Montagsporträt
Bäcker Pierluigi Ghitti: «Menschen wollen am Erfolg teilhaben»

Pierluigi Ghitti hat in zehn Jahren ein kleines Bäckerei-Imperium aufgebaut – seine Söhne stehen in den Startlöchern. Für seine Söhne hat er immer ein offenes Ohr und diese erzählen, wie sie den Vater in der Backstube erleben.

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«Ich habe bewiesen, dass man es auch als Realschüler zu etwas bringen kann.»

«Ich habe bewiesen, dass man es auch als Realschüler zu etwas bringen kann.»

Alex Spichale

Pierluigi Ghitti ist nur ein Bäcker, er sieht auch aus wie einer. «In den letzten drei Jahren habe ich mein Gewicht etwas heruntergebracht», sagt der 51-Jährige stolz. In den nächsten Jahren will er nochmals zünftig abspecken, «dann bin ich die total 40 Kilos wieder los, die ich seit der Geburt meines ersten Sohnes vor 16 Jahren zugelegt habe», so der zweifache Familienvater, den alle einfach nur «Ghitti» nennen. 40 Kilos in 16 Jahren?

«Als gelernter Bäcker und Konditor, wüsste ich ja theoretisch genau, welche Lebensmittel wie viele Kalorien enthalten und wie viel man essen dürfte, um nicht übergewichtig zu werden.» Doch Theorie und Praxis seien halt zwei verschiedene Paar Schuhe.

«Jeden Morgen, wenn ich die Backstube betrete, befinden sich genau auf Augenhöhe absolut leckere Schinkengipfeli. Zuerst kann man noch widerstehen. Doch spätestens beim dritten Mal vorbeigehen habe ich zugegriffen.» Weil er zudem nach der Geburt seines ersten Sohnes aufgehört habe, Sport zu treiben und als Fussball-Linienrichter zu agieren, sei er dicker und dicker geworden. «Vor drei Jahren erreichte ich den Punkt, an dem ich die Wahl hatte. Entweder ich ändere jetzt meine Essgewohnheiten oder ich platze.»

Fast vor Stolz platzt Ghitti, wenn man ihn auf seine Erfolgsgeschichte als Betreiber einer eigenen Bäckerei «Spitzbueb» mit den drei Filialen in Dättwil, Baden und Wettingen anspricht. Dass er heute Bäcker und nicht etwa Besitzer einer Garage ist, ist auch einem Missgeschick geschuldet. Doch der Reihe nach: Im Alter von sechs Jahren zogen Ghittis Eltern – diese stammten aus Norditalien – mit ihren drei Söhnen von Thalwil nach Wettingen an die Berninastrasse.

«Mein Vater war Gleisbauer; weil in Spreitenbach die Rangieranlage gebaut wurde, gab es viel Arbeit.» In Wettingen hätten er und seine drei Geschwister – es kam noch eine Schwester dazu – eine sehr schöne Kindheit verbracht. «Ich erinnere mich noch heute an den Duft des Caffè Corretto, den mein Vater morgens immer getrunken hatte.» Die Mutter sei immer für die ganze Familie da gewesen. «Zu sechst lebten wir in einer 4-Zimmer-Wohnung; da war immer etwas los», sagt Ghitti lachend. In der Freizeit habe er beim FC Wettingen leidenschaftlich Fussball gespielt. «Das hat dann auch dazu geführt, dass ich ein nicht besonders guter Schüler war; als Jugendlicher hatte ich eigentlich nur Fussball und Frauen im Kopf.»

Das Missgeschick in der Garage
Nach der Schule habe er erst eine Töff- und Velomechanikerlehre machen wollen. Doch weil die einzige Lehrstelle in Buchs war, begrub er diese Idee wieder. «Danach absolvierte ich eine Schnupperlehre als Automech in der City Garage in Wettingen.» Und hier kommt das besagte Missgeschick ins Spiel. «Beim Putzen betätigen ich und ein Kollege den Autolift falsch, was zur Folge hatte, dass wir das Auto regelrecht in die Decke drückten.»

Wenig überraschend habe er die Lehrstelle dann nicht bekommen. «Also entschied ich mich für eine Bäcker- und Konditorlehre und absolvierte diese bei den Bäckereien Domeisen und Schweighauser in Wettingen.» Schon im zweiten Lehrjahr habe er gewusst, dass er einst die Meisterprüfung absolvieren werde. Diese absolvierte er denn auch im Alter von 24 Jahren.

In den folgenden Jahren arbeitete er in verschiedenen Bäckereibetrieben als Lehrlingsbeauftragter. «Später absolviert ich noch eine Ausbildung als Marketingplaner und wechselte von der Backstube in den Aussendienst. «Ich besuchte Bäckereien in ganz Europa.»

Doch nicht nur beruflich tat sich viel. 1995 kaufte sich Ghitti in Dättwil ein Haus. 1999 kam Sohn Paolo zur Welt, drei Jahre später der jüngere Bruder Enea. In der Zwischenzeit hatte Ghitti beim welschen Brot- und Dauerbackwaren-Hersteller «Pouly Tradition» angeheuert, der damals 700 Mitarbeiter beschäftigte. «Als sich ein Wechsel an der Spitze der Firma abzeichnete, ermutigte mich der Patron Aimé Pouly, mich für die Stelle zu bewerben.»

