Baden
Axpo-Zentrale: Hier werden per Knopfdruck ferne Kraftwerke gesteuert

Die Energie- und Netzleitstelle in Baden bewirtschaftet den Strombedarf von drei Millionen Menschen. Wenn hier etwas schief läuft, gehen die Lichter aus.

Hans Lüthi
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Vom Kommandoraum in Baden aus wird der Strom für drei Millionen Bezüger gesteuert.

Vom Kommandoraum in Baden aus wird der Strom für drei Millionen Bezüger gesteuert.

Alex Spichale

Bildschirm reiht sich an Bildschirm, wie im Tower eines Grossflughafens. Der Kommandoraum am Axpo-Hauptsitz in Baden ist für die sichere Stromversorgung in der Nordostschweiz lebenswichtig. Bei der Schlüsselenergie müssen sich Produktion und Verbrauch ständig die Waage halten, sonst gehen alle Lichter aus.

Im Stromhirn der Axpo fliessen alle Fäden zusammen, 40 000 Meldungen und 20 000 Messwerte werden hier täglich für die Operateure verarbeitet. «Unsere Aufgabe ist komplexer geworden», sagt Ivo Müller, Leiter der Energie- und Netzleitstelle, bei einem Rundgang. Deutschlands 40 Prozent erneuerbare Energie verzerren den Markt stark. Oft herrscht Überfluss, wenn Sonne und Wind für volle Produktion sorgen. In Extremfällen gibt es noch Geld für jene, welche den Strom verwerten können. Dann wird Wasser in die Speicherseen gepumpt.

Per Taste Kraftwerke schalten

In der Leitstelle kommt die neuste Technik zum Einsatz, um den Operateuren die schwierige Arbeit zu erleichtern. Tagsüber sitzen vor den Dutzenden von Bildschirmen drei bis vier Operateure, um die Netze und Kraftwerke zu steuern. In der Nacht genügt ein Überwacher, weitere sind jedoch auf Pikett und notfalls rasch vor Ort. Für die letzte grosse Krisenlage sorgte der Orkan Lothar am Stephanstag 1999. Auch Hochwasser können zu Ausfällen führen. So im August 2007, als das überschwemmte Kraftwerk Rüchlig in Aarau kollabierte und ein Strommast in die Aare stürzte.

Rund 10 Speicher-Kraftwerke lassen sich von der Badener Zentrale aus per Tastendruck auf dem multifunktionalen Keyboard steuern, um die Produktion innert Sekunden bedarfsgerecht zu steigern oder zu senken. Neben 2400 Kilometern Stromautobahnen der Höchstspannung werden von Baden aus rund 2000 Kilometer Netze der Hoch- und Mittelspannung plus 170 Unterwerke gesteuert und überwacht.

Sicherheit auf allen Stufen

Mit der stufenweisen Marktöffnung ist es schwieriger geworden, die Versorgungssicherheit zu erhalten, weil die Stromproduktion und auch der Verbrauch schlechter prognostizierbar sind. Pro Jahr kommt es in den Axpo-Hochspannungsnetzen zu rund 250 Abschaltungen von Leitungen, meist wegen äusserer Einflüsse wie Vögel oder Blitzeinschläge. «In 90 Prozent aller Fälle schalten sich die Leitungen selber wieder ein», versichert Ivo Müller. Andernfalls muss eine Reparatur-Equipe im Feld den Baum auf der Leitung oder eine andere Störungsquelle suchen und entfernen.

Die Sicherheit des Höchstspannungsnetzes basiert auf europäischer Solidarität, an der die Schweiz und rund 30 Staaten mitwirken. «Jeder Partner ist verpflichtet, ständig genügend Reserven bereitzuhalten», unterstreicht Müller. Der zuständige Netzbetreiber Swissgrid schreibt über 900 Megawatt Reserve aus – und muss die Kraftwerk-Betreiber dafür entschädigen. Fällt die Frequenz unter 50,0 Hertz, wird zuerst automatisch Kraftwerksleistung zugeschaltet.

Den Blackout verhindern

Bei einem zu starken Absinken der Frequenz würden europaweit schrittweise immer 10 bis 15 Prozent der Kunden automatisch abgeworfen – um den totalen Blackout zu vermeiden. «Das geschieht automatisch durch im Netz integrierte Schutzgeräte. Also ohne jede Diskriminierung von Bezügergruppen. Wir können nicht Städte, Spitäler oder Polizei bevorzugen», betont Ivo Müller.

Denn: «Wenn noch die Hälfte der Netze funktioniert, ist es relativ einfach, die ganzen Netze wieder aufzubauen», sagt Müller. Sicherheit ist auch bei der Kommandozentrale wichtig, vom Zutritt via Schleuse bis zu den schusssicheren Fenstern. Sollte die Netzleitstelle ausfallen, sitzen die drei Millionen Stromkunden deshalb nicht im Dunkeln. Die Server sind an einem anderen Ort, im Notfall würde eine gebunkerte Notzentrale die Funktion übernehmen.

Alles technisch Mögliche wird getan, damit der für Private und die Wirtschaft unentbehrliche Lebenssaft Strom ständig fliesst und überall jederzeit in beliebiger Menge angezapft werden kann.

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