Baden
Bach-Kantaten im modernem Gewand

Peter Konwitschny inszenierte Bach-Kantaten unterm Titel «O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit.» im Kurtheater.

Elisabeth Feller
Drucken
Teilen
Am Kongress ist der Meinungsstreit voll entbrannt: Szene aus Peter Konwitschnys Inszenierung zweier Bach-Kantaten. ZVG

Am Kongress ist der Meinungsstreit voll entbrannt: Szene aus Peter Konwitschnys Inszenierung zweier Bach-Kantaten. ZVG

zvg

Das dauert ja eine Ewigkeit: Wer hat nicht schon aufgestöhnt, weil die Zeit partout nicht vergehen will. Auch der Mann in der kargen Bürozelle lebt mit der Zeit, vielmehr den Minutenzeigern, die auf der grossen Uhr an der Wand nach einer gefühlten Ewigkeit anzeigen: 20.10 Uhr. Zehn Minuten sind verstrichen und noch ist nichts passiert auf der Bühne des Kurtheaters. Unmutigen würde Regisseur Peter Konwitschny wohl entgegenhalten: «Schauen Sie genauer hin.»

Die Ruhe vor dem Sturm

Das Publikum begegnet am 21. Januar – notabene Konwitschnys 70. Geburtstag – dem ersten Part eines zweiteiligen Abends, der die um Zeit und Ewigkeit kreisenden Bach-Kantaten «Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben» und «O Ewigkeit, du Donnerwort» szenisch verlebendigt. Das ist ein kühnes Unterfangen, das auch Skeptiker auf den Plan ruft: «Was soll das? Bachs Musik steht für sich. Nur die Texte, na ja ...» Gerade dieses «na ja» reizt Konwitschny, weil er den – aus heutiger Sicht – schwer erträglichen Kantaten-Sätzen aktuelle Bezüge entlocken will. Also klopft er sie ab und stockt bei Zeilen wie etwa diesen: «Erschrecke doch, Du allzu sichre Seele! Denk, was dich würdig zähle; Der Sünden Joch. Die Gotteslangmut geht auf einem Fuss von Blei; Damit der Zorn hernach dir desto schwerer sei».

Der Regisseur nimmt das Erschrecken beim Wort und eignet es dem Mann im Büro zu, der beklommen einer inquisitorischen Befragung entgegensieht. Noch schweigt das Orchester le phénien (Leitung: Johannes Harneit) und der Chor. Aber dann stossen schwarz gekleidete Frauen und Männer die Türe auf, knallen Aktenordner auf den Tisch, wollen den Mann zu einer Unterschrift zwingen. Als dieser sich weigert, misshandeln sie ihn. Und wir zucken zusammen, weil wir dazu ergreifende (Kirchen-)Musik hören und Worte, die – in einen weltlichen Zusammenhang gestellt – eine neue Bedeutung bekommen: «Verblendter Sinn, ach kehre doch zurück», ermahnen die Täter ihr Opfer. Wohin zurück? In einen Gottesstaat?

Einen solchen errichten christliche Fundamentalisten nämlich am Ende des zweiten Teils, nachdem sie einen Kongress gestört haben, bei dem religiöse und physikalische Auffassungen über das Wesen der Zeit aufeinanderprallen. Peter Konwitschny lässt hierzu Sänger als Wissenschafter Enrico Fermi, Albert Einstein und Stephen Hawking auftreten: Der Aha-Effekt ist gross, lässt einen lächeln, aber auch darüber nachdenken, wie man Bachs Kantaten künftig begegnen wird. Geschärften Sinnes.

Aktuelle Nachrichten