Baden
Attiger: «Ich kann mir schlecht vorstellen, 20 Jahre Regierungsrat zu sein»

In seinem Schluss-Interview blickt Stephan Attiger auf seine sieben Jahre Stadtamman zurück und sagt, wieso er nicht Bundesrat werden will.

Roman Huber und Martin Rupf
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Stephan Attiger nimmt Abschied als Stadtammann.

Stephan Attiger nimmt Abschied als Stadtammann.

Alex Spichale

Das Büro des Stadtammanns macht einen sehr aufgeräumten Eindruck. Gut, Stephan Attiger hielt in seinem Büro immer Ordnung, stellte man bei Besuchen jeweils fest. Beim letzten Interview mit dem scheidenden Ammann und künftigen Regierungsrat ist es vielmehr die Aufbruchsstimmung, die man spürt.

Herr Attiger, was dominiert bei Ihnen zurzeit: Die Vorfreude auf den Neuanfang oder die Wehmut des Abschieds?

Stephan Attiger: Das kommt drauf an, wo ich bin. In Baden erlebe ich seit Tagen eine Zeit des Abschiednehmens, da ist immer ein wenig Wehmut dabei. Sobald ich Richtung Aarau fahre, freue ich mich. Dort habe ich gute Leute kennen gelernt, mit denen ich zusammenarbeiten werde.

Wo liegt der Reiz des neuen Jobs? Hier Ammann, dort einer von fünf.

Ich habe stets über die Gemeinde- und Regionsgrenze hinaus gedacht. Jetzt erhalte ich ein neues Wirkungsgebiet, man hat mit verschiedenen Regionen zu tun, muss auch über die Kantonsgrenze hinweg denken. Es ist eine neue Flughöhe.

In Aarau ist die Gangart im Parlament härter. Haben Sie Respekt?

Ich war selber Teil dieses Parlaments (lacht). Es ist sicher anders als auf kommunaler Ebene, die Parteien haben mehr Einfluss. Entscheide sind auch von grösserer Tragweite.

War ihre Bilderbuchkarriere so geplant?

Nein, das hat sich so ergeben, aber man muss zum richtigen Zeitpunkt dazu bereit sein. Ich habe weder als Einwohnerrat geplant Stadtrat zu werden noch als Stadtrat Stadtammann. Ich habe Freude an der politischen Arbeit und erhielt Zuspruch. Ich wusste einzig, dass ich nicht bis zur Pensionierung Stadtammann bleiben würde und noch persönliche Ziele erreichen wollte.

Der nächste Schritt ist Bundesrat?

Nein, bleiben wir realistisch. Ich bin sehr viele Abende weg von Zuhause. Zudem möchte ich nicht von Baden weg. Für mich ist Qualität, wenn ich früh aufstehe und mit meiner Frau noch den Morgenkaffee geniessen darf, bevor ich zur Arbeit gehe. Das kann ich als Regierungsrat.

Doch Regierungsrat bis zur Pensionierung?

Falls politisch etwas schief laufen würde, kann ich immer in die Privatwirtschaft zurückkehren. Man soll sich mit anderen Gedanken befassen, schliesslich muss man alle vier Jahre gewählt werden. Ich bin 46 Jahre alt, kann mir aber schlecht vorstellen, 20 Jahre Regierungsrat zu bleiben, ausser es müsste doch so sein.

Hatten Sie sich als Ammann zu Beginn mit Ihrem Vorgänger gemessen?

Nein. Das entspricht nicht meiner Art. In der Bevölkerung hat man mich wohl zu Beginn daran gemessen. Doch wichtig ist, dass man sich selber bleibt.

Sie haben sieben erfolgreiche Jahre hinter sich. Wurden Sie in eine gute Zeit hineingewählt?

Mein Vorgänger Sepp Bürge hatte einen sehr guten Job gemacht. Der Einwohnerrat beschloss damals das Standortmarketing und fällte einige gute Entscheide. Es liegt auch an den Abteilungen – und an einem selber, den Willen zu haben, etwas zu verändern und nicht nur zu verwalten. Da liegt der Erfolg.

Dank dem notwendigen «Kleingeld» in der Stadtkasse.

Das ist tatsächlich so. Wir mussten nie ein gutes Projekt begraben, weil es an den Ressourcen gefehlt hätte. Aber man muss den Mut haben, die Finanzen bereitzustellen, damit man das Rad in Bewegung halten kann.

Inwiefern?

Durch Vorinvestitionen wie in Baden Nord, im Bäderquartier oder im Galgenbuck. So ermöglichten wir eine gute Entwicklung. Und wir profitieren vom Wirtschaftsraum Zürich, indem wir dazugehören und dennoch eine eigene Destination bleiben.

Die Energiebranche ist hier stark vertreten. Kein Klumpenrisiko?

