Person am Montag
Auch termingeplagte Manager kommen zur Atemtherapeutin

Atemtherapie ist ein wunderbarer Weg zur Stressbewältigung: Das sagt Roswitha Muntwyler, die eine Praxis in Wettingen führt. Sie staunt jeden Tag über das, was sie in ihrem Beruf erleben darf. Selbst war sie einst Catering-Unternehmerin.

Elisabeth Feller
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Über den Atem spricht die Wienerin Roswitha Muntwyler am liebsten bei einer Tasse Tee.

Über den Atem spricht die Wienerin Roswitha Muntwyler am liebsten bei einer Tasse Tee.

Emanuel Freudiger

Prolog. Jedes trägt eine unverwechselbare Robe. In eine solche könnte man sich vergucken, wäre sie aus Stoff. Doch das, was vor unseren Augen liegt, ist von anderer, flüchtiger Beschaffenheit, erinnert aber gleichwohl an Haute Couture: Guetzli, deren farbliche und figürliche Gestaltung die Künstlerhand verrät. Das Standesbewusstsein dieser Köstlichkeiten, die allesamt vom Hosenbandorden geadelt erscheinen, lässt die Betrachterin erschauern. Gefasst blicken die Petitessen ihrem baldigen, tödlichen Schicksal entgegen: Sie werden gegessen, vielmehr verschlungen. Selbst wer eine gute Erziehung aufweist, vergisst diese und langt gierig zu – wie die Besucherin. Danach atmet sie tief durch. Damit sind wir bei einem Hauptthema angelangt: Atem. Dieser muss sich aber noch etwas gedulden, schliesslich beginnt er erst relativ spät, im Leben von Roswitha Muntwyler eine zentrale Rolle zu spielen.

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Nun haben wir den Schleier um den heutigen Gast gelüftet. Er sitzt entspannt auf dem bequemen Sofa in einer grosszügigen, lichtdurchfluteten Wohnung in Unterwindisch mit Blick ins Grüne; vor sich eine Tasse Tee. Ein leises Miauen ist zu hören: Eine mokkafarbene Katze huscht herein, signalisiert ihren Wunsch nach Essbarem.

Wie vielseitig unser heutiger Gast ist, weiss der Freundeskreis längst – und das nicht nur, wenn es sich um Gebäck von solitärer Güte handelt: hierzulande gebacken, aber mit österreichischen Wurzeln. Damit ist es Zeit, Unterwindisch zu verlassen, und nach Wien zu reisen, in den 8. Bezirk. Dort wächst Roswitha Bösel – «Darf man den Jahrgang erwähnen?» «Sicher. 1954» – auf, «in unmittelbarer Nähe des Theaters in der Josefstadt. Wir konnten von unserer Wohnung direkt auf die Probebühne schauen.»

Wir, das sind Roswitha Bösels Eltern, die Schwestern Renate und Regine sowie der Bruder Roland. Die Eltern führen eine weithin bekannte Fleischhauerei; also scheint der Weg für die junge Generation vorgezeichnet. Der Bruder übernimmt das Geschäft; Roswitha gründet den «Schmankerl Express». Davon später.

Jetzt drehen wir die Zeit zurück und sehen eine blutjunge Frau in der Halle des Hotesl Imperial am Kärntner Ring: eine Luxusherberge, in der die Staatsoberhäupter und die Berühmtheiten dieser Welt logieren: etwa die Dirigenten Otto Klemperer und Riccardo Muti; die Filmgenies Walt Disney, Alfred Hitchcock und Woody Allen; der Tänzer Rudolf Nurejew und der Pianist Maurizio Pollini. Das «Imperial» ist von Kultur förmlich durchtränkt, liegt es doch in Schrittnähe zum Musikverein, aus dem das Neujahrskonzert in alle Welt übertragen wird, und zur Staatsoper.

«Mein Einstieg ins Hotelleben begann zuerst als Telefonistin», erzählt Roswitha Bösel, heute Muntwyler. Sie lebt sich rasch in diesen eigenen Kosmos ein, übernimmt immer verantwortungsvollere Arbeiten; sie wundert und freut sich über originelle, aussergewöhnliche und pflegeleichte Gäste, deren Vorlieben und Macken sie alle aus dem Effeff kennt. Wollte sie, könnte sie darüber Bände sprechen. Aber sie will nicht, denn – Noblesse oblige – der Gast ist König; Verschwiegenheit ist eine Maxime.

Immerhin ein Histörchen: Als Romola, die Frau des Jahrhundert-Tänzers Vaslav Nijinsky, im «Imperial» zu Gast ist, fragt diese eines Tages: «Sie sind ja ein solch junges Fräulein – können Sie das?» Auf Diktat einen Brief schreiben? Fräulein Bösel kann das.

Elf Jahre ist Roswitha Bösel dem Hotel Imperial und damit einer faszinierenden Arbeit treu – dann lockt, in der Zusammenarbeit mit ihrem Bruder, Neues: der «Schmankerl Express», ein Catering-Unternehmen mit zehn Wiener Filialen und 150 Angestellten. Zuvor ist sie für ein halbes Jahr nach Haiti gereist, um sich ausgerechnet dort in den afrikanischen Tanz und in die Polyrhythmik zu vertiefen. Das Interesse für diesen speziellen Tanz ist nicht neu; Roswitha Muntwyler hat sich schon lange intensiv damit beschäftigt. Sie nimmt im Haiti der Baby-Doc-Zeit täglich Tanzunterricht, lebt in
einem Privathaushalt, vielmehr in einem Hotel namens «Sans souci» – ohne Sorgen. Dann der Neuanfang in Wien, «und der hat viel Kraft gekostet. Doch er war guet.» Sie ist 28 Jahre alt.

