Um ihn wird die kleine Stadt Baden seit Jahrzehnten bewundert, beneidet, aber auch manchmal belächelt: Es ist der Badener Geist, der schon als existent galt, bevor von ihm gesprochen wurde. Gerne sind es Auswärtige, die von diesem Geist sprechen, Westaargauer, Zürcher, Nicht-Badener – während der Badener schweigt. Es wäre kein Geist mehr, wenn man ihn gesehen hätte. Dafür hat man ihn gespürt, gefühlt, vermutet oder einfach an ihn geglaubt. Es waren stets die legendären, grossen Feste in Baden, namentlich die Badenfahrten, ob klein oder gross, das Stadtfest, Tunnelfest, Bäderfest und wie sie alle hiessen und heissen, die diesen Badener Geist aufleben liessen und das womöglich in Zukunft weiter tun werden. Wer solches kennt und erlebt hat, weiss, dass der Geist dann in ungeahnter Intensität alle Bevölkerungsschichten zu durchdringen und erfassen vermag, und dies während 10 Tagen.

«Diesen Badener Geist verspürte ich auf der einen Seite sehr stark mit dem Badenfahrt- und Stadtfest-Komitee, und auf der anderen Seite bei allen Teilnehmern bei den riesigen und kreativen Vorbereitungsarbeiten zu diesen Festen. Irgendwie kann man diesen Geist fast nicht beschreiben. Wer aktiv dabei ist, spürt ihn einfach. Er ist einmalig und sehr speziell in Baden und der Region.» – Marc Périllard, ehemaliger Präsident des Badenfahrtkomitees

Gerade in den vergangenen Wochen wurde dieser Badener Geist wiederholt beschworen, aufgerufen, angefleht, er möge zurückkehren und die Stadt und deren Bevölkerung frisch beseelen. Nicht zuletzt erfolgte dieser Ruf politisch motiviert, wie der Badener Geist insbesondere zu Wahlzeiten mehrfach schon von Stadtparteien oder Kandidatinnen und Kandidaten bemüht oder vielmehr missbraucht wurde. Da stellt sich stets dieselbe Frage: Was, wer oder wo ist der Badener Geist?

«Der legendäre Badener Geist wäre reiner Mythos, hätte sich nicht immer wieder die Mehrzahl der Leute aus Stadt und Region Baden zu mutigen, innovativen Vorhaben und Festen bekannt. Heute ist zu wünschen, dass sich mit dieser Haltung neue Erfolge einstellen, wie sie Kantonsschule, Kantonsspital, Quartierentwicklung, das Grand Casino, die Pflegezentren, der Ausbau der Volksschulen, die Kultur-Festivals und Museen, die beiden Limmat-Brückenschläge oder die Berufsschulen bedeuten. Chancen wie Bäder, Infrastruktur, regionales Zusammenwirken oder Galgenbuck Dättwil sind vorhanden.» – Josef Bürge, Alt Stadtammann

Geist – klammert man ihn als simple kognitive Fähigkeit mal aus – ist weitgehend ein Begriff der Theologie, Psychologie oder Philosophie. Eine Analyse des Badener Geistes bedingt am ehesten eine philosophische Auseinandersetzung, genauer: eine metaphysische. Es ist keine Glaubensfrage und es geht nicht um Transzendenz. Es geht ganz simpel um eine mögliche reale Existenz. Ist der Badener Geist, oder ist er nicht? Oder ist er etwa eine «sie»?

«Nennen Sie’s Stimmung oder Schwingung oder Energie,
ich hab da’ne andere Theorie:
der Badener Geist ist real und kann sich jederzeit zu uns gesellen,
sie entsteigt dem heissen Dunst unsrer Quellen.
Sie ist viel mächtiger als wir, und hunderte Jahre alt,
so stark wie ein prächtiger Stier, und von wunderbarer Gestalt.
Und sie wird diejenigen erkennen, und denen erscheinen,
die Baden nicht trennen, sondern Baden vereinen. – Simon Libsig.

Der Badener Geist ist eine Schöpfung der neusten Zeit. Auch wenn sich dessen Ursprung allenfalls auf Siegawyn und Ethelfrieda – nicht verwandt mit der «Elfriede» von heute – zurückführen liesse, die gemäss einer Sage die Heilquellen im Bäderquartier entdeckt haben sollen, kann hier die antike Philosophie bei der Recherche übersprungen werden. Der Geist ist weder gespenstisch noch kosmisch. Doch wenn es darum geht, diesen Geist als etwas Seiendes oder nicht Seiendes zu beurteilen, so kann diese (ontologische) Frage soweit beantwortet werden, dass es sich hier nicht um Materie handelt.

