Man merkt, diese Frau macht sich Gedanken, bevor sie handelt. Im lichten Hinterzimmer sitzt Annerös Metzger zusammen am Tisch mit ihrem Chef und einer Mitarbeiterin, die sie als Unterstützung dabei haben wollte. In der Apotheke Bossy, vormals Münzel, konnte sie nach ihrer Lehre als Apothekenhelferin im Bäderquartier vielen Menschen durch ihre kompetente Beratung weiterhelfen.

Seit 40 Jahren arbeiten Sie in derselben Apotheke. Wie kamen Sie zu dieser Stelle?

Annerös Metzger: Ich hatte ein Inserat in der Zeitung aufgegeben, auf das sich Uli Münzel, der damalige Apotheker, bei meinem Vater meldete, ob ich nicht zu ihm kommen wollte. Ich dachte, ich würde drei, vier Jahre bleiben. Daraus wurden vierzig.

Sie hatten wohl verschiedene Zeiten und Chefs erlebt in den Jahren?

Die Apotheker Uli Münzel, Jean und Christina Bossy-Nossack und Pierre-André Jud. Die letzten beiden Jahre mit Herrn Jud zähle ich zu meinen schönsten Berufsjahren. Lernende, Apotheker und Pharma-Assistenten, alle haben immer sehr gut zusammengearbeitet und sich gegenseitig unterstützt.

Warum sind Sie gerade Pharma-Assistentin geworden und geblieben?

Erst wusste ich gar nicht, was ich machen wollte. Aber ich wusste, dass ich Menschen um mich herum brauchte. Nicht nur Männer und nicht nur Frauen, ich brauchte auch Kinder, Gesunde und Kranke, einfach alles. Auch Büroarbeit wollte ich haben. Zudem hat mich Chemie fasziniert, das finde ich auch heute noch unglaublich spannend. Ich empfinde es als ein grosses Geschenk, das wir die Chemie haben, Medikamente, Heilmittel und die ganze Vielfalt durch die Pflanzen. Das fasziniert mich bis heute.

Sie machen seit nun vierzig Jahren ein und dasselbe. Haben Sie einen strikten Tagesablauf?

Ich arbeite nur halbtags. Wenn ich morgens komme, leere ich als Erstes den Briefkasten und dann schaue ich, was der Tag bringt. Der Kunde, der vor mir steht, ist das Wichtigste, ihm gilt meine ganze Aufmerksamkeit. Mein Ziel ist es, jeden Kunden optimal und lösungsorientiert zu beraten. Ab und zu ein paar Telefonate und Rezepte einholen, das ist mein Alltag. In schwierigen Momenten gehe ich zu den Apothekern, aber heute bin ich sehr routiniert und es braucht viel, damit mein Puls höher schlägt und ich in Stress komme. Gefordert bin ich aber immer.

Gibt es lustige oder komische Momente, an die Sie sich speziell erinnern?

Vor vielen Jahren stand eines Morgens ein Kunde im Laden, kurz, nachdem wir aufmachten. Er komme später wieder und bringe mir etwas, sagte er. Und dann, eine Stunde später, kam er dann tatsächlich und zeigte mir seine Tasche. Als ich da hineinblickte, sah ich einen ganzen Fisch, den er mir schenken wollte, als Dank, weil er mit mir zufrieden war. Der Fisch hatte noch Schuppen dran und war noch nicht ausgenommen. Ich war ganz baff und musste dem Herrn gestehen, dass ich keinen Fisch kochen könne. Ich sagte ihm es tue mir leid, aber den Fisch müsse er wieder mitnehmen. Der Herr meinte dann, ihm tue das auch leid, er sei extra runter an die Limmat, um den Fisch für mich zu fangen.

Was können Sie besonders gut in Ihrem Beruf?

In vierzig Jahren baut sich ein grosser Erfahrungsschatz auf. Besonders für schwer kranke Patienten habe ich ein grosses Einfühlungsvermögen entwickelt. Ich kann sehr gut auf sie eingehen, da ich ja selber auch gesundheitlich schwere Zeiten erlebt habe. Das mir Anvertraute bleibt bei mir.

Die Kunden spüren also, dass sie gerne arbeiten?

Ich liebe meine Arbeit, es ist für mich der schönste Beruf, ich hätte nirgends sonst glücklicher sein können. Auch wenn es nicht immer nur schöne Zeiten gab. Es kam durchaus zu Stressmomenten und Missverständnissen. Das gehört zum Leben. Es gab Höhen und Tiefen, aber ich durfte viel Schönes erleben. Jeder Kunde hat mich auf seine Art bereichert. Ich denke immer, dass jeder Mensch seine Fähigkeiten hat und keiner sein muss wie der andere. Es soll jeder sich selbst sein.

Sie leben und arbeiten in Baden. Was gefällt Ihnen hier besonders gut?

Also wenn es in Baden einen See hätte wie in Zürich, dann gäbe es für mich keine schönere Stadt (lacht). Es würde mir sehr schwer fallen, von Baden wegzugehen. Es ist eine geschichtsträchtige Stadt und sie ist weltoffen. Ich bin verbunden mit Baden, durch Menschen, Erfahrungen und Erinnerungen. Die Stadt ist nicht so gross und man kennt sich viel eher. Baden war schon immer ein lebensfroher und festfreudiger Ort.

Man kennt Sie in Baden, Sie sind eine waschechte Badenerin. Wo haben Sie sich sonst noch engagiert?

Ich habe eine Zeit lang für die katholische Kirche Neuzuzüger besucht. Wir waren eine kleine Gruppe, die Neuzuzüger begrüsste und willkommen hiess. Da habe ich natürlich einiges erlebt. Nach meinem Schleudertrauma 1990, das chronifiziert ist, musste ich nach und nach vieles aufgeben. Zuerst ging ich am Wochenende nicht mehr in den Ausgang, und später auch nicht mehr am Abend. Es ging einfach nicht mehr.

Jetzt werden Sie pensioniert. Haben Sie Pläne?

Mich zuerst mal zurückziehen und erholen. Es kommt natürlich auch darauf an, wie die Unfallfolgen sich entwickeln. Ich geniesse jetzt einmal eine Auszeit. Ich denke, der Herrgott steht über uns allen und hat gewisse Pläne. Auf diesen Plan versuche ich schon immer zu hören. Ich möchte einfach offen sein für alles, was auch immer das sein mag.

Wird Ihnen nicht etwas fehlen, wenn Sie nicht mehr zur Arbeit gehen müssen?

Ich gehe momentan Arbeiten und in die Kirche. Mehr geht nicht. Schon immer höre ich auf mein Inneres. Ich glaube, dass man sich immer für einen Weg entschliesst, und in dem Moment einen neuen angeht. Für mich ist es der richtige Weg, einfach mal ein paar Sabbat-Monate einzulegen.