Einesteils ein Klumpenrisiko, andernteils eine gute Positionierung. Mit den Energiefirmen hat sich in der Region ein enormes Know-how gesammelt, auch über die Zulieferfirmen. Know-how kann man nicht einfach anderswohin zügeln. Das gibt eine gewisse Garantie. Die Energiewende bringt für Firmen wie Alstom und ABB zwar Risiken, aber mit dem Forschungszentrum auch Chancen. Inzwischen ist es uns aber gelungen, auch in der Medizinaltechnik ein starker Standort zu werden.

Der schwärzeste Tag in Ihrer Amtszeit war sicher der 13. Juni 2010.

Der Tag der Ablehnung des Zusammenschlusses mit Neuenhof. Grundsätzlich kann ich Entscheide gut akzeptieren, ob vom Volk, Einwohnerrat oder im Stadtrat gefällt. Ich habe Mühe damit, wenn nicht entschieden wird, weil man nicht will. Auch nach einem Nein muss es vorwärts gehen.

Hatten Sie sich im Abstimmungskampf zu stark zurückgehalten?

Im Nachhinein kann jedermann sagen, dass man diese knapp 50 Stimmen hätte holen müssen. Die Exekutive stellt den Antrag und hat sich in einem Abstimmungskampf zurückzuhalten, wenn sie keine Abstimmungsbeschwerde riskieren will.

Die Bedingungen (Finanzierung des Kantons) sind heute viel besser. Warum wartet der Stadtrat, wo es doch Signale in Ennetbaden gibt.

Neuenhof kam vermutlich zu schnell. Der Fahrplan war anders. Solchen Projekten muss man mehr Zeit geben. Man müsste einen Zusammenschluss mit drei, vier Gemeinden anstreben. Das Signal aus Ennetbaden ist Anlass, das Thema Zusammenschlüsse neu anzugehen.

Wo sehen Sie die Entwicklungsmöglichkeiten für Baden?

Abgesehen von Brisgi und Galgenbuck hat es auch in Baden Nord noch viel Potenzial. Die geplanten Hochhäuser sind ein richtiges Signal. Dann gibt es eingeschossige Bauten auf diesem Areal, wo eine bessere Nutzung möglich wäre. Anders sieht es in den Quartieren aus. Dort soll ein Wachstum nur so stattfinden, dass die Strukturen und die Qualitäten nicht beeinträchtigt werden. Verdichten ist gut, doch braucht es auch ein unterschiedliches Wohnangebot.

Was waren die positiven Höhepunkte in Ihrer Amtszeit?

Ich durfte sehr viele Highlights erleben, die enorme Entwicklung des Trafo-Centers, ein schwieriger Ort, die neue Entwicklung im Bäderquartier – man hätte auch nur das alte Bad sanieren können – oder in Baden Nord. Dann gibt es die vielen kleinen Highlights, wenn der Stadtrat ein gutes Geschäft abschliessen konnte.

Und auf persönlicher Ebene?

Da werden mir die Badenfahrt und das Stadtfest in bester Erinnerung bleiben. Nicht nur wegen der Riesenparty. Vielmehr darum, weil 5000 Leute ein Fest auf die Beine stellen und 10 Tage lang eine Region zusammenbringen und Identität schaffen.

In Baden tritt eine neue Regierung an. Sie haben sich aus dem Wahlkampf herausgehalten. Keine Bedenken wegen der rot-grünen Mehrheit?

Solche Wahlen sind Persönlichkeitswahlen. Es sind Leute im Stadtrat und an der Spitze, die gestalten und vorwärtsschreiten wollen. Bedenken habe ich nicht. Es gibt selten Stadtratsentscheide, bei denen die politische Ideologie ausschlaggebend ist.

Die rot-grüne Regierung muss nun auf die Ausgabenbremse treten. Dabei war es der bürgerlich dominierte Stadtrat, der lange Geld für neue Aufgaben ausgegeben hat. Fast etwas paradox.

Bei meinem Amtsantritt war eine Sparübung angesagt, weil der mittelfristig angesagte Cashflow nur 13 Millionen Franken betrug. Doch man hatte mutig investiert. Ein paar Jahre später betrug der Cashflow 35 Millionen, heute 25 Millionen. Die Situation ist nicht neu. Man muss den Nettoaufwand im Auge behalten, aber trotzdem investieren, wo man profitiert – Beispiel: Tagesstrukturen. Baden wird den richtigen Weg gehen.

Wie gehen Sie am Dienstag als Regierungsrat zur Arbeit? Mit dem Töff oder mit der Staatskarosse?

Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht (lacht). In der Regel wird es dann mit Zug oder Auto sein, je nachdem wie der Tag verläuft. Wenn es spät wird, hat man als Regierungsrat in der Tat die Möglichkeit, chauffiert zu werden.

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