Baden
Aufs Blitzen folgte für einen jüngeren und einen älteren Raser der Gerichtsdonner

Zwei rasende Automobilisten haben am Bezirksgericht Baden Freiheitsstrafen kassiert. Der eine war ausser-, der andere innerorts zu schnell unterwegs gewesen.

Rosmarie Mehlin
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Kapo AG

Ein Nachmittag am Bezirksgericht Baden: Auf der Traktandenliste stehen nacheinander zwei Fälle qualifizierter Verletzungen der Verkehrsregeln. Beide Beschuldigten sind weder einschlägig noch sonst auf eine Weise vorbestraft. Dennoch kassieren sie drakonische Strafen.

Das Gesetz schreibt vor: Wer ausserorts die signalisierte Höchstgeschwindigkeit um mehr als 60 km/h respektive innerorts um mehr als 50 km/h überschreitet, muss mit einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr und bis zu vier Jahren bestraft werden.

In einer schwachen Minute

Der Schweizer Paul (Namen geändert) ist 58, ein Mann mit Brille, grauem Bart und grauem Haarkranz. Er lebt in geordneten Verhältnissen, hat keine Schulden und einen guten Leumund. Frank und frei gibt er zu, was ihm zur Last gelegt wird: «In einer schwachen Minute ist es halt passiert.»

Geschehen war es auf der Furttalstrasse in Richtung Otelfingen, an einem Dienstag im Juni letzten Jahres um 6.20 Uhr in der Früh. Paul war unterwegs zur Arbeit, so wie seit 35 Jahren jeden Morgen.

«Nein, ich musste nicht pressieren. Aber weil einer vor mir so langsam fuhr, habe ich in der lang gezogenen, leichten Rechtskurve überholt.» Es sei trocken, schon hell und die Sicht ausgezeichnet gewesen.

Auch sei die Fahrbahn an der Stelle zweispurig und mit einer Sicherheitslinie von der Gegenrichtung getrennt. «Als ich ganz normal wieder auf die rechte Spur einbog, hat es geblitzt.»

Therapiesitzungen und Gutachten

Just in diesem Moment hatte Paul 159 Stundenkilometer auf dem Tacho und damit, nach Abzug der Toleranz von sieben km/h, die signalisierte Höchstgeschwindigkeit um 72 km/h überschritten.

Das Auto wurde beschlagnahmt. Auch das Billett ist weg – «für mindestens zwei Jahre». Das ist für Paul besonders bitter, ist er doch beruflich aufs Auto angewiesen. «Jetzt muss mich halt immer ein Kollege fahren.»

Die Staatsanwältin forderte für Paul 18 Monate bedingt und eine Busse von 4000 Franken. Der Verteidiger plädierte für 12 Monate und 2000 Franken Busse. Es kämen ja ausserdem noch hohe Kosten für ein Dutzend vom Strassenverkehrsamt verordnete Therapiesitzungen sowie für verkehrspsychologische Gutachten auf Paul zu.

Das Verdikt des Gerichts unter Vorsitz von Gabriela Fehr: Ein Jahr Freiheitsstrafe, bedingt auf zwei Jahre, und 3000 Franken Busse.

Nach nur 12 Tagen das Billett weg

Der Grieche Yannis ist 19-jährig, trägt Gel im Haar und einen Zehntagebart. Diesen Monat beendet er mit der Abschlussprüfung die dreijährige Lehre in einem handwerklichen Beruf.

Nervös und zerknirscht sitzt er vor den Richterinnen und Richtern. Er hatte das Billett gerade seit 12 Tagen in der Tasche, als er es im vergangenen September auch schon wieder loswurde. Für mindestens zwei Jahre; danach muss er noch einmal von vorne beginnen.

Es war ein verregneter Sonntagnachmittag. Mit Vaters Auto und einem guten Kollegen auf dem Beifahrersitz war Yannis unterwegs von Spreitenbach in Richtung Neuenhof, als es ausgangs Killwangen blitzte.

«Ich dachte, ich hätte in dem Moment etwa 80 km/h drauf gehabt.» Weit gefehlt. Yannis war innerorts mit 113 km/h unterwegs und damit, nach Abzug der Toleranz von sechs km/h, mehr als doppelt so schnell als erlaubt.

«Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass ich so schnell gefahren bin.» Gerichtspräsidentin Fehr versicherte indes, das Blitzgerät sei überprüft worden und habe keinerlei Mängel aufgewiesen.

Schockierende Gedankenlosigkeit

24 Monate und 3000 Franken Busse, so der Strafantrag. Innerorts müsse immer mit Einmündungen, Fussgängern und Velofahrern gerechnet werden. Überdies seien die Strassen- und Sichtverhältnisse schlecht gewesen.

«Schon bei trockener Witterung hätte der Bremsweg bei diesem Tempo 80 Meter betragen.» Dem Verteidiger erschien eine bedingte Freiheitsstrafe von einem Jahr angemessen. Angesichts des Lehrlingslohns von 1000 Franken forderte er zudem den Verzicht auf eine Busse.

Auch hier urteilte das Gericht eindeutig: 18 Monate, bedingt auf zwei Jahre und 1000 Franken Busse. «Es gibt zwar keinen Nachweis für eine konkrete Gefährdung, doch es ist schockierend, wie gedankenlos Yannis aufs Gas gedrückt hat», so Gabriela Fehr abschliessend.

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