BT-Kolumne
Baden-Balladen (66): Kuckuck noch mal!

In seiner neuen Kolumne tritt Simon Libsig online auf Zoom auf.

Simon Libsig
Simon Libsig
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«Papa hat jetzt dann gleich einen wichtigen Auftritt», sagte ich zu den beiden Löwen. Aber sie hörten mich nicht. Also winkte ich mit beiden Händen, um ihre Aufmerksamkeit zu erhalten, ja, ich trat sogar mit dem Fuss gegen das Sofa, über das sie gerade rollten, als wilder Knäuel, ineinander verzahnt, kämpfend und zeternd. Nichts. Deshalb griff ich zur Ultima Ratio. Der Fernbedienung. Schon standen die beiden in Habachtstellung vor dem Fernseher und scrollten mit ihren Zeigefingerchen über den Bildschirm, um mir bei der Programmauswahl zu helfen. «Kein Touchscreen, das ist kein Touchscreen», wiederholte ich mantramässig, während die Fettschmieren im Lichte der untergehenden Sonne deutlich sichtbar und länger und länger wurden. Aber gut. Nun war Ruhe.

Während dreier Folgen «Robin Hood» würden die beiden Löwen nun wie artige Schmusekätzchen zufrieden vor sich hin schnurren, und ich würde ungestört an dieser Zoom-Konferenz auftreten können. 200–300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden erwartet. Das Thema zog offenbar. «Einsam vor dem Bildschirm.» Ich hatte mir grosse Mühe gegeben, eine möglichst lustige, aufbauende Geschichte zu schreiben, die alle vereint, und war nun nervös, sie an meinem Computer, mit Headset, in die Kamera hinein zu erzählen.

Sicherheitshalber stellte ich den Löwen noch ein Schüsselchen Popcorn hin, dann verzog ich mich in den obersten Stock, wo ich das Estrich-Kämmerlein in den letzten Wochen zu einem kreativen Arbeitsplatz hergerichtet hatte. Meine Frau nennt es die «Räuberhöhle». Und ich bin ein wenig stolz darauf. Bis ich nur schon diese riesige Disco-Kugel installiert hatte, Stunden, Stunden, aber gut. Ich platzierte noch rasch ein paar gewichtige Bücher in meinem Hintergrund, dann drückte ich den Einladungslink. Und wartete.

Die hohe Auflösung heutiger Kameras gereicht nicht allen zum Vorteil

Normalerweise warte ich hinter dem Bühnenvorhang auf meinen Auftritt. Oder ich sitze mit allen im Konferenzsaal und werde von dort her auf die Bühne gebeten. Auf jeden Fall habe ich eine Vorstellung vom Publikum, das mich gleich erwarten wird. Ich spüre es. Alle meine Antennen sind voll auf Empfang und ich nehme Stimmungen wahr. Das ist überlebenswichtig in diesem Job.

Wie oft entschied ich mich schon innerhalb eines Bruchteils von Sekunden um, während ich auf die Bühne kam, und wählte eine andere Geschichte als die ursprünglich geplante, einfach, weil es die Stimmung verlangte. Nun. Bevor ich die Zoom-Bühne betrat, spürte ich nichts. Ausser, dass ich vielleicht besser hätte vor dem Computer stehen sollen, als mich in diese viel zu kleine Hängematte zu quetschen. Aber es half nichts mehr. Zack war ich live dabei!

Die Moderatorin stellte mich kurz vor, während ich heillos überfordert in die sechs Gesichter starrte, die es mir auf meinem Bildschirm anzeigte. Ich sage es mal so, die enorm hohe Auflösung der heutigen Kameras gereicht nicht allen zum Vorteil. Und Einsamkeit schon gar nicht. Und was würden die wohl alle an mir entdecken? Das eingewachsene Barthaar? Meine Teufelsaugenbraue?

«Ist das überhaupt Libsig?»

Wenn ich normalerweise ins Publikum schaue, dann sitzen die alle im selben Raum vor demselben Hintergrund. Aber hier blickte ich in sechs verschiedene Räume, ja Welten, und mein nervöses Hirn begann sofort damit, alles zu analysieren, einzuordnen und zu schlussfolgern. Ich hatte wirklich Mühe, mich auf das Geschichtenerzählen zu konzentrieren. Zumal gefühlt 300 der nun doch nur 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer vergessen hatten, ihre Mikrofone stummzuschalten. Es war ein Blindflug. Jegliches Timing fehlte. In den sechs Gesichtern konnte ich ablesen, dass meine Sätze und Pointen überall zu einem anderen Zeitpunkt ankamen, oder gar nicht. Ob nur akustisch oder auch inhaltlich, wusste ich nicht. Hätte ich vielleicht erfahren, hätte ich die Nachrichten gelesen, die alle paar Sekunden vor mir aufploppten. Ja, die chatteten während meines Auftritts.

«Ist das überhaupt Libsig?» war das Einzige, das ich aufschnappte, als ich kurz den Faden verlor und einen Schluck Wasser trinken musste. Ich kann Ihnen sagen, wie es mir da ging. Ich fühlte mich einsam vor dem Bildschirm. Aber zum Glück nur für einen kurzen Moment. Dann stürmten die beiden Löwen herein, beide verkleidet als Robin Hood, und schossen mit ihren Pfeilen meinen Bildschirm kaputt. Ich konnte nicht mal mehr winken. Ich war sofort offline. Und im selben Moment wieder mit dem Leben verbunden.

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