Roswitha Muntwyler lehnt sich zurück, nippt an ihrem Tee und fährt dann weiter in ihrem wienerisch gefärbten, wie eine Schubert-Melodie klingenden Idiom. Dann lacht sie ihr glockenhelles Lachen, als die Besucherin nach dem Schmankerl fragt. «Das bedeutet etwas Köstliches, Kleines.» Kleines? Welch eine Untertreibung für ein Unternehmen, das eine riesige Kundschaft mit Leckerem beliefert; Kindergärten zählen ebenso dazu wie das Bundeskanzleramt. Als «verrücktestes Erlebnis» bleibt Roswitha Muntwyler ein Anlass mit 1000 Gästen in Erinnerung. Darob in Panik geraten? Nein. Logistische Feinplanung und die Fähigkeit, selbst in vertracktesten Situationen die Übersicht zu bewahren, lassen keinen kopflos agieren.

Die Stunden im und für das Unternehmen hat Roswitha Muntwyler nie gezählt; es war Lebenselixier und Lebensaufgabe, bis ihr nach zehn Jahren bewusst wird: «Ich will aufhören. Aber wie sage ich das meinem Bruder?» Was sie erst später erfuhr: «Auch er wollte aussteigen. Auch er dachte: Wie bringe ich das bloss meiner Schwester bei?» Als die Geschwister über ihre Ausstiegsabsichten mit den Eltern sprechen, wird alles leichter, aber nicht leicht. Immerhin wollen die beiden, nach dem Verkauf des «Express», ein neues Leben beginnen. Roland Bösel wird Psychotherapeut, seine Schwester Roswitha wird – Atemtherapeutin.

Nicht schnurstracks, sondern auf Umwegen – und damit knüpfen wir an Roswitha Muntwylers Leidenschaft für den Tanz und die Polyrhythmik an. Sie lernt in diesem Zusammenhang den Österreicher Reinhard Flatischler, Musiker und Begründer der TaKeTiNA-Rhythmuspädagogik, kennen. Er hat auf verschiedenen Kontinenten Trommeln und Perkussion studiert. Dafür brennt auch ein junger Schweizer, der sein Leben dem Trommeln und der Rhythmik verschrieben hat: Martin Muntwyler.

Roswitha Bösel lernt ihn eines Tages kennen – er wird ihrem Leben eine neue Wendung geben. Sie wird an seine Hochzeit eingeladen; kennt niemanden, weiss: «Da muss ich mich selbst um mich kümmern.» Sie will an diesem Fest unbedingt tanzen –- auch den Kettentanz. Ihr fällt ein gross gewachsener Mann auf. Sie steuert auf ihn zu. «Bist du der Bruder von Martin?» «Ja.» «Kannst du tanzen?» «Ja.» «Willst du mit mir tanzen?» «Ja.» Amors Pfeil trifft die Österreicherin und den Schweizer.

«Beide waren wir 40. Eine Fernbeziehung wollten wir nicht führen, also haben wir nach kurzer Zeit geheiratet», sagt Roswitha und jetzt klingt ihre Stimme nach lauter Wiener Stephansdom-Glocken. «Dann haben wir überlegt, ob ich in die Schweiz oder mein Mann nach Wien ziehen soll.» Die Entscheidung fällt Roswitha, jetzt eine Muntwyler, leicht: Sie lässt in Wien alles zurück und zieht mit ihrem Mann Stefan nach Gebenstorf, ins Reussdörfli: «Ich habe mich sofort zu Hause gefühlt.» Dort sieht sie sich um, wo sie mitmachen kann, zum Beispiel in einer Band – schafft sich so rasch ein soziales Umfeld und einen Freundeskreis. Ihr Mann ist Lehrer und – vor allem – Maler. Er malt mit Pigmenten; erforscht Pigmente und gilt längst als internationale Kapazität.

Seine Frau erforscht anderes – den Atem. Roswitha Muntwyler absolviert eine mehrjährige Ausbildung zur Atemtherapeutin nach der Methode von Ilse Middendorf. Weshalb? Eine eilfertige Antwort will sie nicht geben, deshalb giesst sie sich noch eine Tasse Tee ein. Dann: «Der Mensch atmet täglich mehrere tausend Mal – meist unbewusst. Der Atem widerspiegelt unser Befinden; er stockt bei Angst oder es gibt ein Aufatmen bei einem freudigen Ereignis. Das ‹Geschehen-Lassen› des Atems, ohne ihn willentlich zu beeinflussen – das ist das Schlüsselelement der Atemtherapie nach Middendorf. Es wird also keine neue Atemtechnik gelernt, sondern es wird mit dem zugelassenen Atem gearbeitet.»

Atemtherapie, so Roswitha Muntwyler, sei ein wunderbarer Weg zur Stressbewältigung. Kein Wunder, dass ihre Praxis in Wettingen – «Der Aufbau war kein Honigschlecken» – auch von termingeplagten Managern aufgesucht wird. Ob individuelle oder Gruppenarbeit: Die Atemtherapeutin staunt täglich über das, was sie dank und mit ihrer Arbeit erfahren darf. «Ich habe einen wunderbaren Beruf», sagt Roswitha Muntwyler mit einem Lächeln, das sich erneut zum glockenhellen Lachen verstärkt, als die Besucherin fragt: «Kein Heimweh nach Wien?» «Nein. Ich bin hier angekommen.» Die Besucherin atmet auf – und greift nach dem Gebäck.