«Die Würfel sind gefallen, wohl oder übel müssen der ‹Badener Geist› und viele andere damit leben und weitermachen. Der missbrauchte «Badener Geist» wird versuchen, die Stimmung nicht nur für den Einzelnen, sondern für die Stadt Baden und die Region wieder anzuheben. Dies ist dringend notwendig, ich bin sicher dies wird ihm auch gelingen. Während des Schreibens ist mir der Geist begegnet mit der Botschaft: Es ist wie bei einer trüben Quelle, man muss nichts unternehmen, sie reinigt sich mit der Zeit von selbst». – Mario Delvecchio, Zunftmeyster der Cordulazunft

Etwas näher ist der Sache die Philosophie der Aufklärung gekommen. Da wird der Geist doch als Form der unmittelbaren Wahrnehmung bezeichnet. Wird dieser Geist in der Natur angesiedelt, müsste es ihn also geben. Doch je mehr die Philosophie dem Geist näher rückte, desto mehr reduzierte ihn der Mensch wieder auf das Gehirn. Mitte des vergangenen Jahrhunderts wurde der Geist verstärkt mit Verhalten zusammengebracht. Dies, nachdem Behavioristen bestritten hatten, dass Geist als etwas Inneres zu verstehen sei.

«Lust statt Frust; Geist statt dreist; originell statt traditionell; Reiz statt Geiz, aber Herz und Scherz! Es lebe der Badener – Geist und dies schon lange. Zur Blütezeit der Bäder versprach eine Fahrt nach Baden mehr als körperliche Wohltat, sie versprach allerlei Lustbarkeiten für Herz und Geist. Im letzten Jahrhundert wurde der Badener Geist gepaart mit Festfreude, Humor, Originalität und Grosszügigkeit. Baden, die lebensfrohe Stadt! Aus meiner Sicht ist für den Badener Geist nach wie vor Originalität, Witz und Grosszügigkeit ausschlaggebend. Und . . . alles ist möglich, wenn wir’s auch anpacken!» - Stephan Attiger, Regierungsrat, Alt Stadtammann

Vielleicht hilft eine philosophisch-historische Annäherung an den Badener Geist weiter. Da gibt es ein prägendes Ereignis im Jahre 1964. Nachdem das Aargauer Stimmvolk zweimal Nein zu einem Beitrag an die Landesausstellung in Lausanne (Expo 64) gestimmt hatte, beschloss die Gemeindeversammlung der Stadt auf Antrag der vier bekannten Badener Hans-Ulrich Attiger, Max Käufeler, Fredi Wildi und Edi Zander einen Beitrag von 40 000 Franken. Damit wollte man gegen den «peinlichen» und «blamablen» Volksentscheid ein Zeichen setzen (Badener Neujahrsblätter 2002).

«Der ‹Badener Geist› ist für mich eine krude Mischung aus der alten Lebenslust der Bäder, gewürzt mit einem guten Schuss katholischen Barocks, überlagert von der Internationalität der Industrie, und er manifestiert sich konzentriert an der Badenfahrt. Und er ist damit auch eine Abgrenzungsstrategie gegen das zwinglianische Zürich und das protestantisch-freisinnige Aarau.» – Bruno Meier, Historiker

Die Delegation «Baden pro Expo» mit dem Brödlirat präsentiert sich vor der Spanischbrötlibahn auf dem Gelände der Expo 64 in Lausanne. (Aus den Badener Neujahrsblättern 2002)

Die Delegation «Baden pro Expo» mit dem Brödlirat präsentiert sich vor der Spanischbrötlibahn auf dem Gelände der Expo 64 in Lausanne. (Aus den Badener Neujahrsblättern 2002)

Die Expo 64 führte erstmals zu einer offiziellen Erwähnung des Badener Geistes. Dass er zuvor schon als existent hätte empfunden werden müssen, wäre naheliegend: Bäder, Tagsatzungsort, Friedenskongress, die erste Eisenbahn in der Schweiz, in der neueren Zeit die Industrialisierung und die Gründung der BBC mit Tausenden von Mitarbeitenden Dutzender Nationalitäten, die Baden zu einer internationalen und bekannten Stadt machten, haben bei der Bevölkerung ihre deutlichen Spuren hinterlassen.

