Bezirk Baden
Ausfälle wegen Burnout: Sozialarbeiter sind selber am Anschlag

Im Schnitt bearbeitet ein Sozialarbeiter im Gemeindeverband des Bezirks Baden pro Jahr 165 Sozialfälle, normal wären 80 bis 100. Bereits fielen Mitarbeiter wegen Burnouts aus. Der Sozialdienst-Verband muss Stellen aufstocken und hofft auf Gemeinden.

Sabina Galbiati
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150 Stellenprozent zusätzlich sollen helfen, damit nicht noch mehr Sozialarbeiter im Gemeindeverband ins Burnout schlittern (Symbolbild). Thinkstock

150 Stellenprozent zusätzlich sollen helfen, damit nicht noch mehr Sozialarbeiter im Gemeindeverband ins Burnout schlittern (Symbolbild). Thinkstock

Getty Images/iStockphoto

Sie beraten Menschen in Notsituationen, helfen Jugendlichen, Familien und Senioren durch Lebenskrisen, haben immer und für jeden ein offenes Ohr: die Sozialarbeiter des Gemeindeverbandes Jugend-, Familien-, und Seniorenberatung des Bezirks Baden (JFB).

Doch nun sind ausgerechnet sie selbst in eine Notsituation geraten. Die Fallzahlen in den 13 Mitgliedgemeinden sind so stark gestiegen, dass die Sozialarbeiter massiv Überstunden leisten müssen.

So zählt die Zweigstelle Mellingen auf eine Vollzeitstelle 156 Sozialfälle im vergangenen Jahr. In der Zweigstelle Baden sind es gar 174 Fälle. Normal wären 80 bis 100.

Statistik Sozialdienst-Verband Baden

Statistik Sozialdienst-Verband Baden

AZ

«So kann es nicht weitergehen»

Das hat spürbare Folgen. Im laufenden Jahr fielen bereits zwei Personen wegen Burnouts aus. Insgesamt arbeiten zehn Sozialarbeiter in den beiden Zweigstellen, die Stellenleiter eingerechnet.

«Der Vorstand steht in engem Kontakt mit den Stellenleitern; im vergangenen Jahr ist klar geworden, dass es so nicht weiter gehen kann und darf», sagt Verbandspräsident Roland Mürset.

Badener Stellenleiter Stefan Wetzel arbeitet seit zehn Jahren für die Sozialhilfe in der Zweigstelle Baden. «Wenn jemand ausfällt, verschärft sich die Arbeitssituation für alle anderen, denn sie müssen kurzfristig diese Sozialfälle übernehmen», sagt er.

«Man weiss nie, ob und wann die betroffene Person wieder arbeiten kann, daher vergehen nur schon Wochen, bis man definitiv einen Ersatzmitarbeiter suchen kann», erklärt er. Dazu komme, dass es schwierig sei, ausgebildete Sozialarbeiter zu finden, die bereits Erfahrung mit materieller Hilfe haben und kurzfristige Einsätze leisten.

Nun will der Vorstand des Verbandes das Stellenpensum in den beiden Zweigstellen um insgesamt 150 Prozent aufstocken. Ein unpopulärer Antrag sei es, den man den Gemeindedelegierten vorlegen müsse: Da sind sich Mürset und Wetzel einig. Behördenstellen aufzustocken sei bei den Steuerzahlern unbeliebt, sagt Mürset.

Deshalb habe man zusätzlich die Fallzahlen anderer Sozialhilfezweigstellen im Kanton verglichen. «Wir haben festgestellt, dass sie ihre Fallzahlen auf wesentlich mehr Sozialarbeiter verteilen», sagt er.

Jobs wegrationalisiert

Trotzdem hätte man mit dem Antrag noch zuwarten wollen. «Wir hofften zuerst, dass die Fallzahlen wieder abnehmen würden, doch das hat sich nicht bestätigt», sagt Mürset. Im Gegenteil, es werden immer mehr Fälle. Nebst dem Bevölkerungswachstum komme hinzu, dass viele Personen über 50, die ihren Job verloren haben, keine neue Arbeit finden, sagt Wetzel.

Ein weiterer Grund: «Für unausgebildete Menschen fallen einfache und repetitive Arbeiten vermehrt weg», erklärt Wetzel. Solche Jobs würden automatisiert und die Leute wegrationalisiert, sagt er. Und letztlich fallen infolge der 6. IV-Revision und der Sanierungsbemühungen der Arbeitslosenkasse mehr Sozialfälle auf die Gemeinden zurück.

Minimum muss reichen

Lange hoffte der Verband, man könne den Austritt von Ehrendingen Ende 2016 abwarten, weil sich dann die Situation entspannen wird. Die Gemeinde gehört mit rund 4700 Einwohnern nebst Mellingen zu den Grössten im Verband.

Mit 125 behandelten Fällen gehört sie deshalb auch zu einer der arbeitsintensivsten. «Wir haben uns deshalb entschlossen, 80 Prozent befristet und 70 unbefristet auszuschreiben», sagt Mürset.

Ob die 150 Prozent Aufstockung reichen werden angesichts der Fallzahlen? «Wir beantragen das absolute Minimum. Denn wir wollen die finanzielle Schmerzgrenze der Gemeinden nicht überreizen», erklärt Mürset. Nun hoffe man, die Gemeindedelegierten werden am 25. Juni an der Abgeordnetenversammlung dem Antrag zustimmen.