Baden

Aus dem Winterdorf wird nachts ein Güseldorf

Wegen der warmen Temperaturen liegt mehr Abfall auf dem unteren Bahnhofplatz in Baden. Doch nicht nur bei der Feuerstelle neben der Fonduehütte türmt sich der Abfall.

Die Greifzange klaubt nach einer Bierflasche am Boden. Noch praktisch voll, steht sie hinter dem Brennerschopf auf dem unteren Bahnhofplatz, dort wo derzeit das Winterdorf für Weihnachtszauber sorgen soll.

Es ist früher Dienstagmorgen als Werkhofmitarbeiter René Ryser Säcke voll leerer Bierdosen, Verpackungsreste und Plastiksäcke mit Essensresten zusammenräumt. Was geht, macht er mit seiner langen Greifzange, den Rest von Hand. Er hat ungewöhnlich viel zu tun für diese Jahreszeit. Besonders betroffen ist der gesamte untere Bahnhofplatz.

«Es liegt mehr Abfall herum als in anderen Jahren», sagt Ryser. Der Grund sei das warme Wetter. Bei den aktuellen Temperaturen essen viele Leute ihr Mittagessen immer noch draussen. Statt den Abfall nach dem Essen in die unzähligen Kübel zu schmeisse, landen die Reste auf dem Boden oder auf den Bänken.

«Auch am Abend ist es noch genug warm, um sich länger draussen aufzuhalten. Und wir merken, dass man inzwischen auch hier Essen und Getränke praktisch rund um die Uhr kaufen kann», sagt Werkhofleiter Thomas Stirnemann.

Rund ums Winterdorf: Warme Temperaturen bescheren Baden Abfall-Berge.

Rund ums Winterdorf: Warme Temperaturen bescheren Baden Abfall-Berge.

Verzweiflung macht sich breit

Die zusätzlichen Mülleimer nützen nichts. «Da lassen wir das Argument, die Kübel seien voll, nicht gelten», sagt Stirnemann. «Wir leeren sie jeden Tag. Wenn meine Mitarbeiter merken, dass es mehr Abfall gibt, dann machen wir eine zweite Tour.» Bei den Abfallmännern ist allmählich Verzweiflung bemerkbar.

«Wir haben in den vergangenen Jahren in der Stadt kontinuierlich weitere Abfallbehälter aufgestellt.» Von Zeit zu Zeit veranstalte man Informationskampagnen. Dann laufen beispielsweise Litteringbotschafter durch die Stadt und sprechen mit den Leuten, um sie für das Problem zu sensibilisieren. Genützt habe es nur beschränkt.

Trauriger Beweis dafür ist der steile Hang beim Lift zur Limmatpromenade. Hier entblössen das dürre Laub und die kahlen Äste den ganzen Abfall, den die Leute über die Brüstung geschmissen haben. Bierdosen, Petflaschen, Sandwichtüten.

Den Hang räumen die Mitarbeiter vom Werkhof zwei- bis dreimal im Jahr auf. «Es ist ein gesellschaftliches Problem, das längst toleriert wird», sagt Stirnemann. Was im eigenen Garten ein absolutes No-go sei, würden die Leute in der Öffentlichkeit akzeptieren.

Sauerei auf dem Handy

René Ryser lässt sich vom vielen Abfall, der an jenem Morgen auf dem Bahnhofplatz liegt, nicht aus der Ruhe bringen. Emsig greift seine Zange nach den Dosen. Er hat die ein oder andere Sauerei mit seinem Handy festgehalten.

Ganze Papiertragtaschen randvoll mit Bierdosen stehen da, zerknüllte Zigarettenschachteln, Pappbecher liegen mitten in der ausgebrannten Feuerstelle. Auf der roten Holzbank liegt noch ein Pappkarton, mit ganzen Brotscheiben.

Güsel angezündet

Doch damit nicht genug: Vergangene Woche wollte jemand offenbar mitten in der Nacht die Abfälle in der öffentlichen Feuerstelle bei der Fondue-Hütte verbrennen. Es ist noch dunkel, als Ryser am Morgen mit seinem Abfallwagen vorfährt und den beissenden Geruch bemerkt.

«Ich dachte zuerst, da sei was schief gegangen beim Kerzenziehen», erzählt er. Doch dann habe er die Feuerstelle gesehen. «Einige Müllsäcke standen noch daneben. Die habe ich dann gleich weggeräumt.» Zu sehen sei niemand mehr gewesen.

Es sind alle und niemand

Ein Mitarbeiter, der im Brennerschopf Wurst und Raclette verkauft, bestätigt den Vorfall. Er vermutet, es liege am rationierten Holz: «Wir lagern das Holz dieses Jahr in einer geschlossenen Hütte und legen nur immer eine Tagesration bereit.»

Als diese aufgebraucht war, sei in der Nacht wohl jemand auf die Idee gekommen, den Abfall zu verbrennen. «Es ist zwar ruhiger an der Feuerstelle als letztes Jahr. Aber der ganze Müll ist wirklich grenzwertig», sagt er.

Werkhofleiter Stirnemann will niemanden Verurteilen. «Es ist schwer zusagen, wer dahinter steckt. Zumal das Problem ja auch existiert, wenn kein Winterdorf dasteht.»

Es seien eben alle und niemand. Es fällt aber auf, dass insbesondere bei der Feuerstelle und rund um den Brennerschopf das Winterdorf nachts zum Güseldorf wird. «Sollte es nicht bessern oder sich gar verschlimmern, werden wir mit den Betreibern des Winterzaubers das Gespräch suchen», sagt Stirnemann.

Zwar kann die Polizeipatrouille Bussen verteilen. «Wir müssten die Leute aber auf frischer Tat ertappen», sagt Polizeichef Martin Brönnimann. Das sei sehr schwierig. Die Regionalpolizei hat 2014 deshalb lediglich sechs Bussen für Verunreinigungen verteilt.

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