Ehrendingen/Turgi

Austauschschüler in Baden: «Lerne hier mehr als zu Hause»

Benjamin Gonzalez aus Venezuela (l.) und Jack Warder aus den USA besuchen seit einem halben Jahr die Kanti in Wettingen respektive Baden. Sandra Ardizzone

Benjamin Gonzalez aus Venezuela (l.) und Jack Warder aus den USA besuchen seit einem halben Jahr die Kanti in Wettingen respektive Baden. Sandra Ardizzone

Zwei Austauschschüler erzählen, wie sie die Stadt Baden erleben und was sie sich anders vorgestellt haben.

Viele Jugendliche wollen die Welt sehen, eine Reise machen, woanders leben. Eine gute Möglichkeit ist ein Schüleraustausch. Schweizer Teenager wollen vor allem in die Vereinigten Staaten, einige nach Südamerika. Es gibt auch Jugendliche, die den umgekehrten Weg gehen: Benjamin Gonzalez (18) aus Venezuela und Jack Warder (17) aus den USA sind zwei Jugendliche, die dies getan haben. Seit nun neun Monaten nennen sie die Region Baden ihr Zuhaus. Benjamin wohnt bei einer Familie in Ehrendingen, Jack bei einer Familie in Turgi. Warum sie in der Schweiz ihr Austauschjahr verbringen, wie es ihnen gefällt und was sie von Baden halten? Das haben wir sie gefragt.

Ist die Schweiz eure erste Wahl?

Benjamin: Nicht ganz. Wir konnten eine Liste mit drei Ländern erstellen, in die wir gehen wollen. Meine erste Wahl war Deutschland, dann die Schweiz. In Deutschland hatte es aber keinen Platz frei, darum kam ich in die Schweiz. Jack: Meine erste Wahl war die Schweiz, dann Frankreich und Deutschland. Ich bin froh, dass ich in der Schweiz bin, denn ich habe gehört in Frankreich sei alles eher ländlich, und das wollte ich nicht.

Weshalb seid ihr in der Schweiz?

Benjamin: Ich kam in die Schweiz, weil ich Deutsch lernen wollte. Ich möchte später in Deutschland studieren. Jack: Ich wollte hier eigentlich Französisch lernen, aber es hatte keine Gastfamilie in der Westschweiz. Nun lerne ich halt Deutsch. Im Nachhinein finde ich es besser, es gefällt mir sehr. Es ist eine grössere Herausforderung.

Versteht ihr denn nun Schweizerdeutsch?

Benjamin: Ich dachte vor meinem Austausch, dass es nur ein kleinere Unterschiede zum Hochdeutsch gibt. Mittlerweile weiss ich, dass das falsch war (lacht). Aber ich verstehe nun auch vieles, aber sprechen kann ich es nicht. Jack: Ich verstehe es nicht wirklich. Aber meine Freunde sind nett und sprechen extra Hochdeutsch für mich.

Wo liegen die Unterschiede im Vergleich mit eurer Heimat?

Benjamin: Ich komme aus einem Städtchen mit 15 000 Einwohnern. Es ist schon einiges grösser als Ehrendingen. Der grösste Unterschied ist, dass man in Ehrendingen die jungen Leute selten auf der Strasse sieht.

Für dich ist Ehrendingen also eher langweilig?

Benjamin: Ja, aber darum bin ich froh, dass Baden so nah ist. Hier sieht man viele junge Leute auf der Strasse oder in Bars. Es sind immer noch weniger als zu Hause in Venezuela, aber es ist vergleichbar.

Und bei dir Jack?

Jack: In Texas wohne ich in einem Vorort von San Antonio. Dort leben etwa 10 000 Menschen – ich dachte, das sei sehr klein. Seit ich Turgi kenne, weiss ich, dass es nicht so ist.

Ihr geht an die Kantonsschule. Habt ihr normal Schule oder müsst ihr gewisse Fächer nicht besuchen?

