Dietikon/Baden

Auch mit 80 lässt ihn der Schuh nicht los

Vor 53 Jahren verliess Silvestro Maffei Italien und kam nach Dietikon. Er wurde Schuhmacher, fand sein Glück und seine Liebe. Seit 1976 führt er das Schuhmachergeschäft an der Haselstrasse in Baden.

Ein Besuch bei Schuhmacher Silvestro Maffei an der Haselstrasse in Baden kommt einer Reise in eine andere Epoche gleich: Die Näh-, die Schleif- und die Stanzmaschine, aber auch die Kasse stammen aus der Zeit, bevor die Elektronik Einzug hielt. Modern ist dafür der Fernseher, auf dem «Rai Uno» läuft. Übertönt wird der TV von einer Schar Kanarienvögel in zwei Käfigen. Es riecht nach Leim. Silvestro Maffei sitzt vor der Nähmaschine und repariert einen Lederschuh.

«Ich bin der Silvestro», sagt der Schuhmacher zur Begrüssung mit einem breiten Lächeln. Er unterbricht die Arbeit, offeriert einen Espresso. «Ich bin am 1. Januar 1936 wenige Minuten nach Mitternacht auf die Welt gekommen.» Sein Vater habe mit einem Silvester-Kind gerechnet, daher der Name. Aufgewachsen ist Silvestro mit drei Schwestern und zwei Brüdern in der Adria-Hafenstadt Bari, mitten im Zweiten Weltkrieg. Der Vater diente als Artillerieunteroffizier in Afrika. Die Mutter erzog die Kinder weitgehend alleine. 1946 starb der Vater mit nur 55 Jahren.

Nach der Schulzeit begann Silvestro bei einem Schuhmacher in der Stadt seine Ausbildung. Später führte er in Bari «una piccola Calzoleria», wie er sagt, eine kleine Schuhmacherei.

Silvestro Maffei kam wie viele seiner Generation in den 60er-Jahren als Gastarbeiter aus Italien in die Schweiz. Und er blieb bis heute. Maffei liess sich 2004 sogar einbürgern ¬– «mit Stolz und Freude, denn die Schweiz hat mir ein gutes Leben ermöglicht», betont er und fügt an: «Im Herzen bleibe ich immer auch Italiener.» Anders als andere, die sich mit dem Erreichen des AHV-Alters zur Ruhe setzen, geht Silvestro Maffei mit seinen 80 Jahren noch täglich seinem Handwerk nach.

Ohne Deutsch zum Job

1963 verliess Silvestro seine Heimat, um einen Cousin zu besuchen, der als Gastarbeiter in Zürich tätig war. «Die Schweiz hat mir so gut gefallen, dass ich mich gleich um eine Arbeitsbewilligung bewarb», erzählt er. Bei der Orthopädie Ruesch in Dietikon fand er seine erste Anstellung, obwohl er noch kein Wort Deutsch sprach.

Wenige Monate später, «es war an Karfreitag 1964», wie sich Silvestro bestens erinnert, «bin ich mit einem Freund ins Tea-Room Mogador am Stauffacher in Zürich gegangen». Da habe er Carmela zum ersten Mal getroffen. «Es war Liebe auf den ersten Blick», sagt Silvestro und schmunzelt.

Auch Carmela – nur 13 Tage jünger, Gastarbeiterin aus Trient und seit sieben Jahren als Schneiderin in der Schweiz – verliebte sich in Silvestro. Am 29. Dezember 1965 heirateten die beiden. 1967 kam Sohn Nicola zur Welt. Silvestro zeigt stolz ein Foto von ihm: «Nicola ist Automechaniker und führt in Adliswil eine eigene Garage.»

Obwohl Silvestro mit Freude zurückblickt, weiss er auch von schwierigen Zeiten zu erzählen. «In den ersten Jahren hatte ich oft Angst, die Arbeitsbewilligung zu verlieren.» Es war die Zeit, als Gastarbeiter angefeindet wurden und wegen der Schwarzenbach-Initiative 300 000 ausländischen Arbeitskräften die Rückschaffung drohte.

Silvestro wechselte 1965 für kurze Zeit seinen Job. «Wegen eines Magenproblems riet mir der Arzt zu einer anderen Arbeit.» Die Fremdenpolizei willigte ein. «Sechs Monate montierte ich bei der Bono Apparate AG in Schlieren Kochherde. Die Schuhmacherei habe ich stark vermisst.» Eines Tages sei er seinem alten Chef begegnet. Der habe ihm die Rückkehr in seine Werkstatt angeboten und sich bei der Fremdenpolizei für ihn eingesetzt. Diese drohte Maffei wegen des Jobwechsels mit der Ausschaffung. «Ich hatte Glück, denn die Fremdenpolizei war sehr streng», sagt Silvestro.

Von Dietikon nach Baden

Anfang der 70er-Jahre konnte Silvestro das Geschäft in Dietikon von seinem Chef übernehmen. Nach Baden kam er 1976. «Ein Vertreter erzählte mir, dass der Schuhmacher an der Haselstrasse einen Nachfolger sucht. Ohne zu zögern nahm ich die Herausforderung an.»

Fortan reparierte Silvestro Schuhe in Baden, während seine Frau in Dietikon Aufträge entgegennahm. Bis 1989 führte das Ehepaar beide Geschäfte. «Dann wurde es uns zu viel, und ich konzentrierte mich ganz auf Baden.» Bis heute pendelt Silvestro von Dienstag bis Samstag in seinem Alfa zwischen Dietikon und Baden, denn er und seine Carmela wohnen seit fünfzig Jahren im gleichen Block in Dietikon.

In all den Jahren hat sich Silvestro auch beim FC Dietikon engagiert. Während 22 Jahren amtete er als Präsident der Sportgruppe Milan A.C.L.I. und setzte sich für die Integration von Gastarbeitern ein. Seit 1964 gehört die «Italienermannschaft» zum FC Dietikon. In Silvestros Werkstatt zeugen mehrere Pokale von den Siegen seiner «Milan A.C.L.I.».

Wie lange will Silvestro noch arbeiten? «So lange die Gesundheit es zulässt und ich Freude habe», antwortet er. Arbeiten sei sein Leben, auch wenn er gestehen muss: «Schuhmacher zu sein, ist nicht einfach.» Das Handwerk kämpfe gegen Billigschuhe und Wegwerfkultur. Dank gutem Service, Qualität und treuen Stammkunden gelinge es ihm, sich zu halten, weiss Silvestro und lächelt wieder voller Lebensfreude: «Mein Lehrmeister hat stets gesagt: Schuhmacher braucht es immer – auch wenn die Arbeit mal weniger wird, das tägliche Kilo Brot kannst du dir immer verdienen.»

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