«Gibt es ihn noch? Was macht ihn aus? Sind es die Erinnerungen an grossartige Feste, Badenfahrten und Fasnachtsanlässe? Sind es Personen, Frauen oder Männer, die durch ihre Eigenart und oft auch Eigenartigkeit das Besondere der kleinen Stadt (nicht Kleinstadt!) geprägt haben? Wenn es so wäre, dann wäre dieser Badener Geist verflogen, hätte sich aufgelöst. Aber er ist noch da. Wer einmal in Baden lebt, wird diesen Ort nicht mehr vergessen. Dafür ist die Stadt klein genug, um immer wieder Grossartiges zu leisten. So bin ich von Baden entfernt (nicht sehr weit), doch immer noch mitten drin.» – Franz Streif, (em. Brödlirat) Oberrohrdorf

Es waren – wie die Expo 64 zeigte – Personen, die gemeinsam, gut organisiert diesen Badener Geist hegten, pflegten und entwickelten und ihn vor Ungemach hüteten Allen voran waren das engagierte Brödliräte der Badener Spanischbrödlizunft, die als Quellbrunnen schräger Einfälle voll feinen Humors wirkte, die nebst der Fasnacht mit mehreren Anlässen die Stadt Baden belebte und dies immer noch tut. Aus dieser Gruppierung heraus rekrutierten sich die Badenfahrtkomitees. Und in deren Dunstkreis verbreitete sie eine gewinnende Geisteshaltung, die auch viele Kulturschaffende wie den langjährigen, leider bereits verstorbenen Festgestalter Marco Squarise erfasste.
Der Badener Geist lebte. Aus dem Nachlass des Badeners Herbert E. Duttwyler, Mitglieder der Spanischbrödlizunft, wurde 1969 der legendäre Dutti-Orden eingeführt, für Personen, die «am besten für die Erheiterung der Bürgerschaft gesorgt» haben. Duttwyler, ein ausgesprochen humorvoller Mensch, sorgte sich wohl schon damals um die Zukunft des Badener Geistes.

«Der Badener Geist ist seit seiner Entdeckung durch die Spanischbrödlizunft im Jahr 1964 alles, was die Badener als Ganzes stolz macht und bei den Nicht-Badenern heimliche oder unheimliche Bewunderung auslöst. Er verflüchtigt sich, wenn statt Lösungen Probleme wiedergekaut werden, oder man versucht, ihn politisch zu instrumentalisieren. Er wird beseelt von Leuten, die sich für Badens Wohlergehen und Lebensfreude einsetzen und meidet das Umfeld derer, die ebendem mit ihrer Persönlichkeit oder ihrem Tun entgegenstehen. Der Badener Geist ist ein Macher. Und er ist eine etwas sensible Frohnatur von unschätzbarem Wert.» – Bernhard Schmid, Brödlimeister

Der Badener Geist überstand erste Generationenwechsel. Leider konnte aber bei schwindendem Nachlassvermögen der Dutti-Orden ab 1994 nur noch alle zwei Jahre verliehen werden. Und ab 2010 gar nicht mehr. Die Stadt selber hatte es verpasst, diese Institution zu sichern. Folglich tauchte schon bald die Frage auf, ob es diesen Badener Geist noch gäbe. Oft wurde er ja nur gemimt, kopiert, verhunzt, beleidigt, verhöhnt. Es kam nicht von ungefähr, dass die Zweifel an dessen Existenz stiegen. Am Stadtfest 2012 tauchte er aber für kurze Zeit auf, und verschwand wieder. Wohin, weiss wohl niemand.

«Der Badener Geist ist diese Fröhlichkeit, die versucht, Traurigkeit zu verbannen und das Vergnügen zu suchen und zu geniessen. Wichtig dabei ist, jeden an dieser Fröhlichkeit teilhaben zu lassen, ob Mann oder Frau, alt oder jung, arm oder reich, Kleriker oder Politiker und ohne konfessionelle Grenzen. Sich jeden Tag zum Fest aufzumachen, verlangt nicht nach Reichtum, sondern danach, sich dessen zu erfreuen, was man hat, ohne vor der Zukunft zu zittern. Der wichtigste Wahlspruch des Badener Geistes heisst: ‹Der lebte, der seines Lebens genoss!› Er wurde im Mittelalter geboren, mit dem Siegel: ‹Aussen Wasser, innen Wein, lasst uns alle fröhlich sein›.» – Silvia Hochstrasser, Stadtführerin

Deshalb müsste sich Baden einen Geist wünschen, der nicht nur alle fünf Jahre präsent ist. Wenn auch die zentralen Eigenschaften des Badener Geistes Feinhumorigkeit, geistreicher Witz und Schalk, Kreativität und Schaffenskraft sind, so symbolisiert er auch Weltoffenheit, gemeinsame Lösungsfindung, um etwas zu bewirken, aufzubauen, abseits vom Bünzli- und Spiessertum. Badener Geist bedeutet auch freidenkerisch, liberal und unabhängig, und immer respektvoll. Aber der Badener Geist lässt sich weder erzwingen noch instrumentalisieren oder inszenieren. Wenn es ihm passt, so wird er von dort, wo er sich zurzeit befindet, wieder aufsteigen oder hernieder kommen – allerspätestens auf die Badenfahrt 2017.