Benjamin: Ich muss nur Französisch nicht besuchen. Sie haben zwar gesagt, dass ich könnte, aber ich sei ja hier um Deutsch zu lernen. Jack: Bei mir ist es gleich. Aber einige meiner Freunde lernen Spanisch, und ich wollte das auch. Ich hätte das Fach auch in der High School. Also hab ich den Lehrer gefragt, ob ich mitmachen darf. Ich besuche nun einmal wöchentlich den Unterricht und ich muss sagen: Ich lerne hier mehr als zu Hause (lacht).

Ist die Schule anstrengender als zu Hause?

Benjamin: Ja, definitiv. Das Niveau ist einiges höher. Hinzu kommt, dass ich noch die Sprache nebenher lernen muss. Aber ich lerne hier in der ersten Kanti Dinge, die ich Venezuela erst im Abschlussjahr hätte. Jack:Es ist schon schwieriger hier in der Schweiz. Ich habe zwar einiges auch schon mal zu Hause durchgenommen, aber nicht so gründlich, wie das hier der Fall ist.

Was gefällt euch am besten hier?

Benjamin: Die Menschen. Man sagt immer, die Schweizer seien nicht so offen, das stimmt auch manchmal. Aber wenn du sie kennst, sind sie superherzlich und nett. Und wenn jemand sagt, er ist dein Freund, dann ist er das auch und hilft dir, wo er kann. Jack: Die Züge. Die sind wirklich toll! Du bist so schnell an einem anderen Ort. In Amerika muss ich immer meine Mutter fragen, ob sie mich fährt, sonst wird es schwierig, irgendwohin zu kommen. Aber hier: Du steigst ein und wieder aus. Es ist so einfach!

Was habt ihr euch im Vorfeld anders vorgestellt?

Benjamin: Wie bereits gesagt: Ich dachte die Leute seien eher verschlossen. Ich hatte Angst, dass ich mit meinem anfangs gebrochenen Deutsch ausgeschlossen werden. Doch die Leute kamen sofort auf mich zu und sprachen mit mir. So verlor ich die Angst vor dem Sprechen. Jack: Mir ging es gleich. Nun habe ich richtig gute Freunde hier, die mich unterstützen.

Was mögt ihr an Baden?

Benjamin: Die Kultur. Es gibt viele Museen, Kinos und Konzerte. In meiner Heimatstadt ist es ähnlich. Das gefällt mir. Jack: Den Dönerstand an der Badstrasse. Ich liebe Kebab. Ich habe das vorher nicht gekannt. (lacht)

Was werdet ihr vermissen?

Benjamin: Ich werde meine Gastfamilie sehr vermissen. Sie hat mich super aufgenommen. Auch mein bester Schulfreund wird mir fehlen. Jack: Auf jeden Fall meine Gastfamilie. Sie haben sich sehr gut um mich gekümmert und mir vieles gezeigt. Auch meine Gastschwester werde ich sehr vermissen. Sie ist fast gleich alt wie ich und wir waren von Anfang an auf der gleichen Wellenlänge. Es wird nicht einfach sein, zu gehen.

Und auf was freut ihr euch zu Hause?

Benjamin: Auf das Essen. In Venezuela isst man mehr Fleisch – eigentlich isst man generell mehr. Auf das freue ich mich. Jack: Das alles so gross ist. Das ist mir vorher nie aufgefallen. Die Schweiz ist klein und alles ist sauber. In den USA ist alles grösser und ein bisschen «verbraucht», ich mag das.

Ihr seid ja nun Experten. Wie würdet ihr euren Freunden zu Hause die Schweiz beschreiben?

Benjamin: Das ist schwierig. Ich denke, dass «alles in einem» es gut beschreibt. Du hast hier viel Kultur, verschiedene Sprachen. Auch wettertechnisch gibt es alles: Ihr habt vier Jahreszeiten, in Venezuela gibt es nur Sommer oder Regenzeit (lacht). Jack: Beni, das war sehr gut auf Deutsch erklärt (lacht). Ich würde es meinen Freunden so beschreiben: Die Schweiz ist einfach das Gegenteil von Amerika. Es ist alles kleiner, dafür besser.

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