Fislisbach

Ausstellung im Alterszentrum: Hier wird von der Leichtigkeit des Augenblicks erzählt

Sie lebt ein abwechslungsreiches Leben: Karin Rüegg aus Oberrohrdorf.

Sie lebt ein abwechslungsreiches Leben: Karin Rüegg aus Oberrohrdorf.

Eine Ausstellung mit Werken von Karin Rüegg und Doris Walser im Alterszentrum Fislisbach erzählt von hellen und dunklen Momenten.

Wer bei Karin Rüegg an der Haustüre klingelt, begegnet bereits draussen beim Eingang einem Bild, Acryl auf Leinwand, einem Schwarm von Möwen auf blauem Grund. Die Vögel fliegen auf und davon – mit der Leichtigkeit des Augenblicks. Wer die Künstlerin und ihre Bilder kennt, weiss, dass sie nur sehr selten konkrete Bilder malt. Das Motiv der Vögel aber drängt sich ihr immer wieder auf. Und: Karin Rüegg hat weit mehr zu sagen als das, was in ihren Bildern steckt.

Nach ihrem Leben befragt spricht Rüegg manchmal in Metaphern: Sie sei «unter Brombeerhecken geboren». Damit deutet sie an, dass es in ihrer Biografie Erfahrungen gab, die es zu überwachsen galt. Heute wage sie immer wieder den Sprung über alle Hindernisse hinaus und greife gelegentlich nach den Sternen.

Sie malt, schreibt Gedichte und sie liebt seit 40 Jahren ein und dieselbe Frau. Karin Rüegg ist 82 Jahre alt. Eva, ihre Lebenspartnerin, ist 79. Den Geschichten von elf frauenliebenden Frauen – darunter von den beiden – hat die Historikerin Corinne Rufli ein Buch gewidmet: «Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert», so der Titel des Buches, erschien 2015 im Badener Verlag Hier und Jetzt. Mit ebendiesem Buch gehen die Frauen mit der Autorin seit vier Jahren auf Tour.

Im ganzen deutschsprachigen Raum sind sie unterwegs – von Zürich über Wien, München, Berlin bis Hamburg. Sie werden eingeladen zu Podiumsgesprächen und reden in Frauenzentren – an kirchlichen und anderen Bildungsinstitutionen. Dabei war ein Buch gar nie geplant, eben so wenig wie diese Lesetouren.

«Hätten wir gewusst, dass aus einer Lizenziatsarbeit ein Buch werden würde, hätten wir einem Interview vermutlich zögerlicher zugestimmt», sagt Rüegg. Verantwortlich für das Buchprojekt war schliesslich Corinne Ruflis Professorin an der Universität Zürich. Sie hat mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass diese elf Frauengeschichten als Buch an die Öffentlichkeit gehören.

Neues Selbstwertgefühl und Lebensfreude

Das Thema interessiert, weil die gleichgeschlechtliche Liebe von der Gesellschaft jahrzehntelang totgeschwiegen wurde. Es gab und gibt so etwas wie einen gesellschaftlichen Vertrag, sagt Karin Rüegg, einen Kodex, der besagt: «Solange ihr über das Thema Frauenliebe schweigt, solange tolerieren wir euch.» – «Wenn wir jedoch schweigen und uns womöglich schämen für das, was wir sind, solange leiden wir und damit ist niemandem gedient.»

Erst seit die beiden Frauen auf Lesetouren gehen und in der Öffentlichkeit zu sich stehen, treten sie selbstbewusst als die Menschen auf, die sie sind. Das gibt ihnen Selbstwertgefühl, Lebensfreude und Leichtigkeit. Sie sind glücklich, in ihrem Alter eine so sinngebende, relevante Aufgabe zugespielt zu bekommen. Vor rund 30 Jahren begann Karin Rüegg zu malen. Hier schöpfte sie Kraft und immer wieder neue Kreativität.

Am Anfang besuchte sie Kurse, zuerst Aquarell und später Acryl-Mischtechnik, bei Doris Walser, der bekannten und am Rohrdorferberg etablierten Künstlerin. «Doris bot mir den Raum, meine eigene Malerei zu entdecken», sagt Rüegg, «sie war mir eine malerische Begleitung hin zu mir selber.» Bald machte sich Karin Rüegg selber einen Namen als Künstlerin.

Jetzt gestalten die beiden ihre erste gemeinsame Ausstellung. Doris Walser stellt ihre Bronzeskulpturen aus, die zu den farbintensiven Werken von Karin Rüegg einen spannenden Kontrapunkt setzen. Leicht und frei wirken die Werke der einen  – ruhend und geerdet die Figuren der anderen. 

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