Draussen ist es grau und auf der Mellingerstrasse reihen sich die Autos langsam hintereinander, bis die Ampel auf Grün wechselt. Im Musik-Restaurant Prima Vista brennen nur ein paar wenige Lichter und die Tische sind noch leer. «Hier hat alles angefangen», sagt Fernando Farias. Sein Blick schweift durch das Lokal.

Vor fünf Jahren entschied sich der gebürtige Brasilianer zusammen mit Moreno Donadio, dem Sohn des Besitzers des «Prima Vistas», sein erstes Album aufzunehmen. Heute ist Farias, laut eigener Aussage, der erste europäische Musiker in der brasilianischen Hip-Hop Szene. «Das war meine Vision, seit ich Musik mache», so Farias. Spricht der 27-Jährige über seine Musik, strahlen seine grossen braunen Augen.

Schwieriger Start in der Schweiz

Bevor Farias mit 14 Jahren in die Schweiz kam, lebte er in Belem, im Norden von Brasilien. Dort wuchs der junge Musiker in einer Holzhütte mit fünf Personen auf. «Wenn es geregnet hat, war die ganze Hütte nass.

Musik machte er in Brasilien noch keine, obwohl er bereits damals ein grosser Hip-Hop-Fan war. Aus diesen armen Verhältnissen verschlug es ihn, als die Mutter einen Schweizer heiratete, erst nach Turgi, dann Baden. «Es war ein Schock für mich», erinnert sich der Musiker. Die Sprache kannte er nicht und die Mentalität war ihm fremd. Und das Essen fand ich total komisch, zudem war es so schrecklich kalt», sagt Farias und fasst er sich an den Reissverschluss seiner dicken Daunen-Weste.

Integrationsschwierigkeiten habe er gehabt. Mit 17 zog er in seine eigene Wohnung. Seine Lehre als Autoverkäufer brach er ab. Im Jugendtreff kam er dann auf die Idee, selber zu rappen. Mit dem Musikmachen konnte er schliesslich Wurzeln in der Schweiz schlagen.

Trotzdem: Als Brasilianer fühle er sich bis heute. «Aber ich bin nicht mehr ganz sicher, wo ich zu Hause bin», sagt Farias und lächelt zaghaft. Seit einigen Jahren wohnt er nun in Zürich. Dass er in der Schweiz lebt, daran möchte er auch nichts ändern. Dabei bleibe das «Prima Vista» sein emotionales Zuhause. Denn Moreno Donadio sei sein erster Freund in der Schweiz gewesen und ist heute sein Produzent. Dabei bildete das gemeinsame Album auch den Karrierestartpunkt: Es meldeten sich die ersten Produzenten aus Brasilien bei Farias.

Seit Oktober steht er nun bei dem brasilianischen Label «Beatloko» unter Vertrag. Dieses wird von DJ Cia geführt, ein Name, den man in der brasilianischen Musikszene gut kennt: So hat er beispielsweise bereits mit dem Komponisten und Jazz-Idol Caetano Veloso zusammengearbeitet.

Lieder mit politischer Botschaft

Trotz des brasilianischen Labels werden Farias Songs aber weiterhin in der Schweiz produziert. Ziel sei es, in Brasilien auf Tour zu gehen. Der junge Hip-Hop-Musiker rückt sein Baseballcap mit der Aufschrift «Beatloko» zurecht. Gangsta-Rap, das sei nicht wirklich sein Ding. Passen würde das auch nicht, wirkt der junge Hip-Hop-Musiker mit den grossen Rehaugen doch viel zu bedacht und ruhig für aggressive und gewaltverherrlichende Reime. «Meine Songs sind eher politisch aufgeladen oder einfach nur Liebeslieder und Partysongs», sagt Farias und schmunzelt, dabei lacht sein ganzes Gesicht mit.

Fernando Farias über Liebe und Emotionen.

Fernando Farias über Liebe und Emotionen.

Rappen, das tue er immer auf portugiesisch – seiner Muttersprache halt. Wobei er alle seine Texte selber schreibt. Was aber unterscheidet seinen Hip-Hop von demjenigen in Brasilien? «Ich bringe eine neue Perspektive mit und baue auch Elemente des westlichen Hip-Hop ein», erklärt Farias. Viele Musiker in Brasilien würden nur über ihr eigenes Land singen, er möchte in seinen Texten Themen globaler angehen.

Für die Musik leben und sterben

Noch kann der frischgebackene Profimusiker aber nicht vollständig von seiner Musik leben. Deshalb arbeitet er nebenbei 50 Prozent als Logistiker. Und ab und zu veranstaltet er auch Konzerte, doch das sei mehr eine Leidenschaft als ein Job. «Er ist ein sehr ehrgeiziger Musiker und will immer neues dazu lernen», sagt Moreno Donadio über seinen langjährigen Freund.

Dass Farias aus ärmlichen Verhältnissen stamme, das sporne ihn an, so Donadio. «Musik hat mir stets geholfen, die schwierigen Zeiten meines Lebens zu überstehen und zu verarbeiten», sagt Farias dazu. So gibt es für ihn nur die Musik. Er sei eben ein echter Herzblutmusiker. Deshalb schläft Farias auch lieber einmal im Studio, als dass ein Lied nicht perfekt wird. Farias: «Für meine Musik lebe und sterbe ich.»