Bucheli: «In diesem Fall kann auch bei tiefen Fussgängerfrequenzen ein Zebrastreifen geprüft werden.»

Wäre Fussgängerstreifen sicher?

Den Kommunalen Gesamtplan Verkehr genehmige der Kanton nur bis zu Stufe Zielsetzung, sagt Kai Schnetzler. Häufig im KGV enthaltene Massnahmen, wie der eingezeichnete Fussgängerstreifen, seien nicht Teil des Genehmigungsinhalts. «Der KGV plant auf viele Jahre hinaus. Unsere Aufgabe ist es, zu schauen, ob die einzelnen Massnahmen die Sicherheitsanforderungen erfüllen», so Schnetzler. Was bei der Haltestelle Rütenen-Felmen nicht der Fall sei. Fussgängerstreifen müssten objektiv sicher sein, betont er. «Falls sich die Fussgängerfrequenzen an dieser Stelle ändern, nehmen wir die Markierung selbstverständlich sofort vor.»

Die Fussgängerfrequenz alleine dürfe als Argument aber nicht gelten, meint Dominik Bucheli. Zudem sei in Fachkreisen umstritten, ob die Anzahl Fussgänger sicherheitsrelevant ist. «Unbestritten ist, dass das gleichzeitige Queren von mehreren Passanten positive Sicherheitseffekte hat. Dies ist bei Bushaltestellen auch bei tieferen Frequenzen gegeben, da dort Personen vor der Ankunft und nach der Abfahrt des Busses die Strasse queren», erklärt Bucheli. Gerade deswegen sei eine Ausnahme bei öV-Haltestellen sinnvoll.

Und weiter: «Mit der Auffassung, dass er sich nicht an Richtpläne halten muss, widerspricht der Kanton Aargau der Bundesgesetzgebung.» Diese schreibe den Kantonen vor, für die Erhaltung der Fuss- und Wanderwegnetze zu sorgen. «Demzufolge müssten auch die Fusswegpläne wie der KGV behördenverbindlich sein.»

Diesen Standpunkt vertritt «Fussverkehr Schweiz» zurzeit sogar vor Gericht – bei einem Fall in Windisch: «Wir wehren uns dagegen, dass der Kanton den Fussgängerstreifen beim Bachthalen-Kreisel aufhebt», sagt Bucheli. Derzeit warte man auf einen Entscheid des Regierungsrates; Bucheli geht davon aus, dass der Fall bis vor das Verwaltungsgericht geht. Ein Urteil könne weitreichende Folgen haben: «Es ist möglich», prognostiziert er, «dass Ennetbaden bald wieder einen Fussgängerstreifen an der Ehrendingerstrasse beantragen kann.»

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