Das habe ihn natürlich sehr geehrt. Doch die Zusage hätte auch bedeutet, dass Ghitti mit seiner Familie an den Lac Léman nach Genf hätte ziehen müssen. «Deshalb bewarb ich mich nicht. Ich wusste aber auch, dass ich nicht weiter für Pouly arbeiten konnte, nachdem ich seine Offerte ausgeschlagen hatte.» Gleichzeitig habe er sich gesagt: «Offensichtlich traut man mir zu, einen Betrieb mit 700 Angestellten zu führen; dann kann ich mich ja auch genauso gut selbstständig machen.»

Und so kam es denn auch. Vor nicht ganz zehn Jahren eröffnete Ghitti in der ehemaligen Werkhalle Demuth seine erste Bäckerei und nannte sie «Spitzbueb». Der Erfolg liess nicht lange auf sich warten und so eröffnete er 2008 an der Mellingerstrasse und 2010 unweit des Stadions Altenburg zwei weitere Filialen. «Einmal ist Aimé Pouly vorbeigekommen und hat mir anerkennend auf die Schultern geklopft. Das war die Versöhnung – wenig später ist er leider verstorben.»

«Es ist mir nie ums Geld gegangen»
Auf die Schulter klopfen kann sich Ghitti auch selbst. Ihm ist es gelungen, innerhalb von zehn Jahren ein kleines Bäckerei-Imperium auf die Beine zu stellen. Doch weiter expandieren möchte er zurzeit nicht. «Das Erfolgsgeheimnis ist die Qualität. Je grösser der Betrieb ist, desto schwieriger wird es, diese aufrechtzuerhalten», so Ghitti, dessen Firma heute rund 40 Angestellte beschäftigt. Ein weiterer Erfolgsgarant sei das Nachziehen von eigenen guten Leuten. «Heute werden unsere drei Standorte von Mitarbeiterinnen geführt, die im eigenen Betrieb weitergebildet wurden. Das ist wichtig, weil wir alle die gleiche Philosophie verinnerlicht haben.»

Ghitti gehört nicht zu jenen, die ihr Licht unter den Scheffel stellen. Im Gegenteil: Er zeigt gerne, dass es ihm geschäftlich rund läuft. So fährt er schon mal mit seinem italienischen Fahrzeugpark vor; von den Vespas über die Apes bis zu seinem roten Ferrari. «Es ist mir im ganzen Leben nie ums Geld gegangen, habe einfach immer hart gearbeitet.»

So habe er sich schon als Jugendlicher die roten «Adidas Suisse» leisten können. «Die waren mit fast 80 Franken sehr teuer; ich habe mir das Geld mit Zeitungsvertragen verdient.» Dass er offen zeigt, dass er es zu was gebracht hat, habe auch System. «Wenn man zeigt, dass man Erfolg hat, macht das die Menschen neugierig, man ist im Gespräch und die Menschen wollen an diesem Erfolg teilhaben», ist Ghitti überzeugt.

Aber nochmals: Das Materielle sei nie seine Triebfeder gewesen. «Meine grösste Genugtuung ist es, dass ich bewiesen habe, dass man es auch als Realschüler zu etwas bringen kann.» Ghitti ist überzeugt, dass dies auch heute noch Gültigkeit habe. Dass man also auch heute Erfolg haben kann, selbst wenn man nicht an die Bezirksschule geht. Er stelle immer mal wieder Realschul-Abgänger als Lehrlinge ein, «wenn das Bauchgefühl stimmt. Natürlich wurde ich auch schon enttäuscht, aber das kann dir bei jedem Lehrling passieren».

Keine Chance beim Pingpong
Apropos Lehrling. Sein heute 16-jähriger Sohn Paolo macht beim «Spitzbueb» seine Lehre und auch der jüngere Spross denkt laut darüber nach. «Ist doch logisch, wenn Sie jeden Abend sehen, wie gut gelaunt der Vater nach Hause kommt», so Ghitti, der nach eigener Aussage jeden Tag in seinen Bäckereien anzutreffen sei. Dabei nimmt er sich auch immer Zeit für einen kurzen Schwatz mit Bekannten und Kunden. «Viele erleben mich als geselligen Typen, doch zwischendurch habe ich es auch gerne etwas ruhiger in meinen eigenen vier Wänden.» Diese befinden sich seit letzten Sommer in Ennetbaden.

Gegen Ende des Gesprächs erscheint noch Ghittis Sohn Paolo. Was er an seinem Papi schätze? «Er nimmt sich immer viel Zeit für mich und meinen Bruder.» Und wenn bei der Arbeit einmal ein Fehler passiere, bleibe er auch ganz ruhig. «Er hilft uns dann und greift korrigierend ein. Und vor allem lebt er uns vor, dass man an seinem Beruf Freude und Spass haben soll.»

Spass hat Ghitti auch neben dem Beruf. Er ist Mitglied der Spanischbrödlizunft und seit Herbst 2014 Präsident des FC Wettingen. «Dank diesen Engagements kann ich der Region, mit der ich so sehr verwurzelt bin, etwas zurückgeben.» In der Politik werde man ihn aber nie sehen. «Als Produzent eines täglichen Konsumguts will ich politisch neutral sein.»

Was er sich sonst noch im Leben erhoffe? «Ach, nichts Wahnsinniges. Einfach jeden Tag mindestens einmal lachen und wenns geht einmal Töggeln oder Pingpong spielen.» Sagts, und lädt den Journalisten zum Abschluss auf ein Tischtennisspiel im Keller seiner Bäckerei ein. Ghitti mag ein paar Kilos zu viel auf den Rippen haben: Nach fünf Minuten ist das Spiel zu Ende. Ghitti hat fast alle Punkte für sich entschieden und lacht herzhaft – Tagesziel erreicht.

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