Toni Kyburz ist zweifellos ein Original. Ein Unangepasster, der niemals mit dem Strom schwamm. Der gelernte Möbelschreiner und Mitbegründer der heutigen Marionettenbühne Wettingen hat sein Leben lang gekrampft. Und findet auch mit bald 89 Jahren, es sei noch lange nicht Zeit, in den Ruhestand zu treten. «Arbeit ist mein Lebenselixier», sagt er, «auch wenn der Körper nicht mehr ganz so will wie der Geist.»

Wer im Breitacher in Baden-Rütihof das Haus dieser Persönlichkeit betritt, die das Aargauer Kulturleben mitgeprägt hat, muss sich erst einmal an den Anblick gewöhnen. Alles ist bis zur Decke vollgestopft mit Waren. Das Sofa im Wohnzimmer verschwindet unter haufenweise Kleidern, Tüten, Haushalsgeräten, Requisiten für Theateraufführungen und, und, und.

Das Auge der Journalistin versucht irgendwo einen Fixpunkt zu finden. Da! Auf der Treppe zum Schlafzimmer steht ein lebensgrosser Gepard aus Porzellan. «Ich habe ihn für Bekannte geflickt, doch sie holten ihn nie mehr ab», erzählt Kyburz dazu. An der Wand hängen Batiken, Fotos, Gemälde und unzählige Uhren, die nur noch teilweise funktionieren. Eine Pendule sticht ins Auge. «Ein Geschenk vom Bundesrat an meinen Vater für eine herausragend ausgeführte Arbeit. Er war ebenfalls Möbelschreiner», sagt der gebürtige Oberentfelder.

Das Gespräch findet am Esstisch statt. Dort steht neben seiner Brotbackmaschine eine Miniatur-Kutsche aus dem Märchen «Der Froschkönig», die vor Jahren auf der Marionettenbühne Wettingen zum Einsatz kam. Daneben liegen Brettspiele aus Holz von vollendeter Schönheit. Allesamt handgefertigte Unikate von Kyburz.

Dann entdeckt die Schreiberin im Sammelsurium ein Kaleidoskop aus Spiegelglas. Blickt man durch die Linse ins Licht, verändern sich die Formen ohne jegliche Drehung. «Ich habe Tausende davon an Franz Carl Weber verkauft», sagt der leidenschaftliche Tüftler und lacht.

Sein Hausrat hält ihn auf Trab

Ausser seiner Arthrose im linken Knie ist Kyburz immer noch fit. Bis heute ist er bei Simona Hofmann, Gründerin des Kindertheaters «Lampefieber», als Allrounder tätig. Die erfolgreiche Künstlerin weiss seine handwerklichen und technischen Geschicke zu schätzen. Sie ist eine der wenigen, die ihm trotz seines Alters noch das Gefühl geben, wichtig und wertvoll zu sein.

Zudem ist er als Bühnenmeister des Remise-Theaters in Rütihof tätig. Nach dem Tod von Hauseigentümer Peter Meier ist dieses allerdings stillgelegt und die Zukunft ungewiss. Das Problem wird mit den fortschreitenden Jahren immer mehr, dass Kyburz nicht nur die ihm vertrauten Menschen überlebt und alleine zurückbleibt, sondern auch, dass Zeitgeist und Werte, wie er sie gekannt hat, nicht mehr existieren.

Toni Kyburz um 1975 mit seinen Figuren.

Toni Kyburz um 1975 mit seinen Figuren.

Seine drei jüngeren Geschwister sind mittlerweile gestorben. Auch seine Frau Agnes musste er nach langer Krebserkrankung 1979 beerdigen. Er ging niemals mehr eine neue Beziehung ein. «Nochmals ein solches Schicksal hätte ich nicht überstanden», ist er überzeugt. Geblieben sind seine Tochter Esther und drei Enkelinnen. Demnächst wird er Urgrossvater. Doch die Einsamkeit ist spürbar. Aber «dä Grümpel», wie Toni Kyburz seinen Hausrat bezeichnet, hält ihn weiterhin auf Trab. Mit jedem Objekt ist eine Erinnerung verbunden. Loslassen kann er von keinem.

Toni Kyburz blickt auf eine denkwürdige Karriere als Möbelschreiner zurück. Er ist ein Alleskönner, wie es ihn heute kaum noch gibt. Nach der Lehre in Aarau arbeitete er in verschiedenen Schreinereien, Zimmereibetrieben und Sägewerken. Er erzählt von Serienmöbeln, die er hergestellt hat. Von einem ganzen Chalet, das er im Alleingang für einen Vorgesetzten baute. Erinnert sich an Kindersärge, die er für das Kantonsspital Aarau zimmerte.

Sein Flair für Handwerk und Mechanik verschaffte ihm schliesslich eine Anstellung als erster Angestellter in der Storen-Näherei Engler in Wettingen. Nebenbei amtete er als Hauswart. «Ich hatte immer mehrere Jobs gleichzeitig. Das Geld war knapp und ich musste meine kleine Familie ernähren», berichtet Kyburz. 1969 wurde er zum Kursleiter in Badener Kornhaus berufen und übernahm fünf Jahre später dessen technische Leitung. «Unser Betrieb war eine kleine Sensation und wurde sogar von Chinesen und Japanern besucht», erinnert sich Kyburz. «Ich habe für sie ein Fondue zubereitet.»

Bei den Erinnerungen an seine rund 10-jährige, intensive Kornhaus-Zeit fangen die Augen an zu blitzen. Als absolutes Novum führte das Multitalent Marionettenkurse für Lehrpersonen im Kornhaus Baden ein.

Fernsehen gegen die Einsamkeit

Rund 1000 Puppen an Fäden stellte Kyburz selber her. Einige davon hängen bei ihm an der von schwarzem Filz abgedeckten Fensterwand seines Wohnzimmers. «Ich kann sie so bewegen, als ob sie richtige Menschen wären», zeigt er sich stolz. An einer Badenfahrt lernte Kyburz Theaterpädagogin Rita Périllard († 2013) kennen und gründete mit ihr 1979 das Marionettentheater Baden (heute Figurentheater Wettingen im Gluri-Suter-Huus). Noch bis gegen 80 führte Kyburz Marionettenspiele auf. Zuletzt im Remise-Theater in Rütihof.

Beschäftigung ist für Toni Kyburz das A und O, um lebendig zu bleiben. Während er früher in ständigem Kontakt mit Mitarbeitenden stand, ist es heute sehr ruhig geworden im Haus. «Wenn mich die Stille plagt, stelle ich den Fernseher an», sagt er.

Was soll mit all seinen Sachen geschehen, wenn er einmal nicht mehr ist? «Es Zündholzli aazünde und abfackle», schiesst es aus ihm heraus. Als Reaktion auf das betroffene Schweigen stellt Toni Kyburz eine batteriebetriebene Ernie-Figur aus der «Sesamstrasse» auf dem Tisch und lässt sie Purzelbäume schlagen. Dann lacht er wieder.