Im vierten Quartal des vergangenen Jahres erfüllten 59 der 219 Aargauer Gemeinden ihre Pflicht zur Aufnahme von Asylbewerbern nicht. In den Bezirken Baden, Brugg und Zurzach traf dies auf 24 der total 78 Gemeinden zu. Wie begründen die Verantwortlichen ihren Entscheid?

«Wir hatten bereits einige Asylbewerber-Familien in unserem Dorf, letztmals vor rund fünf Jahren», sagt Leibstadts Gemeindeammann Christian Burger. «Dies bedeutete einen zusätzlichen Arbeits- und Betreuungsaufwand für den Gemeinderat, den man nicht unterschätzen darf.»

Der Gemeinderat habe beim Einkaufen von Kleidern geholfen, die Asylbewerber bei Arztbesuchen begleitet und sich auch um die Wohnung und die Versicherungen gekümmert, wie Burger ausführt. «Auch deshalb haben wir uns entschlossen, lieber eine Ersatzabgabe zu zahlen.» Diese betrug im vierten Quartal 2011 gut 2000 Franken. Leibstadt müsste drei Asylbewerber aufnehmen, aber es fehle die Infrastruktur, sagt Gemeindeammann Burger. «Wir müssten extra ein Gebäude oder eine Wohnung anmieten.» Die Aufnahme von Asylbewerbern sei darum momentan «keine Option».

Gemeinden fehlt der Wohnraum

Auch andere Gemeinden der Region machen Platzgründe dafür verantwortlich, dass sie ihrer Aufnahmepflicht nicht nachkommen. So auch Bözens Gemeindeammann Annemarie Baumann: «In unserer Gemeinde ist schlicht kein Wohnraum vorhanden.» Dieser sei sowieso schon knapp. Freie Wohnungen seien jeweils bereits wieder vom Markt, ehe die Gemeinde davon erfahre.

Ähnlich präsentiert sich die Situation in Oberrohrdorf. Dort besitzt die Gemeinde zwar eine grössere Mietliegenschaft, die aber von langjährigen Mietern bewohnt wird und deshalb keinen Platz für die neun aufzunehmenden Asylbewerber bietet. Die hohen Mietpreise im Dorf bewirken zusätzlich, dass «Private keine Wohnungen für Asylanten zur Verfügung stellen», wie Daniel Hug, Gemeindeammann von Oberrohrdorf, ausführt.

Auffällig ist, dass im Bezirk Brugg 16 der 29 Gemeinden keinen Asylbewerber aufgenommen haben, während dies im Bezirk Baden nur auf
2 der 26 Gemeinden zutrifft. «Diese Unterschiede könnten durch die Grössenunterschiede der Gemeinden zustande kommen», sagt Hansruedi Gysi, Gemeindeschreiber von Schinznach-Dorf. Für kleinere Gemeinden sei die Unterbringung von Asylbewerbern nämlich schwieriger – obwohl sie nur wenige Asylbewerber unterbringen müssen. «Für nur zwei Asylbewerber etwas zu finden, ist schwierig», sagt Ursula Berger-Bolliger, Gemeindeammann von Birrhard. «Wir haben uns gefragt, ob sich ein einzelner Asylbewerber wohl fühlen würde, so ganz alleine bei uns», bläst Marcel Baldinger, Gemeindeammann von Fisibach, ins gleiche Horn.

Schinznach-Dorf hat andere Gründe, der Pflicht nicht nachzukommen, wie Gysi betont: «Wir haben schlechte Erfahrungen gemacht.» Vor Jahren habe man eine Familie aus Schwarzafrika in der Gemeinde untergebracht. Diese sei Knall auf Fall aus dem zur Verfügung gestellten Einfamilienhaus ausgezogen. Da habe die Dankbarkeit gefehlt. «Deshalb bezahlen wir lieber die Ersatzabgabe, statt den grossen Aufwand zu betreiben.»

Kanton will Gegensteuer geben

Etwas mehr als 200000 Franken Ersatzabgaben haben die Aargauer Gemeinden im letzten Quartal 2011 bezahlt, wie die Zeitung «Der Sonntag» berichtete.

«Es ist tatsächlich so, dass es für viele Gemeinden attraktiver ist, eine Ersatzabgabe zu zahlen», sagt Balz Bruder vom Departement Gesundheit und Soziales des Kantons Aargau. Diese sei gesetzlich verankert und zu tief, um die beabsichtigte Lenkungswirkung zu entfalten. «Der Kanton plant deshalb eine Teilrevision des Sozialhilfe- und Präventionsgesetzes. Es geht im Grundsatz darum, die Aufnahmepflicht durchsetzen zu können.» Insbesondere wünscht sich Bruder Verbundlösungen zwischen Gemeinden.